Das Licht ist hier viel heller (Mareike Fallwickl)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 08.09.2019

Einzelne Sonnenstrahlen streifen durch die Äste. Dort wo sie auf den Boden auftreffen, schimmert es sanft im Gras. Staubkörnchen tanzen in der trockenen Luft und wenn man diesen Lichtvorhang durchschreitet, hält der Zauber noch für einen Moment lang an, um dann zu verfliegen. Ich drehe mich um. Wie in Gold getaucht schließen die Bäume hinter mir ihr Spalier, lassen meinen Blick nicht mehr hindurch …

Ich träume Tagträume vom Nichtstun, vom Beine hochlegen, von freier Zeit. Was wäre wenn, eine solche Untätigkeit aber unfreiwillig anhalten würde? Man dazu verdammt wäre, “abgewählt” wird. So wie bei ihm hier, der offenbar völlig außer Kontrolle geraten ist und der sich gleich einen weiteren Tiefschlag abholen wird …

Das Licht ist hier viel heller (Mareike Fallwickl)

Die Faust landete im Gesicht seines Gegenübers und Wenger in der Geburtstagstorte seiner Ex-Frau. Dabei hatte er gar nicht vorgehabt, den jugendlichen Fitnesstrainer-Freund seiner Ex zu schlagen. Er war eigentlich  schon im Gehen begriffen, als seine Tochter ihm eröffnet hatte, jener welcher, also sein Nachfolger, habe einige Bücher aus seiner Sammlung verkauft. Diese Sammlung war sein ein und alles und er hatte sie hier in ihrem gemeinsamen Haus nur verwahrt, weil seine neue Wohnung, in die er nach dem Auszug geflohen war, viel zu klein war für seine Schätze.

Die Ankündigung seiner Tochter war wie der Druck auf den Raketenknopf gewesen. Er war schier ausgeflippt, und zahlreiche online gestellte Handy-Videos seines Ausrasters illustrierten diese Show-Einlage jetzt nicht nur, sondern drehten im Netz die ganz große Runde. Seiner Ex-Frau und ihren Gästen hatte er so wahrhaftig eine unvergessliche Party beschert …

“Ist der Ruf erst ruiniert lebt sich’s völlig ungeniert”. Mit diesem Sprichwort könnte man Wengers Vita kurz zusammenfassen. Der einst erfolgreiche Schriftsteller hatte gerne gekokst und war keinem amourösen Abenteuer abgeneigt gewesen, auch die ganz jungen hatte er nicht verschmäht. Seine Ehe hatte da auf Dauer nicht mithalten können und als sich seine Frau emanzipierte und auch ein paar Pflänzchen zertrat, fand er das plötzlich gar nicht spannend. Seine Fans und auch die, die ihn immer schon verachtet hatten, sahen ihn jetzt am Tiefpunkt und wenn er ehrlich war, dann sah er sich auch genau dort …

Frauengeschichten, Schreibblockaden, Techtelmechtel, Teenagerträume. Analog trifft digital auf Tinder & Co.. Bei den jugendsprachlichen Einwürfen habe ich bisweilen genauso Bauklötze gestaunt wie unser Schriftsteller. Wir dürften auch fast ein Jahrgang sein.

“Es gibt kein vorne im Leben und kein hinten, es ist nicht möglich, sich zu verorten in diesem Fluss, der die Zeit ist.” (Textzitat)

Eine Ehe zerbricht, eine Familie zerfällt, die wenn man ehrlich ist, nie eine war. Zwei Kinder wurden in sie hineingeboren. Die Idee des Vaters war wohl, seine Frau damit von einem Beruf abzuhalten. Jeder der Beteiligten geht auf seine Weise mit dieser Situation um. Die Ehefrau befreit sich, findet einen neuen, jüngeren Partner. Ein herber Schlag, für den Platzhirsch, den Vater in diesem Spiel. 

“Es gibt keine stärkeren Menschen als jene, die zerbrochen waren und wieder zusammengewachsen sind.” (Textzitat)

Die beiden Kinder stellt Fallwickl uns vor, als sie siebzehn und achtzehn Jahre alt sind. Sie ringen mit ihrer sexuellen Orientierung, verlieben sich, werden nicht wieder geliebt, ausgenutzt, suchen nach ihrem Platz in dieser Welt. Halten als Geschwister zusammen wie Pech und Schwefel, vertrauen einander blind. 

Die Tochter wirkt gerne mal arrogant, dabei fehlen ihr nur zum richtigen Zeitpunkt die Worte. Zum Glück hat man noch Geld, der Vater hat schließlich mal sehr gut verdient und die Mutter ist mittlerweile ebenfalls erfolgreich. Um die existentielle Komponente muss man sich also keine Sorgen machen.

