Der Klavierspieler vom Gare du Nord (Gabriel Katz)

Es herrscht ein beständiges Kommen und Gehen auf Flug- und Bahnhöfen, ein Verharren, ein Rufen, ein Seufzen auch. Hier kann man seinem Schicksal begegnen, auch dann, wenn man nicht danach sucht. Kommt näher, hört Ihr sie auch? Eine Melodie steigt von den Tasten eines Klaviers auf und das Schicksal nimmt Gestalt an. In diesem Fall, die Gestalt eines Klaviers …

Der Klavierspieler vom Gare du Nord (Gabriel Katz)

Wohnungen wie Theaterkulissen. Eine Liebe die verloren geht, die sich irgendwie verlegt anfühlt. Wie ein achtlos weg gelegter Gegenstand.

Ein Leben mit dem Kopf voller Unsinn und voller Töne. Eine Stadt, die zwischen Paradies und Hölle pendelt.

Ein Bahnhof, auf dem Bahnsteig ein Klavier. Ein junger Mann, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen bearbeitet die Tasten. Er spielt als hinge sein Leben davon ab, nicht technisch einwandfrei. Wie Aschenputtel im Märchen erscheint und verschwindet er stundenweise, tageweise.

Nachdem er, Pierre, ihn das erste Mal gehört hatte, war er wie an Fäden gezogen immer wieder her gekommen, um ihm zuzuhören.

Angelockt von Tonkaskaden, das Ohr ganz fest an die verschrammte Eingangstür der Wohnung gepresst aus der diese Musik kam. Staunend vor diesem Wunderwerk mit schwarzen und weißen Tasten sitzend, die Finger langsam über sie laufen lassen. 

Tausend Euro am Monatsende und ein Job als Staplerfahrer waren ein Anfang um von den krummen Touren weg zu kommen. Das und die Musik, die Präludien von Bach, trugen ihn durch seinen Arbeitstag und ließen ihn die Tristesse ausblenden.

Ein Einbruch à la Ocean’s Eleven, mit Herzklopfen satt, so die Idee. Mit der Ausführung klemmte es leider und so, wird man ganz unplanmäßig erwischt. Sirenengeheul und Handschellen bringen drei jugendliche Gauner auf den Boden der Tatsachen zurück. Eine Visitenkarte spielt Schicksal und eine Chance bildet den Auftakt für eine besondere Freundschaft zwischen zweien die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Sechs Monate lang Sozialstunden, am Konservartorium für Musik machen aus dem Vorstadtjungen Mathieu eine Reinigungskraft in knallgelbem Overall. Verlacht von den gut betuchten Kids die hier ihren Studien nachgehen, oder auch nicht. Sarkastisch und schon irgendwie unausstehlich, aber mit dem absoluten Gehör ausgestattet, wird man auf ihn aufmerksam. Geheimheiten und Schmähungen, dann Blicke und verblüfftes Schweigen, das sich besser anfühlt als jeder Applaus …

Antworten findet man selten auf dem Boden eines Glases. Da hilft es auch nichts, besonders tief hinein zu schauen. 

Zufälle gibt es nicht, alles folgt einem größeren Plan. Das muss so sein, denn warum sonst begegnen sich zwei Menschen, die sofort eine Bindung spüren? Ein Wettbewerb und Rachmaninov, Kämpfe und ein Ehrgeiz, den es zu wecken gilt. Der vielleicht immer schon da war. Wenn es einen Menschen gibt, der an einen glaubt, können einem Flügel wachsen …

“Im Dunkeln spielen. Ein unvergleichliches Gefühl des Schwebens, des Dahintreibens. Diese flüchtigen Momente, wenn man sich selbst vergißt. Das Klavier wie ein alter Freund, erwacht unter meinen Fingern und die Musik streckt sich noch zögerlich, noch ungeschickt, als ob wir uns von neuem miteinander bekannt machen”. (Textzitat)

Was wäre das Leben ohne Musik? Sie rührt uns zu Tränen, lässt uns tanzen, macht uns leicht. Wer sie erschaffen kann mit all ihrer Kraft, dem gehört meine Bewunderung ebenso wie dem, der er ein Instrument beherrscht und sie zum Leben erwecken vermag. 

