Die Stille des Todes (Eva García Sáenz)

*Rezensionsexemplar*

Freitag, 08.11.2019

Wenn der Tod kommt, bringt er die Stille mit. Wenn der Tod geht, lässt er die Stille zurück. In uns selbst wird es still, wenn wir zu den Angehörigen gehören, zu den Anteilnehmenden. In den Toten selbst wird es still. Der letzte Atem verhaucht, die letzte Bewegung vollzogen …

Die Stille des Todes von Eva García Sáenz

“Komm her, schnell! Es ist alles genauso wie vor zwanzig Jahren …” Erst der Anruf, dann dieser Satz und der Tonfall seiner sonst so toughen Kollegin waren wie eine Vorahnung für drohendes Unheil. Zwei Archäologen hatten in der Krypta der örtlichen Kathedrale nur ihre Arbeit aufnehmen wollen und dabei zwei Leichen entdeckt. Ein Pärchen, nackt, einander zugewandt, sie berührten sich mit einer Hand, wie auf einem Altarbild arangiert …

Überquellende Lokale und ein Gewirr von Menschen auf den Straßen während eines Altstadtfestes verhinderten einen schnellen Zugriff auf den Tatort. Den jetzt zwei Ermittler, Profiler, betreten. Jeder von ihnen kann eine excellente Aufklärungsquote vorweisen, aber mit dem Einhalten von Vorschriften haben sie beide so ihre Probleme. Sie, kennt jede Datenbank persönlich und steigt immer auf der Seite der Opfer ein. Er, ist Spezialist für Serientäter, und beiden kommt das, was sie gleich sehen werden leider nur allzu bekannt vor …

Eva García Sáenz, stammt aus dem Baskenland, wo sie auch ihre Bücher spielen lässt. Um genau zu sein in der Provinz Álaya, im Städtchen Vitoria. Ihre Krimis sind Millionenseller in ihrer Heimat und jetzt erobert die gelernte Optikerin, mit Hilfe der Übersetzung von Alice Jakubeit, den deutschen Buchmarkt. Wer solche Mörder erschafft und gleich zu Beginn die Karten schon aufdeckt, der lässt uns Lesern nicht viel Raum, dachte ich nach dem ersten Kapitel. Gleichzeitig war ich gespannt, warum es trotzdem für diese Krimi-Reihe soviel Jubelrufe gab und gibt. Sie erinnert ein wenig an das Barcelona von Ruiz Zafon und ihre Zeitsprünge haben Charme, bringen mehr und mehr Klarheit. Stück für Stück Erkenntnis. Einen ungewöhnlichen Erzähler packt die Autorin dabei mit ihrem Inspektor Unai aus, der uns von hinten nach vorne mitnimmt in seinem Fall. Selbst verletzt ist, wird, an Leib und Seele.

Wir ducken uns hier mit ihm unter niedrigen Decken und Dunkelheit hindurch, streifen an splitterndem Holz vorbei im spärlich beleuchteten Treppenhaus einer Krypta. Treffen auf Forensiker in weißen Overalls. Womit haben wir es hier zu tun? Mit einem Nachahmer, einem Trittbrettfahrer oder dem Täter von damals. Dann sitzt ein Unschuldiger schon seit zwanzig Jahren ein.

Der ein Ehrenbürger, Vorbild, Archäologe, Fernsehstar, attraktiver, charismatischer Autor, Wiederholungstäter, Mörder mit einem Twitter-Account ist. Er hatte die Stadt erschüttert, bis in die Grundfesten und er war Zwilling, nicht vom Sternzeichen her, sondern er hatte ein eineiiges Pendant. Dieser Zwilling war durch und durch integer und Polizist, und hatte seinerzeit dafür gesorgt, dass der eigene Bruder hinter Gitter kam.

30.000 Follower für einen Serienmörder der im Gefängnis sitzt, und der einen Hashtag unter dem Namen eines der leitenden Profiler gründet. Der sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Hinter dem Hashtag verbergen sich Anfeuerungen und Aufforderungen für die Ermittler. Im Zentrum des öffentlichen Interesses, erlischt ein privates Leben. Von der Presse belagert, auf Schritt und Tritt verfolgt. Wer eine solche Fallhöhe hat, kann nur tief stürzen.

