Dunkelgrün fast schwarz (Mareike Fallwickl)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 22.04.2018

“Arschlochkind” was für ein Wort ist das denn? Schließen sich nicht die beiden Wortbestandteile schon gegenseitig aus? Mit Kind verbinden wir niedlich, vielleicht auch arglos und mit Arschloch genau das eben nicht – und doch, bei genauerem Hinsehen sind wir ihnen sehr wahrscheinlich alle schon einmal begegnet, solchen Kindern.

Was läßt die Einen zum Schläger werden und die Anderen zum Vermittler? Was läßt sie ihren Eltern entgleiten, oder hatten diese es nie in der Hand?

Erinnerungssplitter wirbeln in mir auf, an den “Schulhofprügler”, den “Taschengelderpresser” die “Lieblings-Füllerdiebin” meiner Grundschulzeit. An das Herzklopfen beim Zurückstehlen des teuren Füllers, wie hätte ich meinen Eltern auch erklären können, dass er fort war, ohne entweder Ärger zu bekommen oder ihre Einmischung zu provozieren, die alles nur noch schlimmer gemacht hätte …

Kinder können gemein sein, grausam, wie es nur Kinder sein können? Oh, ja. Was macht sie dazu? Was bringt Sie soweit?

Wutkinder”. Im Supermarkt wälzen sie sich am Boden, schreiend, trampelnd, die Eltern stehen hilflos, beschämt und gedemütigt oder voller Zorn daneben. Später spazieren die Kleinen, ein Eis leckend vorbei, ein siegessicheres Grinsen auf den Lippen. Bilder aus meinem Alltag …

Auch Mareike Fallwickl hat eine Alltagsbeobachtung gemacht, die sie zu diesem Roman inspiriert hat, erzählt sie in einem Interview. Auf einem Spielplatz rutscht ein Junge mit voller Absicht in ein kleineres, am Boden liegendes Kind hinein. Blickt ihr dann offen lächelnd in der Gewißheit ins Gesicht, dass Sie nichts sagen wird …

In ihrem Debütroman stellt sie uns neben Marie, Johanna und Raffael, Moritz vor. Schon mit drei Jahren kann er die Farben, die Auren, der anderen sehen, ihre Stimmungen, sogar die Atmosphäre in Räumen, Häusern, seiner Umgebung nimmt er farblich war. Das ängstigt ihn als Kind, macht ihn später, als er es nicht mehr verleugnet, zum intensiven Beobachter und treibt ihn hin zu Raffael, der so wunderschön hellgrün strahlt …

Dunkelgrün fast schwarz

Was wollte er hier? Mitten in der Nacht? Ausgerechnet heute, jetzt, nach all der Zeit? Jetzt, wo Moritz sich in seinem Leben eingerichtet hatte, seine Frau schwanger und er was, glücklich war?

Als Raffael nach über sechzehn Jahren Funkstille regenfeucht vor ihm steht und ihn entwaffnend angrinst, läßt Moritz ihn rein. Zögernd, mißtrauisch, von einem unguten Gefühl durchdrungen. Er brauche eine Schlafstatt, nur für diese eine Nacht, alle Hotels seien ausgebucht. Eigentlich habe er ja vorher anrufen wollen, so Raffaels lahme Entschuldigung. Sie kennen sich seit sie drei Jahre als sind. Haben ihre Kindheit zusammen verbracht, sind Blutsbrüder – so landet Raffael auf seiner Couch und Moritz schiebt seine Bedenken zur Seite, auch seine Wahrnehmung. Denn die einst limonengrüne, helle Aura seines Freundes hat sich verdunkelt, ist zu einem dunkelgrün, ja fast schwarz geworden …

Er war fort und Johanna sich nicht sicher, ob sie das Katz und Mausspiel nicht mehr leid war, als sie es liebte. Sie vermisste ihn, und hatte diesmal keine Ahnung wohin er verschwunden sein könnte. Zwischen dem was er zurückgelassen hatte fand sich kein Hinweis, akribisch hatte sie alles durchsucht, selbst seine Schmutzwäsche die noch hier war und den Inhalt des Papierkorbs. Seit vierzehn Jahren ließ er sie jetzt immer wieder zurück, seit vierzehn Jahren wartete sie auf ihn, immer wieder. Erst schickte er ein Zeichen, einen Hinweis, dem sie folgen konnte, wie bei den ausgestreuten Brotkrumen in einem Märchen. Nie hatte er aber vorher alles ausgelöscht so wie diesmal, auch alle digtalen Spuren verwischt …

Mareike Fallwickl – geboren 1983 in Hallein, lebt im Salzburger Land und macht hier ihre Heimat zum Schauplatz ihres Debüt-Romans. Seit 2009 pflegt Fallwickl einen Literaturblog, arbeitet als freie Texterin und Lektorin.