Sympathisch sind Katz, der sonst im Genre Fantasy zu Hause ist, seine Haupt-Figuren gelungen und auch für einen Charakter, den man hassen möchte sorgt er. Sorgt damit, wie das Leben es tut für Wechselbäder und Wendungen.

Was habe ich doch für ein unfassbares Glück! Auch in meinem Bücher-Leben Menschen zu wissen, denen ich meinen Lesegeschmack blind anvertrauen kann. Die aus einem großen Repertoire schöpfen können, selbst sehr belesen sind, mit wenigen Worten zu begeistern vermögen, Bilder in mir wecken und den unbedingten Wunsch, diese Geschichte gleich jetzt und auf der Stelle lesen zu wollen. Die mich immer wieder auch aus meiner Komfortzone holen, mir Autoren und Geschichten zeigen, zu denen ich selbst nie gegriffen hätte. Die meinen Horizont so erweitern und mich bereichern, mit jeder weiteren Geschichte.

Fühlt Euch umarmt, Ihr Büchermenschen da draußen, gleich ob im Handel oder im Verlagswesen tätig. Ihr wisst schon, wen ich meine, wenn ich den jeweiligen Titel an’s Licht halte. Dieser hier ist z.B. einer von denen, die ich nie selbst ausgesucht hätte. Kitschalarm hätte ich ausgerufen und ihn wieder weggelegt, schade wär das gewesen!

Denn Texte die aus dem französischen übertragen werden, folgen einer eigenen Klangfolge, oder sollte ich besser sagen Melodie? Ich empfinde die aus dieser Sprache übertragenen Sätze immer als sehr melodisch. Auch wenn Humor eingesetzt wird, geschieht dies besonders charmant. Das mag ich an französischen Filmen und das findet man auch bei Gabriel Katz und seinen beiden Übersetzerinnen Eva Scharenberg und Anne Thomas.

Die Hörbuch-Fassung wird abwechselnd gelesen von Elmar Börger und Oliver Siebeck. Letzterer übernimmt dabei den melancholisch ernsten Part, Ersterer den jugendlich unverblümten, leicht aufsässigen.

Siebeck hat es mir eindeutig angetan! Seine dunkle Stimme mit dem schönen Crisp hat sich wohlig im Innenraum meines Autos ausgebreitet wie ein eigener Klangteppich. Börger im Kontrast dazu, gestaltet seine Figur lebendig und ergänzt Siebeck so meisterlich. Die Stimmen von Mathieus Kumpels hat Börger voll drauf, diese seine Interpretation ist zum Schießen! Er greift die Jugendsprache die Katz ihnen in den Mund legt perfekt auf, ich hätte mich wegschmeißen können bei diesen Passagen.

In diesem Hörbuch ist Musik drin. Nein, niemand singt, weder laut noch leise. Niemand spielt die Melodien tatsächlich und trotzdem hört man sie. Wie man sonst Bilder im Kopf hat, hat man hier die Töne im Ohr und die Leidenschaft unseres Klavierspielers im Herzen. Auf Zehenspitzen, auf leisen Sohlen schleicht sich die Liebe an, Paris eben. Irgendwann kriegt sie halt jeden, auch die ganz coolen. Es erwartet Euch eine noch druckfrische, warmherzige, herrlich sommerleichte Geschichte, die ich vom ersten gehörten Ton an mochte. Die sich “just in time”, beinahe filmreif auflöst und uns mit bühnenreifen Sätzen entlässt …

“Alles was er ist, wohnt in diesem Klavier, zusammen mit den Saiten, den Hämmern, dem Staub und den Tönen”. (Textzitat)

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