Die Skrupellosen (Sadie Jones)

Genau 1,25 Gramm wiegt ein Skrupel. Als er/es noch ein altes Apothekermaß gewesen ist. Das Wort “Skrupel” leitet sich ab von “scrupulus”, lateinisch für Steinchen. Wie das jetzt zusammengeht? Hatte ein Apotheker seinerzeit keine Steinchen um korrekt abzuwiegen, arbeitete er nicht exakt und war folglich “skrupellos”.

Kaltschnäuzig, eiskalt, mitleidlos, unbarmherzig, keinerlei Bedenken haben Unrechtes zu tun. Das meinen wir heute, wenn wir jemanden skrupellos nennen.

Nomen est omen also? Liest man diesen Buchtitel hier hat man sofort ein Bild und hält er was er verspricht? Schau mer mal …

Die Skrupellosen (Sadie Jones)

Alex Adamson ist Beas “großer” Bruder, sieben Jahre älter, Neununddreißig jetzt, aber immer noch Kind. Hotelbesitzer, Atheist, Alkoholiker, hyperaktiv, verpeilt, fängt alles an und beendet nichts. Tagträumer, Luftikus. “Sponsort by Daddy”. Was hat ihn aus der Bahn geworfen?

Es folgen Andeutungen, Erinnerungsschnipsel. Was weiß Dan, Schwager, Ehemann, wirklich über seine Bea? Das zum Beispiel weiß er nicht: Bea allein zu Haus’. Sie war neun, als ihre Eltern sie vor einer Reise in die Karibik vergaßen! Oder war es doch das australische Upair-Mädchen dem sie anvertraut war? Jedenfalls dachte wohl jeder vom anderen er würde auf sie achten, und keiner tat es!

Ein Wiedersehen mit eben diesen Eltern nach zwei Jahren Funkstille. Bernard “Griff” und Liv Adamson sind das und sie sind reich. Sehr reich. Er, ein Macher, Immobilienspekulant, im ganz großen Stil. Versteht sich. Sein Ego: Gigantisch. Er ist jetzt Siebzig, aber noch immer ganz da. Gierig. Ein Raubtier. Nie ist genug genug. Seine Frau Liv, medikamentenabhängig, kapriziös und mit Neigungen ausgestattet von denen ich lieber nichts wissen will.

Sie alle treffen hier aufeinander: In Frankreich. In einem alten heruntergekommenen Hotel, das Alex Adamson hütet. Sie sind seine einzigen Gäste. Die Eltern auf Stippvisite. Bea und Dan auf der ersten Etappe einer Auszeit-Reise durch Europa. Ein Londoner Pärchen auf der Suche nach sich selbst. Sie Psychotherapeutin, er arbeitsloser Makler und Möchtegern-Künstler.

Was war das mit ihren Eltern? Warum kein Kontakt? Warum sprach sie nie über sie? Warum ist ihr ein Wiedersehen so zuwider? Es versetzt sie in eine Unruhe, dass Dan sie nicht mehr wieder erkennt, derweil sich Beas Bruder in kryptischen Andeutungen ergeht.

Ein Kratzen in der Nacht. Auf dem Dachboden. Ein Schleifen, über ihren Köpfen. Dabei ist doch niemand hier? Ihr Bruder noch unten im Erdgeschoß. Dann seine Schritte auf der Treppe …

Schlangen. Im Garten. Unter dem Dach? Verwesungsgeruch von dem was sie als Beute zurück lassen. Mäuse, Ratten, ihre Häute und – da ist noch etwas auf diesem Speicher. Verborgen aber zu spüren, wie der Vorbote drohenden Unheils …

Sadie Jones, geboren 1967 in London arbeitete zunächst als Drehbuchautorin. Ihr Debüt als Romanautorin gab sie 2008 mit “Der Außenseiter” und landete damit aus dem Stand einen Nr. 1 Bestseller in Großbrittanien. “Die Skrupellosen” ist ihr fünfter Roman, den Wibke Kuhn für sie ins Deutsche übertragen hat. Das eine Autorin, die Drehbücher schreibt szenisch unterwegs ist darf man erwarten, auch bei Jones ist das so. Ausgesprochen bildhaft sind ihr viele Passagen gelungen und auch in den Dialogen könnte sofort ein Filmteam übernehmen und das eigene Kopfkino in Bilder übersetzen.

