Die verborgenen Stimmen der Bücher (Bridget Collins)

*Rezensionsexemplar*

Donnerstag, 02.01.2020

“Haben Sie keine Angst vor Büchern! Ungelesen sind sie völlig harmlos”.

Zitat Unbekannt

Steckt man aber erst einmal in ihnen, dann kann niemand mehr für nichts garantieren. Wir Bücherwürmer wissen das, nicht erst seit heute, sondern schon von je her. Nach vielen Wochen mit Dauerregen ist die Temperatur jetzt wieder unter die Null Grad-Grenze gefallen. Nebelschwaden ziehen über das geeiste Gras, der Sonnenaufgang färbt den Himmel blutrot, als ich dieses Hörbuch auf dem Weg zur Arbeit anfange, nein, als es mich einfängt und ich die Zeit zu vergessen beginne …

Die Zeit existiert nur im Hier und Jetzt, in der Gegenwart. Was vergangen ist existiert nur in unserer Erinnerung. Für mich sind das irritierende philosophische Thesen zu dem was Zeit ist. Was sie mir bedeutet, die Zeit, was mir meine Erinnerungen bedeuten, ist für mich hingegen glasklar. Ohne messen und wiegen, kann ich sagen, meine Erinnerungen sind unschätzbar und wertvoll, sie sind das was mich ausmacht, sie haben mich zu der Frau gemacht, die ich heute bin. Sie sind zu meinen Erfahrungen geworden, machen mich reich. Würde ich sie hergeben wollen? Wenn ja, welche davon? Die belastenden? Und was dann? Eine Entscheidung für das Loslassen ist keine Entscheidung gegen das Erinnern, aber gegen den Schmerz und wer sich dafür entscheidet, ist in dieser Geschichte und bei diesem Helden in besten Händen. Denn Emmett Farmer hat eine besondere Gabe und er lernt noch dazu …

Die verborgenen Stimmen der Bücher von Bridget Collins

Nach dem Midsommer-Fest war Emmett zusammen gebrochen. In die Dunkelheit gestürzt, in die Schatten. Sein Verstand war gewichen, bis ihm nur noch Angstattacken und Schreie geblieben waren. Mit Riemen hatten sie ihn gebunden, daran erinnerte er sich noch. Schwach und entkräftet  konnte er sich jetzt langsam wieder seinem Tagwerk stellen. Sorgenvoll und nachsichtig war seine Schwester, waren seine Eltern mit ihm gewesen. Jetzt aber, war sein Vater wütend, mit den Fäusten hieb er auf den Tisch ein. Am helllichten Tag brauchte er ein Glas Brombeer-Gin. Diese Hexe, die da nach seinem Sohn griff, undenkbar war es, ihn zu ihr gehen zu lassen und doch war er nicht schon verflucht? Was, wenn er sich nie wieder geistig erholen würde?

Ein Brief lag vor ihnen, und auch, wenn Emmett eigentlich zu alt war, um noch eine Lehre zu beginnen, hatte sie ihn ausgewählt. Eine Weigerung, das wussten alle, war zwecklos, auch wenn alle hier das, womit Emmett künftig seinen Broterwerb bestreiten sollte für Teufelszeug hielten. Eine Wahl hatten sie, bei aller Sorge, bei allem Ärger nicht …

Als sie am Rande des Sumpfes, in dem die Buchbinderin lebte angekommen waren, sah es so aus, als würde die Binderei brennen. Glühend rot versank die Sonne hinter ihr, ein modriger Geruch kroch in ihre Nasen. Hier am Rand der Welt, am Ende der Zeit, sollte er also bleiben, um seine Lehre zu beginnen. Er sprang vom Kutschbock des Vaters, um sein Schicksal in Augenschein zu nehmen …

Ich nickte. Ich wollte hier allein sein. Ich wollte Zeit haben, die Farben richtig anzuschauen, die Schränke durchzusehen und das Gewicht der Werkzeuge in meiner Hand zu prüfen. Der ganze Raum sang für mich, lud mich ein”.

Textzitat Briget Collins Die verborgenen Stimmen der Bücher

Bridget Collins, britische Jugendbuch-Autorin legt mit “Die verborgenen Stimmen der Bücher”, ihren ersten Roman vor und sie hält ihn schön geheimnisvoll. Andeutung um Andeutung lockte sie mich immer tiefer hinein.

Sprachlich ist diese Autorin poetisch, ja bisweilen romantisch unterwegs, was mich überrumpelt und überrascht hat. Ihre Geschichte gliedert sie geschickt, lässt uns an unterschiedlichen Perspektiven teilhaben, lüftet den Schleier der über Vergangenem liegt für uns schön sachte. Zudem spiegelt sie eine große Verehrung für handwerklich kunstvoll gestaltete Bücher wider und ich meine fast, diese Schätze berühren zu können.

