Der Fallmeister (Christoph Ransmayr)

Vergangen ist die Zeit der Salzschiffer, und die der Fallmeister. Die Zeit, in der sie noch die Herren waren über Tod und Leben. Der letzte Schleusenwärter am Großen Fall war jetzt der Kurator eines Freilichtmuseums und das Europa, dass wir kennen ist zerfallen und um das Wasser der großen Flüsse dieser Erde führte man Krieg. Wasserkriege spalten und Allianzen schwinden, während es Zwergenstaaten hagelt.

Auf der Suche nach der Wahrheit und einem jähzornigen Vater, der der Vergangenheit stets mehr anhing als der Zukunft, bin ich unterwegs in diesem Europa. Erlebe Größenwahn und ein im besten Wortsinn phantastisches Setting, das vielleicht seine Wurzeln in des Autoren Heimat hat:

“Ruhig und unaufhaltsam wie je zog der Weiße Fluß einer Zukunft entgegen, in der nur noch einige morsche Kähne und Rollfähren zwischen jenen glucksenden und schäumenden Wirbeln verkehren sollten, die aus der Strömung ragende Trümmer umrauschten.”

Textzitat Christop Ranymayr Der Fallmeister

Der Fallmeister von Christoph Ransmayr – Eine kurze Geschichte vom Töten

Absicht oder Unfall? Am Großen Fall des Weißen Flusses wird ein Vater zum Mörder. Glaubt sein Sohn.

Tag für Tag. Jahr für Jahr. Unermüdlich und dienstbeflissen, stolz und meinend, er habe Macht über den gewaltigen Strom, hatte der Vater hier sein Amt ausübt. Als letzter Schleusenwärter, als Fallmeister, wie sie hier sagten. Bis zu diesem Tag, als ein Langboot im Wildwasser über die Klippe stürzte und er, der Fallmeister hatte es zugelassen. War es doch seine Aufgabe, allen Booten ein sicheres Geleit über die balkonartig angelegten Terrassen um den Wasserfall herum zu geben. Fünf Menschen ertranken, als ihr Boot an den Felsen zerschellte und der Fallmeister, sein Vater, verschwindet.

Erdbeerbeete, Figuren aus Lehm gebacken, manche von ihnen lebensgroß, Klaviermusik aus einem offenen Fenster, Wildblumen in enzianblau, die die Mutter so sehr liebte.

Mehr gefürchtet als geliebt hatte er ihn, diesen wild entschlossen wirkenden Mann, der stets der schäumenden Gicht, Wassersäulen und scharfkantigen Felsen in seinem kleinen Schlauchboot getrotzt hatte. Den Nichtschwimmer, der für ihn etwas teuflisches hatte, der unberechenbar und dessen Wutausbrüche legendär waren. Unvorhersehbar und angsteinflößend, schien seine Gestalt in solchen Momenten zu wachsen, sich über ihnen zu erheben, auch wenn er nie die Hand gegen seine Kinder oder die Frau erhoben hatte. Vielleicht auch wegen seiner Tochter. Nach einem Schienbeinbruch und einem Krankenhausaufenthalt war klar, sie hatte Knochen aus Glas und man musste acht geben auf sie, beim leichtesten Druck konnten sie brechen, ihr die Lunge oder das Herz durchstoßen.

Wasserglitzernder Funkenregen, Eiskristalle im Fall und gefrorene Terrassen, eine Landschaft wie verzaubert.
Wasserstaub getränkt mit Spektralfarben. Das Fallmeisterhaus, ihr Zuhause, stand auf dem Grund der Schlucht, das Donnern das Wasser war hier so laut, das Anschreien notwendig war.

Was für ein märchenhaft schöner Text. Zum Nachhängen, zum im “Sätzebaden” schön erzählt Ransmayr von einem Paradies das verloren ist, in seiner Geschichte vom Festhalten und Loslassen. Über die Macht der Vergangenheit, die Vergänglichkeit, die Kunst in der Gegenwart zu bestehen und über die Furcht vor Zukunft und Veränderung.

Arbeitseinsätzen am Amazonas und am Mekong warten auf den Sohn des Fallmeisters, während seine Schwester mit den gläsernen Knochen einem friesischen Deichgrafen an die umkämpfte Mündung der Elbe folgt. Getrennt waren die Geschwister fortan, ihre einstige, auf verbotene Weise enge Verbindung, wurde bis auf wenige Videotelefonate gekappt.