Was ihre Geschichte für mich zu einer guten macht ist ein Plot-Twist den sie einbaut und wie sie ihre Figuren aufbaut. Dafür braucht sie ein paar Seiten, dann aber sind sie mehr als griffig, sie wirken äußerst lebensecht. Man kann sich an ihnen reiben. Sich über sie wundern. Was schlummert da in ihrem Innern? Links. Rechts. Links. Ich wende meinen Kopf zwischen ihnen hin und her. In Streitgesprächen fliegen die Bälle. Über meinen Kopf hinweg. Weil ich ihn eingezogen habe.

“Das Zimmer kam ihr sehr klein vor und sie sich auch. Es war verlockend, in Wut zu geraten, und viel zu leicht, sich an den Mythos der Entschlossenheit zu klammern.”

Textzitat Sadie Jones Die Skrupellosen

Beas Vater ist ein rhetorisches Monster und nicht nur das. Scharf ziehe ich die Luft ein, nachdem er seine erwachsene Tochter ins Gebet genommen hat. Er meint es ja ach so gut! Ist dabei ungeheuer verletztend. Das bringt mich echt auf den Tisch!

Dieser Befehlston! Er empört mich. Diese Ignoranz! Sie regt mich auf. Diese Heuchelei! Unfassbar. Skrupellos, beschreibt die Handelnden, ihn, viel zu milde. Aber lest selbst. Werdet zornig, rätselt mit, was sich hier hinter Andeutungen verbirgt. Was hinter Aufträgen, die aus dem Schatten erteilt werden. Aus dem Schatten, den ein übermächtiger Vater wirft, auf eine Mutter die nicht weiß was sie tut. Hoffe ich, um das aushalten zu können was ich hier lese.

Geld verdirbt den Charakter. Provokante These und Ausspruch aus des Volkes Mund, dieser Roman tritt den Beweis an, das daran mehr als ein Körnchen wahr ist.

Slumvermieter. Geheimnisse, Vernehmungen, Schweigen, Handschellen. Trauer und Valium. Die Journalie lauert und zerreißt die Stille, die sich über einen Tod gesenkt hat.

Ein Leben in Scherben. Sein Leben in Scherben. Bruder. Freund. Aus einem Unfall wird ein Mordfall und über dem Tal der Ahnungslosen kreisen die Geier. Die Pressegeier. Welchen Preis ist man bereit zu zahlen, für den Weg den man einschlägt?

Mit einem Schlag nimmt Jones mir die Gewissheit. Wer sind hier die Guten? Wem kann man noch trauen? Wem vertrauen? Eine Polizeiuniform scheint mir da keine Garantie zu sein. Lag ich mit meiner Einschätzung wirklich so daneben? Die Grenzen verschwimmen nicht nur, sie werden neu gezogen.

In der Hälfte der Geschichte angekommen tappe ich noch immer im Dunkeln und Jones dreht schön weiter an der Spannungsschraube. Umdrehung für Umdrehung. Nur spannend ist diese Geschichte aber nicht, das zu behaupten wäre viel zu einfach und zu kurz gegriffen. Hier geht es um viel mehr, um einen Hauch alles oder nichts. Um das, was man auf eine Karte setzt und ja, um Geld. Wie so oft.

Ein Manipulator. Der Köder: Ein Job. Als nomineller Geschäftsführer. 150.000 € Jahresgehalt. Was sich wie ein Geschenk anfühlt wird zur Falle. Alles eine Frage des Charakters? Der Moral? Oder doch eher: Jeder hat seinen Preis und ist er erst benannt, dann brechen die Dämme …

Wie weit werden sie gehen, Bea und Dan? Was macht das mit ihnen? Das Eis wird dünn und sie drohen einzubrechen, ihre Ehe droht zu zerbrechen. Nichts will ich verraten und doch auch ganz viel. Ich beiße mir auf die Zunge. Auch wenn Sadie Jones sich mit Drehbüchern auskennt, ihren Figuren viel Dialoge in den Mund legt, vergißt sie nie ihre Tiefen auszuloten, oder soll ich besser sagen ihre Untiefen?

Von einem guten Showdown versteht sie auch was die Frau Jones. Was als Familiengeschichte samt bedrückendem Geheimnis und despotischem Vater beginnt, wechselt Genre und Gangart und entwickelt sich gen Ende zu einem handfesten Kriminalfall.

Mündet in ein Finale mit Pauken und Trompeten, was für ein Crescendo! Zum Zähneknirschen, wendungsreich, an jedem Abgrund balancierend, bis zu seinem bitteren bitteren letzten Satz. Alles andere als vorhersehbar erwischt es mich da eiskalt.

Geld ändert alles. Viel Geld verändert jeden. Geld regiert die Welt.

Mein Dank geht an den Penguin Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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