Ihr Roman ist trotz Moritzes Fähigkeit Auren zu lesen alles andere als esoterisch. Mit forschenden Augen blickt dieser in die Welt, durchdringt sie und die Personen um ihn herum. In seiner Zugewandheit und mit einer Fürsorglichkeit, die rührend ist, sucht er seinen Platz im Leben, sucht nach Anerkennung. Seiner Sandkastenfreundschaft mit Raffael, dem Bad Guy, der an Gemeinheit schon im Kindergarten nicht zu überbieten war, mit seinem nach außen hin perfekten Elternhaus, ist er mir Haut und Haaren verfallen, genauso wie Johanna. Die Dritte im Bunde, als Teenager verliert sie beide Eltern und kommt bei einer Tante unter, die nichts mit ihr anfangen kann. Das Band zwischen den beiden Buben ist ihr gleich aufgefallen und wenn sie eines will, dann zu diesen beiden Unzertrennlichen gehören …

Marie, die Mutter von Moritz, übernimmt eine weitere Schlüsselrolle. Ungewollt und viel zu früh schwanger, von den Schwiegereltern abgelehnt, der Ehemann im Medizinstudium, ist sie viel zu viel allein. Wie hineingeschoßen wird sie in dieses kleinstädtische, ja dörfliche Leben in der Nähe von Salzburg. Hier, wo hinter vorgezogenen Gardinen ein prüfender, argwöhnischer Blick auf die Fremde, die Zugezogene geworfen und getuschelt wird, man sie auf der Straße aber weder offen ansieht noch anspricht. Mir, die auch eine Zugezogene auf dem Dorf ist, kommt das alles sehr bekannt vor …

Ja, man zieht schnell als Leser den Kopf ein, denn man sieht das Unheil kommen, schon bevor die ersten hundert Seiten gelesen sind. Schüttelt den Gedanken dann wieder ab, versucht wie Moritz das Licht zu sehen, bei stetig wachsenden Zweifeln.

Plakativ schildert Fallwickl Verletzungen, verbale und körperliche, innere und äußere, zeigt auf, wie leicht diese zufügbar sind, besonders dann, wenn man sich gut kennt. Sie baut erotische Szenen ein, ohne pornografisch zu werden, verstärkt so Abhängigkeiten zwischen ihren Figuren. Zerissene Manipulatoren, die nach außen hin unbeugsam erscheinen, einsame, sensible Helden gestaltet sie dabei ebenso glaubwürdig aus, wie verzweifelte Mütter und vernachlässigte Ehefrauen.

Über die Gefühle Ihrer Figuren erzählt sie uns viel, beschreibt sie mit einer Körperlichkeit, die drastisch und eindringlich ist. Läßt uns Wut schmecken, Galle spucken, aber auch Leidenschaft und Sehnen kosten. Fallwickl bedient sich dabei einer sehr bildhaften, unverstellten Sprache. Wie kunstvoll geschmiedete Pfeile sind ihre Sätze, mal sirren sie noch rotglühend und roh los, mal suchen sie zischend, glatt poliert und schimmernd ihr Ziel. Immer treffen sie ins Schwarze, punktgenau, verletzen, verhöhnen oder versöhnen. Nie wirken sie bemüht oder angestrengt. Hut ab, davor!

Seitenweise hätte ich Markierungen machen können, mit Formulierungen die mich innehalten und nachdenken ließen, die ich mehrfach gelesen habe, so muß ein Roman sein, an den ich lange zurückdenke, der sich in mein Herz gräbt. Fallwickl erzeugt durch Rückblenden und Perspektivwechsel eine Grundstimmung, die packt und spannend ist bis zu letzten Zeile, einen voran treibt, weil man endlich erfahren will, was sich abgespielt hat, damals und zwischen den Dreien.

Und, ja, das Leben ist lebensgefährlich und verhängnisvoll, und unausweichlich und schicksalhaft, und wir alle begegnen ihnen auch als Erwachsene, gleich ob wir sie schon als Kinder kannten oder nicht, Menschen, die dunkelgrün fast schwarz sind …

 

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