Der Gentleman (Forrest Leo)

Sonntag, 03.12.2017

Stöbern in einer meiner Lieblingsbuchhandlungen, viel zu selten habe ich dazu noch die Gelegenheit.

Danach erschöpft aber glücklich mit meiner “Beute” in ein Café in der Nähe einkehren und sich hier ein kleines Buffet an Minitörtchen mit meinem Mann teilen. Die Schätze auspacken, her zeigen, losplaudern, diskutieren und sich stolz über da “Geschossene” freuen ;-).

Wie sehr ich es genieße, mich mit einem belesenem Gegenüber auszutauschen. Besonders wenn ich gerade zuvor im Laden, mal alleine durch den Blätterwald gestapft bin.

Sehr nett finde ich auch die Idee, ergänzend zur persönlichen Beratung, Empfehlungen des Buchhändlers mittels handgeschriebener, kleiner Kärtchen in die Ansichtsexemplare zu stecken. Genau diese erregen jedes Mal meine Aufmerksamkeit. Aus diesem bunt schillernden Exemplar hier, ragte auch eines dieser Kärtchen und schwups war es in meinen Einkaufsbeutel gehüpft …

Vorhang auf für:

Der Gentleman (Forrest Leo)

EpilogZitat: 

Ein wahrer Bericht, die Gefahren der Liebe, die Ehe, Duelle, die Poesie, Erfinder, die Familie, Anarchisten, Luftschiffe, die Begegnung mit dem Teufel, die Unterkleider der Damen, Malen nach der Natur, die Geschichte der Entdeckungen betreffend. – Niedergeschrieben von Mr. Lionel Savage & herausgegeben mit Einwänden von Mr. Hubert Lancaster

London, 1850.

Lionel “Nellie” Savage, Dichter, Schriftsteller, zweiundzwanzig, war Pleite. Pleite?! Unverblümt und unumwunden hatte ihm dies sein Butler Simmons soeben ins Gesicht gesagt.

Nun gut, er hatte zwar als Autor eine gewisse Berühmtheit erlangt, aber irgendwie konnten seine Einkünfte offenbar nicht mit seinem Lebenswandel Schritt halten. Nach kurzer aber intensiver Überlegung war er jetzt zu dem Entschluß gekommen, dass eine Heirat in eine vermögende Familie einen durchaus akzeptablen Ausweg aus seiner Misere darstellen könne.

Nie hätte er jedoch gedacht, dass seine Brautschau so schnell von Erfolg gekrönt sein würde. Seine überhastete Entscheidung für die Ehe im Allgemeinen und für Vivien im Besonderen hatte ihm jedoch schnell ein weit größeres Problem beschert als seine Geldsorgen. Kaum verheiratet, konnte er nicht mehr schreiben! Kein einziges Wort mehr hatte er seither zu Papier gebracht. Er war verzweifelt, unangemessen, über die Maßen, dachte gar an Selbstmord und wünschte seine Frau, die fraglos an all dem die Schuld trug, zum Teufel!

Ohne Pech, Schwefel und Pferdefuß war ihm dieser dann auch höchst selbst erschienen, als wahrer Gentleman, und am Ende dieses äußerst seltsam verlaufenen Zwiegesprächs war sie verschwunden – seine Frau.

Zweifellos, spurlos und wie durch ein Wunder hatte sie sich danach auch in Luft aufgelöst – Lionels Schreibblockade …

Verwegen, berühmt, verrehrt, extrem gutaussehend = Ashley Lancaster, der Bruder seiner Frau. Eben noch auf Krakatau, oder war es der Dschungel von Borneo? Jetzt zurück in London war dieser, als er vom rätselhaften Verschwinden seiner Schwester hört, nicht etwa geschockt, nein er hatte sogleich ein neues Abenteuer gewittert – und ehe er sich versah, war unser blutleerer Dichter darin verstrickt gewesen. Bis über beide Ohren, Duell inbegriffen …

Textzitat S. 209: 

Hampstead Head im Morgengrauen ist ein Ort des Nebels, des Vogelgezwitschers und des Ehrenhandels. Es ist nicht unüblich, dass die morgendliche Stille von Pistolenschüssen zerissen wird oder das frühe Passanten das Klirren von Degenklingen vernehmen, die gedämpften Rufe verwundeter Männer und gelegentlich den Aufschrei einer Frau …

Forrest Leo, über ihn erfährt man im Klappentext nur soviel. Geboren 1990 in Alaska, dort auch aufgewachsen, ohne fließendes Wasser. Seinen Schulweg legte er mit dem Hundeschlitten zurück, er hat einen Bachelor in Schauspiel von der New York University und hat als Zimmermann gearbeitet.

Was für eine Geschichte! Trickreich kombiniert, witzig und mit einer Wendung, die mir richtig Spaß gemacht hat.

Was für eine charmante Idee! Liebevoll und herrlich schräg ausgestattet.

Leo wählt für seinen Roman, Pardon für die Geschichte aus der Feder von Lionel Savage, den er hier als Ich-Erzähler einsetzt, einen herrlich empört “britischen” Ton, sprühend vor Wortwitz liefern sich seine Figuren wahre Satzduelle. Vorsicht beim Lesen in der Gegenwart anderer, hier ist ein amüsiertes Dauergrinsen, albernes Kichern oder gar lautes Auflachen nicht auszuschließen :-).

Bühnenreif, hab ich an vielen Stellen gedacht, am Ende dann in der Danksagung von Leo gelesen, dass es diesen Stoff tatsächlich zunächst als Theaterstück gegeben hat. Wie gerne hätte ich ihn inszeniert gesehen. Allein Kostüme und Bühnenbild dieser Zeit! Gut besetzt, muss das ein Kracher gewesen sein, die Dialoge wie Ballspiele, jede Pointe sitzt.

Seinem Übersetzer ins Deutsche, Cornelius Reiber, hat Leo es sicher nicht ganz einfach gemacht. Mit zahlreichen Fussnoten ist der Text gespickt, damit ist er auch für den geneigten Leser eine Herausforderung. Für mich als Gleitsichtbrillen-Glas-Trägerin ist das Kleingedruckte schon schwierig, ich hätte auch geflucht, oder sie überlesen, wären die treffsicher gesetzten Einwände, des Herausgebers von Lionel Savage, hinter den *Sternchen nicht so lohnend und die Idee so cool. Wunderbar leicht trifft das Team Leo/Reiber den etwas gesteltzten Ton dieser Zeit, verpassen sie Savage einen Snob-Touch der Laune macht und sein Butler ist zum Niederknien, schlagfertig, für jedes Problem eine Lösung zur Hand. So einen hätte ich auch gern an meiner Seite …

Ja, und das Cover des Aufbau-Verlages gibt wirklich alles. Was die Einen abschrecken mag, so bunt, so wirr, zieht die Anderen, wie mich geradezu magisch an. Alle Facetten dieses exzentrischen, viktorianischen Abenteuers will es einfangen, den Teufel rückt es dabei ins Zentrum. Er ist auch tatsächlich irgendwie der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, aber auf eine Art und Weise die überrascht und mich am Schluß die Brauen bis unter’s Pony hochziehen läßt! Chapeau!

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