Der Mitreiser und die Überfliegerin (Mira Valentin)

Sei leise.
Sei professionell.
Passe dich an.
Übertreibe nicht.
Beherrsche dich.
Sei nicht peinlich.
Hab die richtigen Hobbies.
Und die richtigen Klamotten.
Schwimm mit dem Strom.

Und wann lebst du?
Wann liebst du?
Wann hört man deinen Frühlingsschrei durch die Wälder klingen?
Wann beginnst du mit den Lerchen zu singen?
Wann wagst du den Sprung ins kalte Wasser?
Wann wirst du lauter und bunter und krasser?
Wann, wann, wann, wenn nicht jetzt?

Pass auf! Sie kommen und sie holen dich.
Sie lachen und reiben die Hände sich.
Sie rupfen deine Federn und klauen dein Gold.
Sie stehlen deine Magie, denn das ist ihr Sold.

Sie machen dich erfolgeich.
Wie alle. Aus einem Guß.
Verpassen dir den Todesstoß
und werfen dich zurück in den Fluss.

Wo du für immer mit dem Strom schwimmen wirst.
Lauf!

(Julie Montalbano)
Textzitat

Wenn eine Seele, zart wie ein Hauch, verweht nicht vergeht, öffnen sich Türen, weiten sich Räume und die Erinnerung wirkt wie ein Fenster. Ach Sehnsucht, hör auf zu schmerzen. Mein Herz, hör auf zu sehnen! Meine Gedanken streichen umher, stoßen an Wände. Würde mein altes Leben gerne abstreifen, zurück lassen wie eine Hülle, wie ein leer geräumtes Haus. Meine Hände tasten nach den Flügeln, die mir fehlen, um mich von hier fort zu stehlen …

Der Mitreiser und die Überfliegerin (Mira Valentin)

Jo war Punk. Gegen Regeln zu verstoßen, Grenzen zu überwinden war ihr Lebenselixier. Die Haare grün, die Augen schwarz umrandet, in türkis unternehmungslustig funkelnd. Und Milan liebte sie dafür. Auf den Tag genau gleich alt waren sie, wurden heute beide siebzehn. Ihr halbes Leben lang kannten sie sich schon. Jo war diejenige mit den verrückten Ideen und er derjenige, der dabei mitmachte. Zwei Kerzen, eine Weide, eine Flasche Wodka und ein Joint. So feierten die beiden diesen Geburtstag in ihrem Baum, hoch oben in einer Astgabel sitzend, herabschauend und ihre Bedenken teilend. Im nächsten Jahr würden sie also volljährig sein und den Schritt hinaus in die Welt tun müssen. Wohin würde es sie treiben, würden sie getrennte Wege nehmen?

Wir wissen es schon seit dem ersten Satz, soweit sollte es nicht kommen, denn Jo stirbt, tragisch und viel zu früh. An eben diesem Geburtstag, einem Freitag im April, einem Dreizehnten. Und es hatte an ihm, an Milan gelegen, es war seine Schuld …

Ein bemoostes Steintor bildete den Eingang zum Areal des alten Fachwerkschlosses Falkenstein, das eine Art Sammelbecken für Gestrandete war. Alle, die hier gelandet waren, Milan und seine Mutter eingeschlossen, waren an einem Punkt in ihrem Leben gescheitert. Gleich ob geschieden oder allein erziehend, alle wiesen einen gesellschaftlichen Makel auf. Die Wohnungen waren billig hier, zugig auch und im Winter bitter kalt. Hier traf Milan ein Jahr nach Jos Tod auf diesen weißen Wellensittich. Ihm war er gefolgt, mit wundem Herzen bis hierher zu dem Zirkus, der schon am Tag von Jos Tod auf der Festwiese seine Zelte aufgeschlagen hatte. Ohne Jo zu sein, war schlimmer für Milan als selbst zu sterben und er wusste wovon er sprach, er hatte es schließlich versucht, sich selbst aus dem Leben zu befördern. Denn alle Farben hatte Jo mit ihrem Tod aus seiner Welt gesogen, grau und leer waren seither seine Tage. Mehr als ein Seelenklempner hatten sich schon an ihm abgearbeitet, hatten ihn festgebunden, weggesperrt und er ihrer war müde. Überhaupt war er so unendlich müde …

Sein Leben wollte Milan immer noch verlassen und sein Entschluß, das Abitur sausen zu lassen um jetzt mit diesem Zirkus mitzureisen, verstand nicht nur seine Mutter nicht. Allen Verboten und “Du spinnst dochs” zum Trotz, wurde Milan zum “Mitreiser” im Zirkus Salto und zog mit ein in den Wohnwagen des alternden Clowns Pedro.