Wie der Vater so der Sohn? Er fürchtet es, und hofft es doch nicht zu sein. Unterwegs auf dem Mekong, mit einem Hausboot nach Angkor, kommen in ihm verdrängte Erinnerungsbilder hoch, während ich die Aussicht und Exotik der Szenerie bestaune, von Strömungsumkehr zum ersten Mal höre und rätsele ob er das nicht erfunden hat, derweil ich lerne, das die Zeit unumkehrbar ist.

Syndikate herrschen, teilen die Macht über das Wasser, Vorgesetzte bleiben im Dunkeln, unser Hydro Meister hat die seinen noch nie gesehen, Aufträge erreichen ihn anonym und jetzt seine Zwangsversetzung inklusive Degradierung. Drei Monate Übergangszeit bietet man ihm an. Drei Monate, die man nutzen kann, um den Vater zu finden, der wie man weiß verschwunden, und der wie man glaubt ein Mörder ist. Vielleicht.

Leben auf einem Kontinent, der eines Teils verdurstet und anderen Ortes weggeschwemmt wird. Unterwegs in einem Kajak zwischen Schwemmholz, Leuchttürmen und Sandbänken. Unversehrt sind, aber verblasst, ja verfinstert haben sich Erinnerungen. 

Auwälder, Wassernebel, glitzernde Libellenflügel, Eisvögel im Sturzflug, leuchtend blau im Gefieder, ihre Geschwindigkeit tödlich für die kleinen, wie Glas schimmernden Fischleiber unter der Oberfläche des zur Ruhe gekommenen Wassers.

Wunderschöne Landschaftsbilder zeichnet Ransmayr, sprachlich versteht er es mich komplett zu vereinnahmen. Seine Prosa ist üppig, wohlgeformt und gehaltvoll, strotzt nur so vor Bildgewalt. Seine Sätze wirken getragen und werden in der Hörbuch-Fassung getragen von seinem charmanten Dialekt, seiner eher gemächlichen Lesegeschwindigkeit und von einer Prise Exzentrik, die er wohl dosiert einzusetzen weiß.

Christoph Ransmayr, geboren am 20. März 1954, in Wels, österreichischer Schriftsteller, hat sich entschieden seinen aktuellen Roman selbst als Hörbuch einzulesen und ich war skeptisch, wie ich es immer bin, wenn Autoren das tun. Kann er das? Er kann. Es unterstreicht in der ungekürzten Fassung, rund 6 Stunden und 40 Minuten lang, sogar die Eigenwilligkeit seines Stoffs vortrefflich. Als Halbnomade bezeichnet er sich selbst, weil er soviel reise, reiste wahrscheinlich eher, nach Jahren in Cork/Irland hat er jetzt ein zu Hause in Wien gefunden. Mit den namhaftesten Literaturpreisen wurde er geradezu überhäuft und seine Romane sind in dreißig Sprachen übersetzt worden.

Was für ein Hörbuch! Wie fasse ich das zusammen, was mir dabei alles durch den Kopf gegangen ist und heute geht? Die Handlung ist schnell erzählt aber auch ungeheuer clever komponiert, mit all ihren Nebenflüssen, Strudeln und Untiefen. Es hat einen guten Twist, und Figuren die ein Geheimnis umweht. Gefordert und tief beeindruckt, haben mich die Handschrift und Wortgewandtheit dieses Autors. Ein Roman wie ein gutes Stück Torte, gehaltvoll, sahnig, man nimmt nur immer kleine Bissen ganz genüsslich in den Mund, spürt jedem einzelnen nach und viel zu schnell ist dann der Teller leer. 

Ransmayr hat sich ganz fest mit seiner Geschichte verbunden, im Hörbuch ergibt sich so ein Webmuster, zart wie ein vom Tau benetztes Gespinst, aus Text und Stimme. Die Ohren habe ich ganz weit aufgesperrt, kein einziges Wort wollte, durfte ich verpassen. Magisch ist er dieser Text, lyrisch, manchmal auch kryptisch, und die Fantasie in den Sätzen ist überbordend. So herrlich entspannt, so gekonnt betonend vorgelesen, dass ich einfach nur genieße. Das hätte man nicht besser machen können.

Eine Geschichte, ein Text, dessen Detailfülle sich kaum fassen lässt. Einlassen muss man sich auf diese opulenten Wortbilder, diese Satzkunststücke, deren Erfinder und Dirigent Ransmayr ist und dann spürt man sie auch, die Wassermusik. Diese Melodie des Wassers sorgt dafür, das vieles, alles andere, aus den eigenen Gedanken verschwindet während die Flut Bernstein bringt. So reichlich, dass man ihn für einen Regen aus Gold hält.