Was für eine Geschichte sie uns hier präsentiert! Was für eine verwegene Idee! Die zum Wohle der Menschen eingesetzt, hilfreich, ja überlebensnotwendig sein könnte. Die aber ebenso, auch das versteht sich wie von selbst, noch eine andere Energie auf den Plan ruft und Machenschaften, die man durchaus als niederträchtig und gemein bezeichnen darf.

Aber, so what? Ein richtiger Bösewicht gehört doch in jede gute Geschichte, weil nur er den Held wirklich strahlen lässt. Oder was wäre Batman ohne Joker oder Professor Xavier ohne Magneto! So findet auch unser Protagonist hier einen würdigen Gegenspieler und wir einen den wir verteufeln können. Wie herrlich! Denn wer eine echte Berufung findet, der findet halt auch Neider, vielleicht sogar Feinde.

Was für eine Gabe man besitzt, wenn es einem möglich ist, die mühselig Beladenen von ihrer Last zu befreien. Ihre Kümmernisse und Sorgen aufnehmen, sie “einbinden” kann, damit SIE loslassen können, von dem was nicht mehr ausgehalten werden kann. Sicher verwahrt werden die so erschaffenen Schmuckstücke in alten Gewölben, das ist die wahre Kunst des Buchbindens, die es hier zu erlernen gilt. Diese Bücher und die Stimmen, die in ihnen verborgen sind, sind nicht bestimmt für Handel und Kommerz. Was aber, wenn man bei dieser Arbeit von mehr Unrecht erfährt als man hinzunehmen bereit ist? Was, wenn diese Bücher, diese Wahrheiten in die falschen Hände geraten?

Ich erfahre von Wortzauberern, die in den Augen der anderen auf der gleichen Stufe stehen mit Dämonen. Des nächtens belagert man sie mit lodernden Fackeln. Man jagt sie fort, wie einen herrenlosen Hund, ohne Lohn, ohne Gepäck, ohne Referenz. Ratten umhuschen in klirrender Kälte die Füße der Fliehenden.

Collins hat mich vortrefflich unterhalten und bei all der schweren Kost über der ich bisweilen lesend grüble, hat sie mich mit dieser ihrer Geschichte gestreichelt. Dem Reich der Fantasie ist ihre Handlung entsprungen, das Herz eines jeden Bücherfreundes lässt sie höher schlagen. Warmherzig und leise kommt sie daher. Ihre Szenen beschreibt sie so, als betrachte man ein Gemälde, das eines alten Meisters. Eines, das bisweilen düster ist, aber aus dessen innerer Mitte ein helles Licht leuchtet. Ihre sympathische, hellsichtige Hauptfigur, die das was sie da wahrnimmt zunächst für Träume hält und noch nicht so recht weiß, wo sie mit sich hin soll, und als sie es weiß und alles auf eine Karte setzt, soviel verliert … – Das hat mir sehr gefallen.

Wenn einem ein Mensch soviel mehr bedeutet und es doch nicht darf. 

Das Gefühl eines Verlustes, der nicht greifbar, nicht benennbar ist, beschleicht mich, in dieser Erzählung von großem Mut, die von Verletzungen und von einer verbotenen Liebe über Standesdünkel hinweg, handelt.

Jede Wahrheit ist gestaltbar, manipulierbar, hier geschieht dies auf eine Art und Weise, die mir ein Schaudern macht, und seid gewiss, nichts ist so wie es scheint und der Schein bleibt trügerisch bis ins letzte Kapitel …

Eine märchenhafte Geschichte, verträumt, abenteuerlich und wendungsreich, die für mich zu Schmudelwetter und Wintertagen passt, wie eine dampfende Tasse Kakao. Man lehnt sich zurück und erlebt los, denn es gibt hier viel zu entdecken, zwischen den Seiten der Bücher, die Emmett zu binden lernt und auch darüber hinaus. 

Und ER hier unterstützt Bridget Collins vortrefflich bei ihrer Mission uns ein Geheimnis anzuvertrauen. Es ist noch gar nicht lange her, dass ich die Stimme von ihm zuletzt im Ohr hatte:

Frank Stieren, er hat mir eines meiner Hör-Highlights 2019 beschert mit “Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle”.

Er senkt seine Stimme vertraulich, verstrickt und verwickelt mich in die Ereignisse. Er poltert wo nötig und wird deutlich, damit ich verstehe was so gar nicht geht. Er verzweifelt und hadert und ich tue es mit ihm und Emmett. Ich bin schwer angetan von seinen Satzpausen, seinen Kunstpausen und auch von der Sanftheit, die er seiner Stimme hier, das stets textlich angemessen, ebenfalls verleiht. Mindestens einen ganzen Ton dunkler kann er sie bei Bedarf auch klingen lassen. Stieren für sein excellentes Vorlesen zu loben kommt mir mittelmäßig vor. Was aber bleibt mir, als seinem neu gewonnenen Fan sonst? Ich weiß: Danke sagen! Dankeschön, Herr Stieren, für dieses weitere Vortrags-Highlight, das sie mir hiermit geschenkt haben!

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