Fortan mistete er Gehege aus, fütterte Tiger und stolze Pferde. Zu seinem Alltag gehörten fortan Seelenverwandte, Seelentiere und Schlangenfrauen. Stampfende Hufe, Überfliegerinnen am Trapez, und schlecht gelaunte Kakadoos.

Wir erfahren derweil wie es sich “hinter dem Zaun” lebt. Von Lebensgefahr und Leidenschaft, das Eis bricht mit dem Hüpfen von Pippi Langstrumpf. Hellseherinnen assistieren auf der Suche nach der eigenen Gabe und beim Weg zurück ins Leben. Beim Verloren gehen um sich selbst zu finden sind wir live dabei. Die eigenen Gedanken wirken dabei wie Gewichte, die Milan noch schneller nach unten zu ziehen versuchen.

Wagemutige Trapeznummern, die so mühelos, so schwerelos wirken. Salto Mortale statt Tabletten. Falsche Momente und der richtige Zeitpunkt, oder doch ein Zögern zuviel?

Könnt ihr das Abenteuer riechen? Hier riecht es nach Kakao und Sägespänen und das Schild “junger Mann zum Mitreisen gesucht”, lockt wie Sirenengesang.

Aber nicht alles hier bei der “Zirkus-Salto-Familie” ist pure Romantik und Magie. Altwerden ist insbesondere für Artisten kein Pappenstiel und seinen Clown verlieren, heißt oft auch die Zirkus-Seele verlieren. Jenseits des Zirkuszaunes existiert ja auch eine Welt, unsere Welt, in der nicht nur protestierende Tierschützer und das Misstrauen leben. Diese beiden Mikrokosmen kämen eigentlich gut ohne einander aus, wenn da nicht dieses Sehnen wäre. Dieses Sehnen nach dem, was man gerade nicht hat …

Mira Valentin hat mit diesem Titel den Deutschen Kindle Storyteller 2017 gewonnen und mich mit dem Gedicht, das sie ihrem Roman voran stellt, und aus dem eine ihrer Hauptfiguren spricht, eingefangen wie mit einem Lassotrick.

Ohne Tricks und doppelten Boden, traurig, wehmütig, mal mit flapsig jugendlicher, mal mit durchaus poetischer Sprache, einer guten Prise Romantik und einer Portion Tragik, zeichnet sie die Gefühle und Gedanken ihrer Hauptfigur nach.


Von der Magie, die jeden einzelnen ausmacht, die wir, die wir in gesellschaftlich normiertem Gleichschritt marschieren nur nicht mehr spüren können, erzählt sie konsumig und ihre Geschichte ist auch für junge Erwachsene sehr gut geeignet.

Es geht ihr um verkümmerte Talente, um den Mut den es für einen Neuanfang braucht. Wie weit man sich doch hinaus wagen muss, um die Grenzen der eigenen Komfortzone zu überwinden, das man sich trauen und vertrauen muss. Sie erzählt von einer Reise nach innen, von einer Reise in die Fremde, vom Vermissen und von einer großen Liebe. Vom Kampf gegen innere Gespenster, denen man auch mit Selbstverletzung nicht beikommen kann. Von Hoffnung, die sich dort versteckt wo man sie am wenigsten vermutet. Das man das Licht in sich wieder finden und zum Leuchten bringen kann, auch wenn ein Schock es weggedimmt hat.

Ein Plädoyer für Buntheit und Vielfalt ist der Autorin gelungen, ein modernes Märchen, das Drama braucht den Humor als Spiegel und mein Herz lächelt bei dem Gedanken daran, selbst auch ein bisschen magisch sein zu dürfen, denn sind wir nicht alle aus Sternenstaub …

Abwechselnd gelesen und gehört habe ich diese für mich sehr besondere Geschichte, deren Worte je nachdem mit welchem Medium man sie sich erschließt, einen anderen Klang haben. Julian Horeyseck
der Vorleser der Hörbuchfassung, trifft dabei auch die leisen, die Zwischentöne. Er liest einfühlsam, klingt stimmlich jung genug um glaubwürdig zu sein und macht die Figuren mit all ihren Zweifeln unaufdringlich nahbar …

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