Die bessere Geschichte (Anselm Neft)

*Rezensionsexemplar*

Freitag, 24.05.2019

Ein Blick vor dem man unwillkürlich die Augen niederschlägt. Der uns durch Mark und Bein geht, der uns abtastet und absucht, nach diesem einen Punkt, den wir alle in uns tragen. Der Punkt, an dem wir alle zerbrechen können. Wir erschaudern, wollen uns abwenden. Dieser Blick aber hält uns fest, wie in einem Bannkreis …

Den Schutzumschlag entfernen müssen habe ich von diesem Buch. Verfolgt gefühlt habe ich mich von diesem Blick, der mich magisch angezogen und zugleich abgestoßen hat. Suchen wollte ich danach, was sich hinter diesen Augen verbirgt. Gefunden habe ich in Anselm Neft einen Autor, der mir mit seiner Sachlichkeit eine Gänsehaut gemacht hat:

Die bessere Geschichte 

“Vor allem nachts füllten solche Bilder meine Vorstellung wie ein Gift, das in der Dunkelheit seine volle Wirkung entfaltete. Wie ein Fieber stieg die Angst in mir auf und setzte meine leicht entzündliche Phantasie in Brand, bis sich mein Denken auf das verengte, was es fürchtete”. (Textzitat)

“Ein Teil von dir ist nicht menschlich, deine Mutter war eine Nixe, sie hatte keine Seele”. So der Vater und vielleicht hatte sie sich ja deshalb in der Badewanne das Leben genommen, weil sie zurück ins Wasser gewollt hatte …

Vielleicht war das auch der Grund, warum ihm die Welt zu laut, zu brutal  war. Manchmal konnte er sich mit seinen dreizehn Jahren selbst nicht aushalten. Irgendwie stand er immer irgendwo dazwischen, mit seiner Zartgliedrigkeit und seinen mädchenhaften Zügen, und auch weil er häufig weinen musste, verspotteten ihn die gleichaltrigen Jungs. 

Als er jetzt, nur um sich zu verteidigen, einem Klassenkameraden mit dem Zirkel ins Gesicht stach, wurde eigens wegen ihm eine Lehrerkonferenz abgehalten. Das alternative Internat “Freie Schule Schwanhagen” für schwierige Kinder an der Ostsee, sechshundert Kilometer entfernt von seinem zu Hause schien nicht nur deshalb angeraten, sondern auch, weil er dem Vater, der eine neue Frau gefunden hatte allmählich lästig fiel. 

So landete Tilmann Weber in Schwanhagen und lernte dort Ella kennen. Je mehr sie ihn ignorierte, desto mehr fühlte er sich von ihr angezogen. Zu den unglaublichsten Mutproben und Aufnahmeprüfungen ließ er sich verleiten um sie zu beeindrucken …

Als sie ihn jetzt das erste Mal zu der Falltür im Boden führte, den Teppich beiseite schob und auf der schmalen Treppe abwärts in den Keller voranging, fand Tilmann das noch spannend, schließlich war es ja Ella, die ihn wenn auch widerwillig, auf Geheiß des Hausvaters hierher mitgenommen hatte.

Die Wende kam dann an einem Abend im “Meditationsraum” in eben diesem Keller. Alle Kinder des Hauses Wieland bekamen eine bewußtseinerweiternde Pille, mussten sich nackt ausziehen, sich auf den Boden legen. Der Hälfte von ihnen wurden die Augen verbunden. Das war längst kein Ritual mehr um Ängste abzubauen, sich zu überwinden. Das hier war ein grausames Spiel und es gipfelte in einem Akt, der lebensverändernd war …

Anselm Neft, geboren 1973 in Bonn, studierte, arbeitete als Tellerwäscher, Deutschlehrer und tourte für zwei Jahre mit einer Mittelalter-Rockband, mittlerweile lebt er in Hamburg und schreibt und veröffentlicht u.a. in der “Zeit”.

Er zeichnet die Figur seines Tilmann als innerlich zerrissenen Jungen. Nachdem dieser früh seine Mutter verliert, plagen ihn Nacht für Nacht Albträume. Die Therapie zu der er greift um sich abzuhärten, um endlich so zu sein, wie Jungs zu sein haben, heißt Edgar Allan Poe. Doch Gruselgeschichten schüren nur die Ängste die in ihm eingesperrt sind, heizen die peinigenden Bilder in ihm an.

Die unterschiedlichsten Erziehungsmethoden werden in den verschiedenen Wohngruppen des Internats FSS gelebt. Wo für die einen noch Putz- Koch- und Aufräumpläne existieren, fehlen bei den anderen Regeln gänzlich. Selbst Verabredungen zu festen Essenszeiten, und hier ist auch für die jüngsten, mit dreizehn, schon Alkohol erlaubt und normal. 

Werde wer du sein willst! Was fängt man mit sich an, wenn die Freiheit plötzlich grenzenlos scheint? “Kind” in einem sozialen Gefüge angekommen ist, wo einem nicht nur die Erwachsenen Prägung und Halt geben, sondern Gleichaltrige, die noch genauso unsicher und auf der Suche nach ihrem Weg in dieser Welt sind wie man selbst.