An einem offenen Ende schließt sich dann der Kreis. Vergebung, am meisten muss man sich wohl selbst vergeben können, taub vom Tosen, aufgewühlt vom Flüstern, will Mann mit einer Schuld leben …

Mein Dank geht an Argon Verlag für dieses Rezensionsexemplar.

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8 Kommentare

  1. Petra
    18. September 2021

    Liebe Julia, Der begrabene Riese liegt auch noch ungelesen auf meinem Lesestapel. Schön das Du auch so abwechslungsreich liest. Genau das macht mir auch am meisten Spaß und nicht zu wissen wo einen eine Geschichte am Ende hinführt ist für mich immer ein Gewinn. Vorhersehbarkeit ist so gar nicht meins … Dir noch viel Freude beim Parallel-Lesen, das krieg ich nicht mehr so wirklich hin. Mehr als ein Hörbuch und ein Buch gleichzeitig fange ich nicht mehr an. Ich lese einfach zu langsam und krieg dann gefühlt nix mehr zu Ende. Dir noch viel Freude beim “Abarbeiten” Deines Lesestapels. Ich bin gespannt auf Deine Eindrücke. LG von Petra

  2. Julia
    18. September 2021

    Liebe Petra, was mich an diesem Buch fasziniert hat:
    Sprache, keine vorhersehbaren Handlungen (zwar schockierend, aber durchaus möglich,bei solch einer Abgeschiedenheit) und ein überraschendes Ende, mit dem ich gar nicht gerechnet hätte.
    Mit deinen professionellen Blogs erreichst du natürlich sehr viele Menschen von überall her und auch diejenigen, die über ihren Horizont blicken möchten.
    Natürlich kann man nicht immer Lyrik oder anspruchsvolle Romane lesen, das macht sich bei mir schon auch bemerkbar, ich lese meistens mehrere Bücher auf einmal, die sehr unterschiedlich sind. Im Urlaub hatte ich diese drei dabei:

    -Der Fallmeister
    -Der begrabene Riese- hier weiß ich noch gar nicht, wohin mich das führt, dieses dauernde Erwähnen, des teilweisse Wissens und Vergessens ist zu Beginn etwas nervig und langatmig
    – Titan ( leichter historischer Krimi, Thriller und schon 12 Jahre alt)

    Trotzdem bin ich bei ersterem hängen geblieben und die beiden anderen hab ich hinaus geschoben, die jetzt gelesen werden wollen.

    Alles Liebe,
    Gruß Julia

  3. Petra
    17. September 2021

    Liebe Julia,

    wie schön das Du dran geblieben bist und Dich Ransmayr doch noch abholen konnte. Den FAZ Artikel den Du ansprichst kenne ich nicht, ich erlebe im Kontaktumfeld meines Blogs aber durchaus sehr viele Leser*innen die sich nach anspruchsvollem umschauen und/oder so wie Du es beschreibst lesen um ihren Horizont zu dehnen. Alleine wenn ich beobachte wie euphorisch gerade die Longlist des Buchpreises rauf und runtergelesen wird stimmt mich das zuversichtlich.

    Das man nicht nur tiefsinniges liest kann ich aber ebenfalls nachvollziehen, sehr gerne greife auch ich zu einem guten Krimi oder einem reinen Unterhaltungsroman, surfe durch die unterschiedlichsten Genres, liebe gut erzählte Abenteuergeschichten. Für mich bedeutet das die Vielfalt die das Lesen bietet voll auszuschöpfen.

    Lieben Dank für das Teilen Deiner Gedanken und Deine ausführliche Rückmeldung. Also, wir beide bleiben neugierig, gell?