Luxusprobleme denke ich, und will mich innerlich schon von Zoey, Wengers Tochter, abwenden. Wie ihr alles weh tut, das ist mir fast ein bisschen viel. Wo dieser Roman mit mir hin will habe ich mich gefragt und dann durchfuhr es mich wie ein Blitz. Zusammenhänge, Verbindungen, geht es im Leben nicht immer nur um sie? Wir verbinden und trennen uns, manchmal unfreiwillig, halten Schmerz aus, überwinden ihn, nicht jeder von uns muss zum Glück das erleben was Fallwickl hier zum zentralen Thema macht, und doch sind Bindungen der Kitt, der unser aller Leben zusammenhält …

“Wir trafen uns in einer Welt, die nicht existiert. Bücher bieten eine bessere Zuflucht als jeder Mensch, ihre Geduld ist nicht endlich”. (Textzitat)

Und dann diese Briefe, eingestreut in den Roman-Text wirken sie wie die Kirsche auf der Sahnetorte. Ihr Adressat ist man nicht und doch hat man das Gefühl jedes einzelne Wort ist an einen persönlich gerichtet. Briefe, deren Absender Vater und Tochter in der Geschichte erreichen und berühren, im Innersten, an dem einen bestimmten Punkt. Für jeden von ihnen ist es anders und doch gleich, beide haben das Gefühl von einer völlig Fremden verstanden zu werden. 

Am Lesen gehalten hat auch mich die Neugier. Die Neugier darauf wer diese Briefschreiberin ist, denn diese Texte haben nicht nur die Figuren sondern auch mich kalt erwischt. Hier ist er wieder dieser “Dunkelgrün fast schwarz-Touch”, den ich so mochte, mit Sätzen die einen stocken lassen, die einem das Herz auf links drehen, die wütend sind, traurig und sanft. Einfach nur schön! Zig davon möchte man sich anstreichen!

“So ist das mit der Zeit, du denkst, du bist in ihren Händen geborgen, dabei drehen sie dir langsam den Hals um”. (Textzitat)

Fallwickl schreibt ihrer Schattenfigur, der Briefschreiberin, eine Traurigkeit ein, die stumm macht, lässt sie Bindeglied sein und Anklägerin zugleich. Ihre Briefe, sie tauchen im Briefkasten von Wenger auf, sind wohl an seinen Vormieter gerichtet. Grenzen wurden überschritten, was hat “Mann” angerichtet mit dieser Frau die sensibel und verletzlich wirkt. Werde ich etwas über ihren Verbleib erfahren und über das was ihr geschehen ist? Parallelen drängen sich auf. Ich fange an Vermutungen anzustellen und eine eigene Geschichte im Kopf weiterzuspinnen, das mochte ich. Weil es mir Luft macht, mir Freiheiten schaffte beim Lesen. 

Mareike Fallwickl, freie Texterin, Literaturbloggerin, Autorin. Ihr Debüt “Dunkelgrün fast schwarz” hat aus dem Stand die Herzen von zahlreichen Lesern erobert, meines eingeschlossen. Stimmungen zeichnen kann sie, diese hier ist verzweifelt und depressiv, zornig, aber auch mutig, schwanger von Versagensängsten, voll gesogen mit der Furcht des Ausgeliefertseins. Es hat dieses “Ich-bin-nicht-mehr-sicher-in-dieser-Welt” und doch auch genug Optimismus um wieder aufzustehen. Fallwickl ist die, die mit den Sätzen tanzt, die die Wolken beiseite schreiben und die Sonne wieder aufblitzen lassen kann.

Ja, es geht auch um Gewalt, um Gewalt gegen Frauen, aber sie wird nicht seziert, sie wird verarbeitet. Wie man es von ihr gewohnt ist, thematisiert Fallwickl das unangestrengt und gerade heraus, mit Sätzen, die einschlagen wie Handgranaten, die Wunden hinterlassen und Splitter. An die man lange zurück denkt. Was mir bis zum Schluß geblieben ist, ist mein Hass auf ihren Wenger, der bei mir wie ein charismatischer Wendehals ankommt, für mich ein Kotzbrocken (Verzeihung!) bleiben wird. Mit Zoey bin ich versöhnt, mir ihr und ihrem inneren Widerstreit, ich wünsche ihr Glück auf ihrem Weg …

Ich schlage das Buch zu und denke nach, auch weil ich Euch davon Schreiben will, bleibe unentschieden mit mir. Es ist unentschieden in mir. Ich horche in mich hinein. Es hat Licht hier, aber auch Schatten und die Stellen an denen das Licht heller ist im Roman, werden wohl für jeden Leser, jede Leserin andere sein. Das ist geschickt und vielleicht ja sogar beabsichtigt. Man soll ja nicht vergleichen, man nimmt sich damit den Genuß, sagt man so. Was aber soll ich machen, ihr “Dunkelgrün fast schwarz” trage ich halt immer noch in mir herum …

(Ein Klick auf das Cover und Ihr landet in meiner Besprechung dazu).

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