Mich bringt es auf, mit anzusehen, wie offenbar niemand mitkriegt, wie es Tilmann geht. Neft beschreibt die Bilder seiner Angststörung, seine Träume, so nahbar, das auch mir vor ihnen graut.

Dann komme ich ihnen langsam auf die Schliche. Diesen Lehrkräften, und Hausmüttern, wie subtil sie ihren Einfluss nutzen, um eine Gefügigkeit zu erreichen, die mir die Sprache verschlägt, meinen Wutschrei erstickt! Fassungslos erlebe ich was geschieht und fühle mich, als müsse ich innerlich zerplatzen!

Verdreht, verkannt, trotzig, aufsässig und nicht ungefährlich sind sie hingegen, diese Kinder. Leichtsinnig auch und Initiationsriten lebend, die es in sich haben. Oder hat man eher Freude daran zu sehen, wie weit man andere treiben kann?

Wie ein Schatten liegt von Beginn an drohendes Unheil über Nefts Szenerie und mir ist richtig gehend bang. Falltüren in alten umgebauten Scheunen, deren Dielen knarren wie die Planken eines alten Schiffes, eines Seelenverkäufers. Ein Mix aus den unterschiedlichsten Möbeln, kein Geschirrteil passt zu dem anderen, und dann diese Regellosigkeit.

Wo soll das hinführen? Habe ich mich mehr als einmal gefragt. Hatte dann auch wieder Angst davor auf den nächsten Seiten die Antwort darauf zu finden, stolperte atemlos durch die Zeilen voran. Als Leser wächst man mit Tilmanns Blick auf diese Welt auf, ist mit dreizehn so arglos, so unschuldig wie er.

Schaut als Erwachsener mit ihm zurück. Beginnt zu begreifen. Versucht zu vergessen, zu verzeihen. Aber da gibt es diejenigen, die immer wieder den Schorf auf den alten Wunden aufkratzen, alles ans Licht zerren wollen. Sie sagen, sie wollen diesen Wunden einen Sinn geben …

“Was du willst, nimmst du dir. Es zieht dein Wesen dorthin, wenn es nicht schon durch zu viele Kompromisse verwirrt und geschwächt ist. Macht und Herrschaft folgen dem Willen. Und die, die herrschen, wissen das”. (Textzitat)

Was für eine Maxime! Nefts Erzählton wirkt auf mich dokumentarisch distanziert, ohne dabei den literarischen Anspruch zu verlieren. Vielleicht kann es auch nur so gelingen über solche Geschehnisse zu schreiben. Mir ist es ein Rätsel, wie man dies tun kann, ohne zu bewerten. Ich bin immer noch aufgebracht und kriege emotional nicht die Kurve. Sektenhaft Macht ausübend, völlig krank würde ich diese Pädagogen nennen. Hier werden Minderjährige unter Drogen gesetzt, mich schaudert immer noch und dann wieder könnte ich fuchsteufelswild werden. Geschockt bin ich über das Ergebnis, welches sich hier nach Jahren in den Seelen zeigt.

Wütend, traurig und fassungslos überlege ich noch immer, was dieser Roman mit mir gemacht hat. Er hat wohl an einer meiner Ur-Ängste gerührt, an der, so geschickt manipuliert zu werden, dass man es nicht mehr bewusst wahrnehmen, nicht einordnen und man sich damit auch nicht mehr dagegen wehren kann. Das ist es was hier passiert, ausgerechnet durch diejenigen, die Verantwortung tragen für Erziehung und den rechten Weg. Die sich dafür gezielt die Schwächsten aussuchen, die biegsamsten. Die, die genau an der passenden Stelle Lücken haben, die innerlich wund und verletzt sind, diese wissen sie erst zu versorgen durch Zuwendung und Anerkennung. Bis sie dann die verbale Peitsche schwingen, sich bis hin zur sexuellen Nötigung steigern.

Ein Roman der für mich schlimmer war, als jede Achterbahn-oder Geisterbahnfahrt. Der die Methodik der Ich-Erzählung auf eine neue Ebene hebt, quasi von Innen nach Außen erzählt, indem er das Innerste seiner Figuren nach Außen kehrt. Deshalb, weil Literatur das erreichen kann, lese ich. Was für eine unfassbare Stimme dieser Autor hat!

Das man mit Distanziertheit Grauen verstärken kann habe ich hier gelernt.

Welche Rechtfertigungen man finden kann für unglaubliches Handeln, wenn man nur lange genug danach sucht.

Das Moral mehr als ein Gesicht hat auch und was man bereit ist zu tun, um als ehemaliges Opfer nicht zum Täter zu werden …

Welche Liebe ist die richtige? Und ist in ihrem Namen dann alles erlaubt?

So viele Fragen sind mir am Ende dieses Romans geblieben, ich fühle mich wie geschunden und durch die Mangel gedreht. Kann mich zwischen Mitgefühl und Zorn nicht entscheiden. Atme erleichtert auf, als ich mit Tilmann am Ende seiner verstörend lesenswerten Geschichte angekommen bin …

“Ich bin des Beschreibens und Erfindens müde. Hier endet es. Bald werde ich kein Erzähler mehr sein, sondern nur noch etwas Erzähltes: ein paar verwickelte und sich möglicherweise widersprechende Geschichten”. (Textzitat)

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