    Liebe Grüße von Petra

  4. Julia
    13. September 2021

    Liebe Petra,
    jetzt bin ich doch glücklich darüber, dieses anspruchsvolle Meisterwerk gelesen zu haben- und auch ein wenig stolz…was macht Unausgesprochenes aus einem Menschen? Innerlich verkrüppelt er und krümmt sich immer mehr zusammen, erdrückt von einer unsichtbaren Last……auch wenn mein Wissen in dem Bereich eines Hydrotechnikers etwas beschränkt ist, hat mich dieses Buch nach einem etwas erschwertem Einstieg doch noch bannen können. Dieses Buch stellt mich jedoch vor eine Herausforderung. Wer könnte dieses Buch mit so einer Begeisterung wie du und ich lesen oder hören? Heutzutage muss ich feststellen, dass gute Literatur wie dieses doch selten geworden ist und noch seltener gelesen wird. Das stimmt mich etwas traurig und nachdenklich. Liegt es am Wandel der Zeit? Sind unsere Bücherwürmer zu Happy End-Lesern und wie es die FAZ in einem Beitrag treffend sagt, unsere Literatur zur Verdorfung geworden? Lies den Artikel mal: ” Die Verdorfung der Literatur” falls du ihn nicht schon gelesen hast. Ich musste sehr darüber schmunzeln, aufgrund des Wahrheitsgehalts. Die Auswahl an guten Neuerscheinungen ist immer schwieriger. Oder liegt es an mir? Beim Lesen eines Buchs möchte ich denken müssen, dazu lernen, Sprache genießen, neues Land entdecken. Diesen Wunsch hat mir Ransmayr erfüllt. Es wird mich lange nicht los lassen. Eine Besprechung über den Inhalt des Buchs zu schreiben, wird sicher nicht so einfach. Gerade dann merke ich, von diesem Autor will ich mehr! Hoffen wir, bald wieder ein Meisterwerk von ihm lesen oder hören zu dürfen!

  5. Petra
    3. September 2021

    Liebe Julia,
    wie schön das Du dem Text doch noch etwas abgewinnen konntest. In Sachen Strömungsumkehr habe ich auch gestaunt und am Mekong war ich auch mit am liebsten unterwegs. Liebe Grüße von Petra

  6. Julia
    3. September 2021

    Liebe Petra,
    schnell aufzugeben, ist eigentlich nicht mein Ding…als Stolperstein empfand ich es bisher nie, von einem Autoren 2 oder mehrere Bücher zu lesen. Wenn mich inhaltlich und auch sprachlich ein Buch mitnimmt, lese ich auch weitere von ihm. Aber ich habe beschlossen, dieses Buch durchzukauen. Das hört sich negativ an, ich weiß. Aber gerade bei solchen Büchern, sieht man doch noch etwas, was vorher nicht erkennbar war. Zumindest konnte ich mein Wissen erweitern, was die beiden Flüsse Mekong und Tonle Sap betrifft. Strömungsumkehr. Das wusste ich nicht, dass es das gibt. Sorry, dass meine Antwort etwas gedauert hat…..Grüße Julia

  7. Petra
    31. August 2021

    Liebe Julia,

    ich mochte die Geschichte sehr, besonders der Sprache wegen, wie Du ja auch schreibst. Kenne aber “Cox” nicht, daher habe ich auch nicht verglichen. Manchmal ist das ein Stolperstein. Gefallen hat mir auch der dystopische Effekt, der Blick Ransmayrs auf ein zersplittertes Europa und auf den Kampf um unsere wichtigste Ressource: Das Wasser.

    Ich habe die Geschichte ja gehört und Ransmayr hat sie selbst gelesen, das außerordentlich gut, was mich auch hat dran bleiben lassen.

    Manchmal passt es aber einfach nicht, Julia. Oder der Zeitpunkt, die eigene Stimmung ist grad auf anderen Wegen. Da zu raten ist schwierig. Sich mit einer Geschichte zu quälen ist ja nicht Sinn der Sache.

    Liebe Grüße
    Petra

  8. Julia
    30. August 2021

    Liebe Petra,
    ich habe begonnen das Buch zu lesen und frage mich nun, ob es sich lohnt, weiter zu lesen. Von seinem Buch” Cox oder der Lauf der Zeit” war ich von Anfang an begeistert. Dieses hier scheint mir unnötig in die Länge gezogen zu sein. Ich bin gerade knapp nach dem 3. Kapitel, aber irgendwie werde ich nicht damit warm. Vom Sohn werden die Arbeiten eines Fallmeisters ausgeführt. Mal abgesehen davon, dass es sich langweilig anhört, habe ich persönlich mit Technik nicht viel am Hut. Ransmayr hat eine Art zu schreiben, die unvergleichlich ist, das liebte ich an seinem “Cox….” Auch hier zeigt er wieder sein sprachliches Können, seine Wortgewalt. Aber mir fehlt der Wendepunkt, der Kern der Geschichte ist doch der Mord an diesen Menschen. Sag mir nur eins. Lohnt es sich weiter zu lesen? Normalerweise gebe ich einem Buch 100 Seiten. Ich bin erst bei der Hälfte und es langweilt mich gerade…was will mir Ransmayr mit diesem Buch sagen? Sein Zynismus ist an manchen Stellen nicht zu übersehen, was mir an einem Buch auch gut gefällt….

    Alles Liebe Julia

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