Die verborgene Sprache der Blumen (Vanessa Diffenbaugh)

Sonntag, 05.11.2017

Kaum einer von uns kann sich davon frei sprechen, eine schöne Blume berührt immer. Dabei ist es ganz und gar unwichtig, ob die Blüte zu einem Unkraut oder zu einer Zierpflanze gehört. Oder? Mir jedenfalls, geht es so, ich liebe alles was blüht und kann mich auch für Disteln begeistern. Immer will ich stehen bleiben, meine Nase reinstecken, anfassen, meinen Mann kann das schon mal zur Verzweiflung bringen, wenn wir unterwegs nicht vom Fleck kommen. Bei einer unserer letzten Reisen, hatte ich mich am Wegesrand in ein Moosbüschel verliebt. Mit gezücktem Handy und in der Hocke versuchte ich es bestmöglich abzulichten. Was ich nicht bemerkt hatte, mein Mann war längst weitergegangen und stattdessen war eine Frau hinter mir stehen geblieben. Sie hatte mich wohl eine ganze Zeit lang beobachtet. Erst als sie fragte “Was fotografieren Sie denn da?”, schrak ich auf. “Nur das Moos …”, war meine zögerliche Anwort und ein wortloses Kopfschütteln die ihre. Tja, so ist das, Schönheit liegt halt immer im Auge des Betrachters …

Als ich die Geschichte entdeckte, die ich Euch heute vorstelle, war klar sie will, nein sie muss von mir gelesen, respektive gehört werden. Wie wäre es wenn man die Sprache der Blumen verstehen könnte? Wenn man sie gar spräche?

Die verborgene Sprache der Blumen (Vanessa Diffenbaugh)

Victoria Jones lebte in einem Park in San Francisco und pflegte im Gebüsch einen kleinen Garten, den sie in Milchtüten angelegt hatte. Blumen waren ihr lieber als Menschen, sie war scheu und erst jetzt mit ihrem Leben versöhnt, nach all den Jahren in verschiedenen Waisenhäusern und bei Pflegefamilien. Achtzehn war sie mittlerweile und obdachlos, das war wahrlich keine Karriere, aber lieber blieb sie hier allein unter freiem Himmel, als wieder irgendwo eingesperrt zu sein. Wenn nur der Hunger nicht wäre, ohne Job konnte sie so nicht mehr lange weiter machen …

Es war ein Zufall, der sie Arbeit in dem kleinen Blumenladen von Renata finden ließ. Erst half sie nur aus wenn große Aufträge für Hochzeiten hereinkamen, doch dann bemerkte ihre Chefin, dass in Victoria eine ganz besondere Gabe wohnte. Sie konnte Sträuße binden die eine eigene Sprache hatten. Ja, die zu ihren Kunden, oder zu den Beschenkten zu sprechen schienen.

In ihre Sträuße band sie Maiglöcken – für die Rückkehr des Glücks, Efeu für die Treue, Flieder für die erwachende Liebe und Mistelzweige für die Überwindung von Hürden. Lupinen für die Phantasie, Iris für eine Botschaft, Lavendel für den Argwohn und Sonnenblumen für trügerischen Reichtum. All das hatte Elisabeth sie gelehrt. Elisabeth, mit ihrer schier unerschöpflichen Geduld, die Pflegemutter, die als einzige hatte zu ihr durchdringen können. Selbst damals als Victoria ihr den Kaktus in die Schuhe steckte, hatte sie noch gelacht, – denn der Kaktus, so hatte sie gesagt, stünde für die brennende Liebe …

Earl, der kauzige Alte war Stammkunde bei Renata und er brachte den Stein so richtig ins Rollen. Diesmal hatte er einen Strauß für seine Enkelin gebraucht und freimütig gestanden, er habe sie schon seit Jahren nicht mehr lachen hören. Victoria hatte ihm einen Strauß aus weißen Rosen und Maiglöckchen gebunden, ihm erklärt die Maiglöckchen brächten das Glück zurück.

Dieses Bouquet war tatsächlich ein “Glücksbringer” und bald schon waren weitere Kunden gekommen und wollten nur und ausschließlich Sträuße von der “jungen Frau”. Bei der Enkelin des alten Earl habe sie ja wahre Wunder bewirkt. Das Blatt schien sich für Victoria zu wenden, erstmals hatte sie so etwas wie ein eigenes Leben.

Auf dem Blumenmarkt lernte sie, die Verstockte, Grant kennen, warum hatte er eben ausgerechnet diese Blüte liegen lassen? Konnte es sein, dass auch er die Sprache der Blumen kannte und verstand? Sie würde es herausfinden und legte ihm eine Rhododendrenblüte auf den Arbeitstisch an seinem Marktstand. Der Rhododendron steht für eine Warnung – komm mir nicht zu nah. Und er, er antwortete mit dem Zweig einer Silberpappel?! Wochen brauchte Victoria, um deren Bedeutung herauszufinden …

Vanessa Diffenbaugh wurde 1978 geboren, sie ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Boston. “Die verborgene Sprache der Blumen” ist 2012 in deutscher Übersetzung erschienen. Das Taschenbuch-Cover wurde aufgefrischt, jetzt ziert es die Blüte der gemeinen Distel, Misanthropie – sie steht für den Argwohn den Menschen gegenüber und versinnbildlicht den Inhalt perfekt.

Mehrfach hat die Autorin selbst, in ihrer eigenen Familie Pflegekinder aufgenommen und über längere Zeit betreut. Vielleicht ist ihr deshalb die Zerissenheit ihrer Hauptfigur Victoria so gut gelungen. Das Problem andere an sich heranzulassen, sich auf sie einzulassen, Vertrauen zu fassen, beschreibt sie so einfühlsam, als hätte sie es am eigenen Leib erfahren. Ihr ist eine Geschichte gelungen, die um in der Sprache der Blumen zu bleiben, so anmutig schön ist wie eine Rose. Ohne jeglichen Kitsch und “unerschrocken romantisch”. (Zitat: Boston Globe). Diese Ansicht teile ich, uneingeschränkt und das, obwohl ich eigentlich nicht zu der romantischen Fraktion gehöre. Man lernt ungeheuer viel darüber welche Botschaften man mit Blumen übermitteln kann, immer vorausgesetzt der Empfänger spricht die gleiche Sprache …

Die HörbuchFassung wurde eingelesen von der Schauspielerin Laura Maire. Sie gehörte 2011 zu den nominierten für den deutschen Hörbuchpreis als “Beste Sprecherin”. Ihre Stimme ist einigen vielleicht auch bekannt aus den “Twillight” Filmen, hier synchronisierte sie die Rolle der Alice Cullen. Maire liest mal eindringlich, mal gefühlvoll, sehr empathisch und läßt der Geschichte und ihren Personen viel Raum. So ist eine wunderbare Synergie entstanden, wie in einem schön gebundenen Strauß …

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