Die Reise des Elefanten (José Saramago)

Donnerstag, 25.10.2018

Sie lagen schwer in meinem Magen, die Fritten, die wir uns in der Mittagspause gegönnt hatten und sie befeuerten die Müdigkeit, die mich ohnehin jedes Mal erfasse, wenn unser BWL-Lehrer in der siebten Stunde zur Kreide griff. Sein dreigeteiltes Tafelbild war legendär und hatte schon Generationen von Berufsschülern vor uns zur Verzweiflung gebracht. Am liebsten wäre ich jetzt nur mal ganz kurz weggedöst …

“Stehen Sie auf! Kommen Sie mit!!” – Ja, was war denn jetzt los? – “Elefanten!!!”Völlig aus dem Häuschen hatte unser ach so strukturierter Pauker seinen Platz an der Tafel verlassen und war zur Tür geeilt. “Auf was warten Sie denn noch … ?” Zögernd waren wir ihm gefolgt, einige von uns hatten sich heimlich an die Stirn getippt. Unser Klassenzimmer lag in einem Pavillon, hinter einem Parkplatz, bis zur Straße waren es einige Meter und tatsächlich, jetzt sahen wir sie auch! Elefanten!

Unweit unserer Schule war ein Kirmesplatz, hier gastierte hin und wieder, jetzt auch, ein Zirkus und dieser führte heute mal eben zu Werbezwecken seine Elefanten aus! Immer noch erinnere ich mich an das Glücksgefühl, das uns alle durchfuhr und uns ziemlich seelig grinsend am Bordstein stehen ließ, als dieser Konvoi von Dickhäutern damals an uns vorbeischaukelte. Das uns, ach so coolen Berufsschülern. Wenn wir, Mitte der Achtziger, durch eine kleine Gruppe Elefanten so durcheinander kommen konnten, wie muss es da erst 1551 gewesen sein, als dieser Elefant hier, sich auf eine weite Reise machte und viele Menschen in Europa noch nie ein solches Tier gesehen hatten:

Die Reise des Elefanten (José Saramago)

Es begab sich zu einer Zeit da waren Könige noch Könige und Geschenke noch Geschenke, als Katharina von Kastilien, die Gattin Johanns des Dritten, König von Portugal und der Algarve, ihrem Ehemann einen unerhörten Vorschlag machte. Dieser hatte sich jetzt seit Tagen das Hirn zermartert, welches Geschenk er wohl seinem Vetter dem Erzherzog Maximilian von Österreich zur Hochzeit machen könne, das diesem Anlaß auch gerecht würde. Sie hätten doch Salomon, ihren Elefanten, meinte seine Frau. Vor gut zwei Jahren war dieser aus Indien gekommen und hatte seither nicht viel mehr getan als gefressen und geschlafen. Versteckt vor den Augen der Welt.

Nachdem der aufkeimende Hauch eines Zweifels, an dem königlichen Vorschlag, seitens des Sekretärs seiner Majestät ausgeräumt war, schritt man zur Tat. Der Elefant wurde geschrubbt, der Mahut ansehnlich gekleidet, eine Rotte Soldaten zusammengetrommelt und die Geschenk-Übergabe-Tour vorbereitet.

Ein weiter Weg lag vor den Reisegefährten, die im Tross von Lissabon zunächst bis Valladolid in Spanien aufbrachen. Dort weilte der Empfänger des vier Tonnen schweren Präsentes und wollte von hier aus bis nach Wien dann mit ihm weiterreisen. Gut zu Fuß waren ja alle, so schlimm konnte das also kaum werden …

Textzitat S. 149: “Doch vorerst heißt es noch marschieren. Und nicht zu knapp. Wir betrachten die Landkarte und werden augenblicklich müde. Und doch wirkt alles darauf so nah, als läge es direkt vor unserer Haustür. Die Erklärung dafür bietet natürlich der Maßstab. Wir können zwar leicht akzeptieren, dass ein Zentimeter auf der Landkarte in Wirklichkeit zwanzig Kilometern entspricht, doch bedenken wir in der Regel nicht, dass wir selbst bei diesem Vorgang dieselbe Verkleinerung erfahren, wodurch wir, die wir in dieser Welt ohnehin schon eine so winzige Sache sind, auf den Landkarten noch unendlich viel kleiner werden.”

José Saramago, portugiesischer Autor, geboren 1922 wurde 1998 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. Sein Roman “Die Reise des Elefanten” erschien 2010. Auf die Idee brachte ihn eine Einladung seiner Lektorin in Salzburg ins Restaurant “Elefant” wo er auf zahlreiche Holzfigürchen aufmerksam wurde, die aneinander gereiht offenbar eine Reiseroute darstellten. Man erzählte ihm von dieser unglaublichen Reise eines Elefanten im 16. Jahrhundert von Lissabon nach Wien.

Saramagos Interesse war geweckt, dieser Geschichte wollte er auf den Grund gehen und sie erzählen, so liest man es in seiner Danksagung. Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Lektorin hat er sich an diesen Roman gewagt. Schelmisch, ja augenzwinkernd verbindet er erzählend, die realen Ereignisse dieser Zeit mit humorvollen Einwürfen und Seitenhieben auf Herrscher und ihre Diener.

Wir erfahren, von rührenden “elefantischen” Abschieden ebenso, wie das die schöne junge Ehefrau Maximilians von Österreich, sechszehn Mal im Kindbett lag, dabei maßgeblich an Schönheit einbüßte. Die arme Frau!

Wir erleben Dauerregen, Schlamm und uneinsichtige Herrscher, die einem Elefanten mit ihrer Kutsche an den Fersen, Pardon am Hinterteil kleben, um nur ja nichts zu versäumen.

Wir überstehen unfreiwillige Diäten, Kniefälle, Nachtlager unter freiem Himmel, Schneestürme, vereiste und rutschige Elefantenrücken, eine Schiffsreise zur See und auf der Donau, an deren Ende ein triumphaler Einzug unseres Elefanten und seines Mahuts, samt kostbar bestickter Satteldecke in Wien steht.

Seine 235 Roman-Seiten füllt Saramago mit einem Satzbild, an das man sich erst gewöhnen muss, hier ist Konzentration gefordert. Mir ist seine Art, eine wörtliche Rede nur durch Kommas getrennt, einer Aufzählung gleich, in Bandwurmsätzen darzustellen, dabei etwas sperrig vorgekommen. Die Schönheit seiner Sätze konnte ich mir nur in den Textpassagen erschließen, die ohne solche Dialoge auskamen. Mir scheint, ich bin im Lesen solcher Texte noch nicht erfahren genug und muss noch ein bisschen üben … Ein wilder Ritt war es dennoch, und eine unglaubliche Geschichte noch dazu.

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2 Kommentare

  1. Petra
    29. Oktober 2018

    Die Stadt der Blinden steht tatsächlich auch noch ungelesen in meinem Regal. Schön das wir einen Autor haben, der uns Beiden gefällt. LG von Petra

  2. Dorothee
    28. Oktober 2018

    Diee Romane Saramagos mag ich sehr…z. B. “Stadt der Blinden”! Dieses kenne ich noch nicht! Danke für den Tipp!

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