Zwillingsbrüder, gutsituiert und dazu ausersehen die Welt zu erobern. Affären und gedungene Attentäter. Hafturlaub, Theorien und Dringlichkeitsbesprechungen. Sozial hochbegabt oder pschypathisch? Bruder und Schwester, wenn Gefühle der ermittlerischen Klarheit im Wege stehen, Kollegen Abstand einfordern, Ermittlerstress und Liebeleien ablenken, wird es eng. Wenn Halluzinogene ins Spiel kommen und verstörende Erfahrungen bescheren, dann trübt sich auch schon mal der Blick.

Die Welt der Bienen, faszinierend und tödlich, macht man sie zu den Handlangern eines Mörders. Ein Hacker der geschickt ist und nicht zurück zu verfolgen, der ein Katz und Mausspiel beginnt und vielleicht am Ende gar, der Schlüssel zur Lösung ist?

Prügel und häusliche Gewalt, ein Arzt, der mehr als Mitleid empfindet. Ein verlorener Sohn, zurückgesetzt, herabgesetzt. Für ihn herrscht Bücherverbot, denn sie verdrehen einem nur den Kopf, lassen einen über die Strenge schlagen. So hält man Pflegesöhne im Zaum. Verräterische Ähnlichkeit, ein verschwundener Vater und einflussreiche Feinde. Ganze Dorfgemeinschaften tratschen.

Die Augen geschlossen, die Hand vor dem Mund und aushalten. Unai ist bereits Witwer, das seit zwei Jahren, und jetzt dieser Verlust. Das Leben scheint prüfen zu wollen, wieviel er verträgt bevor er endgültig in die Knie geht. Und der Mörder hat noch nicht vor aufzuhören, macht den Fall zu etwas persönlichem, und seine nächsten Opfer sind so gewählt, das die bisherigen Ermittlungsergebnisse wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen. Es gelingt dem Täter, einen Keil zwischen die beiden Profiler zu treiben und nicht nur das, Herz und Verstand der beiden geraten aus dem Takt. 

Geisterdörfer, die man nur auf Ziegenpfaden erreicht. Die Spur nimmt man auf, in dem man einem ausgestreckten Zeigefinger folgt. Großväter haben einfach die besten Instinkte, ihnen vertraut man blind. Saenz zieht im letzten Drittel die Spannung gewaltig an. Diejenigen, die man innerlich schon als Verdächtige weggeschrieben hatte, kommen offenbar doch nicht als Täter in Frage. Atmosphärisch dicht treibt uns die Autorin Wort um Wort, Satz um Satz dem Showdown entgegen. Ich beginne ängstlich über meine Schulter zu schauen, jedes unerwartete Geräusch erschreckt mich, als mich eine neue Ahnung beschleicht, wer hier mordet. Aus dem Dunkel auftaucht, aus der Stille …

Uve Teschner, über ihn habe ich schon viel geschrieben, gehört er doch zu den von mir bevorzugten Sprechern im Hörbuch. Auch diesmal habe ich mich wegen ihm für diese Geschichte entschieden und er ist mir ein guter Gastgeber, stellt einmal mehr die Wandelbarkeit seiner Stimme unter Beweis. Schon zu Beginn freue ich mich darauf, dass er wieder Spanisch in den Mund nehmen darf, wie selbstverständlich kommen ihm die zungenbrecherischen Namen und Einsprengel über die Lippen. Das hatte mir schon bei seinem Vortrag von Ruiz Zafons Texten so gut gefallen.

Und ja, er ist der Experte für diese tiefen, dunklen Gänsehautsätze, die von ganz unten aus dem Bauch herauf kommen. Für diese heiseren, bedrohlichen Sätze, die zu Grüften und finsteren Kellern gehören. Hier treffe ich ihn und seine Stimme in einem Verlies und ich sage Euch, sowas kann einfach nur er …

Dieses schön ausgestattete Hörbuch, es enthält Kartenmaterial der Region und der Altstadt von Vitoria zur besseren Orientierung ebenso, wie eine Auflistung der wichtigsten Figuren, damit man die baskischen Namen auseinander halten kann, lädt zu einer Fortsetzung ein. Wer gleich weiter hören will, kann das auch schon tun, ein zweiter Fall wurde bereits veröffentlicht unter dem Titel Das Ritual des Wassers und ein dritter ist angekündigt für den März 2020, Die Herren der Zeit. Als dann, in dieser Gegend scheinen noch ein paar Bösewichte unterwegs zu sein und von ihren Figuren hat uns die Autorin noch lange nicht alles verraten, dass obwohl sie nicht gerade zimperlich mit ihnen umgeht. Was mag sie ihnen wohl in Band 2 und 3 noch so alles zumuten, während sie uns dabei auf die Folter spannt?

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