Die Puppe im Grase

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 12.09.2019

Hier treffen sie sich, die Berge und das Meer. Umschließen einander, eröffnen spektakuläre Aussichten. Spiegelglatte Wasserflächen, Gipfel und tiefe Täler gehen die denkbar schönste Verbindung ein, werden zu einem Fjord. Es fällt leicht in dieser ursprünglichen Landschaft an märchenhafte Wesen zu glauben. Ja, ich gehöre eindeutig zur Fraktion Nordland, durfte Norwegen schon zweimal bereisen und in diesem Jahr ist Norwegen zu Gast bei der Buchmesse in Frankfurt. Kein Wunder das, denn man liest viel hier, beherbergt großartige Autoren, deren Geschichten in viele Sprachen übersetzt wurden und werden.

Trolle gibt es hier, keine Frage, zu Heuballen auf den Feldern sagt man auch Trollpapier, wie man mir im Vertrauen, bei einer Reise in einem alten Zug zu einem stillgelegten Bergwerk, verraten hat und ich glaubte jedes einzelne Wort. Man erzählt sich gerne alte Geschichen und ich höre gerne zu, besonders wenn Nebelfetzen auf dem Wasser schweben wie Wattebäuschen, dann, ja dann ist alles vorstellbar …

Von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr sind sie gegangen diese Geschichten bis hierher zu uns, und sie rufen, >lies mich vor<, gerne auch vor dem Einschlafen.

Mal sind sanft diese Geschichten, mal trickreich, mal geben sie sich kämpferisch, aber immer sind sie textlich schon bildhaft und wunderbar, so wie die Zeichnungen, die begleitend dazu zu Papier gebracht wurden. Kunstvoll und überwiegend in blau und türkis Tönen, als würden sich an einem sonnigen Tag, Himmel und Berge in einem Fjord spiegeln. Schaut mal diese Kostprobe an:

Bild-Quelle und alle Urheberrechte liegen bei Galiani Verlag Berlin, Verlag Kiepenheuer und Witsch, sowie Kat Menschik

Dieses wunderschön illustrierte Kleinod in Händen zu halten ist so, als hätte sich ein Schatzkästlein geöffnet. Kat Menschick, die als freie Illustratorin in Berlin lebt und auch das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bereichert, hat sich dieser Märchen angenommen und sie mit Bildern unterlegt, wie nur sie es kann. Frisch und modern. Schmal und klein ist es dieses Büchlein, mit einem farbigen Seitenschnitt und seinen nur 76 Seiten. Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick. Begeisterung nach dem ersten Bild, schon bei der Betrachtung des Einbands.

Es war einmal, ein kleines feines Märchenbuch, in ihm versammelten die beiden Freunde Peter Christen Asbjornsen, Biologe und Fortwirt, und Jorgen Moe, Theologe und späterer Bischof, die von ihnen zusammengetragenen Märchen. Bereits 1847 wurden diese von Friedrich Bresemann erstmals ins Deutsche übertragen und veröffentlicht. Die Gebrüder Grimm standen auch mit den beiden norwegischen Märchensammlern im Briefkontakt, bildeten so ein Märchen-Netzwerk, ermutigten die norwegischen Kollegen weiterzumachen. Dieser Gedanke gefällt mir besonders!

Die komplette Sammlung norwegischer Märchen-Geschichten umfasst 150 Märchen, unser hübsches Büchlein enthält 12 davon, die wir in dieser Neu-Überarbeitung genießen dürfen und wie! Auch dank ihr: Zurecht gehört Kat Menschik mittlerweile zu den Kult-Illustratorinnen und hier ist ihr wieder einmal eine meisterliche Kombination aus Text und Zeichen-Feder gelungen!

Goldene Äpfel und gläserne Berge wollen hier entdeckt werden. Ritter und Königstöchter, edele Rösser und ein Teufel, der in einer Nuß Platz hat. Es erzählt uns von Eisbären, Däumlingen, Prinzen und Bräuten. Wie in den Grimms Märchen geht es hier nicht immer friedlich zu und ohne Blessuren ab. Wem des Königs Anliegen nicht gelingt, dem werden auch schon einmal die Ohren abgeschnitten.

In unterschiedlichen Märchen, u.a. in <Die Puppe im Grase>, begegnet man immer auch wieder einer Figur, die mit oder als Aschenbrödel übersetzt ist. Wir kennen Aschenbrödel als weibliche Märchenheldin Aschenputtel, in den norwegischen Märchen ist sie eine männliche, genannt Espen Askeladd oder Askeladden. Der als sympatischer Nichtsnutz, dem aber das Glück hold ist dargestellt wird. Alle halten ihn immer für etwas zurückgeblieben, dabei hat er es faustdick hinter den Ohren, löst eine jede der ihm gestellten Aufgaben mit der notwendigen Bauernschläue und erwischt am Ende stets das halbe Königreich und die Königstochter. Ein echter Schlingel, der Gute!

In meinem Lieblings-Märchen dieser Sammlung, die sprachlich herrlich gestrig anmutet und den guten alten “Märchenton” sehr schön trifft, kommt er allerdings nicht vor, der Herr Aschenbrödel. Es ist das von den >zwölf wilden Enten>, vielleicht weil hier alles gut ausgeht, vielleicht weil es mich an Schneewittchen und die Sieben Zwerge erinnert, an Schneeweißchen und Rosenrot, weil es so eine Art “Mash up” meiner liebsten alten Märchen ist. Mich wieder an Abende mit der Taschenlampe unter der Bettdecke hat denken lassen …

Dieses Büchlein inszeniert Geschichten ohne Verfallsdatum, die bezaubern, die man immer wieder lesen, ihre Bilder bestaunen kann. Entschleunigung gibt es gratis dazu und wer aufsteigen will: Ein Katapult zurück in die Kindheit. Garantiert.

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