Deutsche Winterreise von Stefan Weiller

“Jemand wie ich wird schnell geduzt, das kränkt mich am meisten.”

Textzitat Stefan Weiller Deutsche Winterreise

Ein Liederzyklus mit Geschichten von Menschen im Abseits 

OfW. Ohne festen Wohnsitz. Stefan Weiller hat sich in der Zeit von 2008 bis 2018 in mehr als 30 deutschen Städten mit 400 obdachlosen und sozial ausgegrenzten Menschen getroffen. Hat mit ihnen gesprochen, hat das was sie zu erzählen hatten, gefasst wie ein Juwelier ein Schmuckstück. Hat diese Textfragmente mit Musik umrahmt, eingerahmt zu einem Gesamten verwoben. Verwendet wurde dafür der Liederzyklus von Schuberts Winterreise. Aber keine Angst vor Klassik! Hier geht es bisweilen sogar hart auf Kante zu, mit Sätzen die ruppig sind, aber auch lebensklug, dabei nie pathetisch, anklagend oder wertend. Das macht diese auch von hr2 kultur ausgezeichnete Produktion von speak low zu einem kleinen Kunstwerk. Auch für mich.

Stefan Weiller, geboren in der Pfalz, arbeitet als freier Journalist und Regisseur. Das Hamburger Abendblatt bezeichnete ihn als “Spezialist für das Ungemütliche”, weil er sich in seinen Kunstprojekten stets mit existenziellen Themen beschäftigt. Obdachlosigkeit, Sterben, Krankheit, Armut und Gewalt. Das und das wie Weiller diese aufbereitet nötigt mir nicht nur Respekt ab, er hat mich tief beeindruckt und bewegt. Seine eigenwillige Komposition von Schuberts Kunstliedern aus der Winterreise, die ihren Ursprung in 1847 haben, und diese in Kontrast zu setzen zu Problemen wie Arbeitslosigkeit, Drogensucht und Schubladendenken unserer heutigen Zeit, ist gewagt und unfassbar gut gelungen. Das geht sich tatsächlich aus. Es gelingt durch ein hohes Maß an eingesetztem Feingefühl, ohne Voyeurismus und vielleicht auch weil der textlich schon mal lakonisch daher kommende Weiller zu Schubert passt. Hört selbst. Macht euch ein Bild. Es lohnt sich! Ungemein. Nicht nur für Freunde besonderer Texte.

Allein das Sprecher Ensemble, das diese Produktion bevölkert ist es wert. Allen voran, eine großartige, eine unglaubliche Eva Mattes in Verbindung mit Wolfram Koch, Birgitta Assheuer, Jens Harzer, Helmut Krauss und am Klavier von Hedayet Djeddikar. Stimmlich gehen alle Hand in Hand. Hand an Hand.

Ob gemeinsam ohne Obdach oder allein. Mit Kind an der Hand. Den Job verloren. Den Mann auch. Die Wohnung nicht mehr bezahlbar. Ein Stück Pappe wird zum größten Schatz. Scham, wenn man eigentlich eine Toilette braucht und nur einen Busch hat. Kein Geld in der Tasche, aber Heroin. Oder Schnaps. Oder beides. Konkurrenz aus Rumänien auf dem Bettlermarkt.

Angst vor den Nächten. Angst in den Nächten. Missbrauch, Amtsärzte, Jobs in Callcentern, modernes Sklaventum. Ein Todesfall, der alles verändert. Eine Krankheit, die den Sturz eröffnet.

Mietrückstände. Absagen. Mit freundlichen Grüßen. Briefe, die schon von außen betrachtet ängstigen. Ersatzlos, gegenstandslos.

Alles wird klein. Ein altes Leben tritt einen Schritt zurück. Haben wir das Recht auf jemanden herabzusehen, der am Straßenrand sitzt? Stellen wir uns die Frage, wie er da hin gekommen ist?

Couchsurfing bei Fremden. Brennen und Krampfadern in der Speiseröhre. Die Haut gelb wie eine Quitte. Flucht. Kein vor und kein zurück. Schicksale werden hier aufgefädelt wie Perlen auf einer Schnur. Holzperlen, ohne Glas. Textfragmente eines Puzzles, das man aber nicht mit den Händen, sondern mit dem Herzen zusammensetzen muss.

“Ich sitze vor dem Fallmanager. Er managt wie ich falle.”

Zitat Stefan Weiller aus Deutsche Winterreise

Sanfte Klavierklänge liegen manchmal auch unter dem Text, werden nicht nur als textfreie Intermezzi eingesetzt. Die Textfragmente selbst haben eine Prägnanz, die mich betroffen machen. Wie schnell kann es gehen, das man im Abseits landet. Wie schwer es fällt von dort aus wieder ins Spiel zu kommen. Wieviel Hochmut, wieviel Hartherzigkeit man ertragen muss. In eine Schablone gepresst, in eine Schublade gesteckt …

Für alle die nachlesen wollen hat der Verlag ein kleines Booklet beigepackt. Bebildert mit stimmungsvollen Fotos einer Zugreise enthält es die schubertschen Texte. Ich zitiere mal einen, den ich besonders mochte:

Gefror'ne Tränen

Gefrorne Tropfen fallen
Von meinen Wangen ab.
Ob es mir denn entgangen,
Daß ich geweinet hab'?

Ei Tränen, meine Tränen,
Und seid ihr gar so lau.
Daß ir erstarrt zu Eise,
Wie kühler Morgentau?

Und dringt doch aus der Quelle
Der Brust so glühend heiß,
Als wolltet ihr zerschmelzen
Des ganzen Winters Eis!

Überrumpelt und sprachlos sitze ich jetzt hier, vor meiner Tastatur und versuche meine Gefühle in Worte zu fassen. Weil es das mit mir gemacht hat, was es mit mir gemacht hat, bedanke ich mich von Herzen bei speak low​ für diese Empfehlung und für das Hör-Exemplar, weil ich dieses Kleinod wohl sonst verpasst hätte …

Genießt es, hoffentlich so wie ich! Dieses bittersüße Kein-Hörbuch, Kein-Hörspiel, dieses Hörkunstwerk. Genießt zweiundachtzig Minuten lang Text und Musik. Oder macht anderen eine Freude damit, aber bitte. Begebt Euch auf diese Reise. Gleich ob jetzt oder im Winter …

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