David (Judith W. Taschler)

Sonntag, 22.10.2017

“Davon hast DU ja keine Ahnung”. Dieser Satz kann treffen wie eine Pfeilspitze und wurde mir, als kinderlosem Teil eines Ehepaares, auch schon mehr als einmal vor die Füsse geworfen. Stimmt, von Erziehung habe ich tatsächlich keine Ahnung, praktisch gesehen, aber eine Meinung, die habe ich schon. Immer seltener tue diese mittlerweile kund. Immer häufiger schüttele ich jetzt innerlich den Kopf. Die Werte in unserer Gesellschaft sind im Wandel. Das erleben wir alle tagtäglich. Grußlos huschen Kinder im Dorf an mir vorbei, mir hätte meine Oma damals die Ohren dafür lang gezogen. Gepetzt hätte das mit Sicherheit unser alter Schuster, hätte ich ihn übersehen auf dem Heimweg von der Schule. Wir/ich wurden von einer Gemeinschaft erzogen, genervt hat es mich als Kind, gehaßt habe ich diese Belehrungen …

Wer ist dafür verantwortlich wie der Lebensweg eines Kindes verläuft? Ist ein Kind dadurch schon verdammt, dass man es zur Adoption frei gibt? Können Alleinerziehende überhaupt ihrer Aufgabe gerecht werden? Heikle Fragen, derer sich Judith Taschler hier annimmt:

David (Judith W. Taschler)

Wer joggt auch schon im Winter? Seit zwei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit, bis zur Hüfte reichte ihm stellenweise der Schnee. Dieser Hügel der da vor ihm lag war ihm nicht geheuer, ein ungutes Gefühl beschlich ihn als er näher heran kam und aus einer Ahnung heraus im Schnee zu graben begann. Bald schon hatte er einen Autoreifen freigelegt, roter Lack schimmerte durch die weißen Flocken. Er grub sich bis zum Autofenster durch, dann sah er sie. Kopfüber hing sie im Gurt. Verzweifelt versuchte er die Türen des Fahrzeugs zu öffnen. Vergeblich …

Oma Clara war ohne Frage die Heldin in Magdalenas Kindheit. Schon im Alter von sechs Jahren hatte Magdalena ihre Eltern bei einem Autounfall verloren. Clara, pensionierte Volksschullehrerin in einem kleinen Dorf in Tirol, nahm Magdalena zu sich. Die Kleine genoß schon bald das Landleben, in Wien wo sie mit ihren Eltern gewohnt hatte, hatte sie sich nie wohlgefühlt. Oma Clara verwöhnte sie, an ihrem siebten Geburtstag gab es gar ein Pony! Unbeschwerte Zeit, geliebte Oma Clara.

Magdalena war noch keine zwölf, als ihre Großmutter morgens nicht wie immer aufgestanden war und in der Küche herumgewerkelt hatte. Bleich und starr hatte sie im Bett gelegen. Magdalena wollte nicht ins Heim, verzweifelt hatte sie den Leichnam im Bett mit Erde zu geschippt, damit der Geruch nicht bemerkt würde. Türen und Fenster hatte sie verriegelt, geflüchtet hatte sie sich in den Garten auf den Baum. Eine ganze Woche hatte sie so durchgehalten, bis ein Nachbar sie fand …

Verstümmelt! Endlich wieder zu Hause, führte einer der ersten Gänge Magdalena in den Garten hinter dem halb verfallenen Haus zu dem Davids-Ahorn, den ihr Großvater nach seiner Rückkehr aus der französischen Kriegsgefangenschaft gepflanzt hatte. Die Rinde war tief aufgeritzt, wer sich mit Bäumen auskannte wußte, damit hatte man ihn zum Tode verurteilt …

Judith W. Taschler, Bestseller-Autorin aus Österreich. Dies ist mein erster Roman von ihr. Einige werden sich evtl. an ihre “Deutschlehrerin” erinnern. Sie selbst hat als Deutschlehrerin gearbeitet und sie wuchs mit sechs Geschwistern zusammen bei Adoptiveltern auf. Vielleicht gelingen ihr diese Geschichten deshalb so authentisch.

Sprachlich klar und ohne Schnörkel erinnert Taschler hier an eine Zeit, in der Abtreibungen noch illegal waren, gepfuscht und verstümmelt wurde. Sie wirft Fragen zum Thema Adoption auf, die sie brutal und ehrlich von Jugendlichen stellen läßt. Damit hat sie mich vielfach hart schlucken lassen …

Taschler macht den Makel, der für viele an dem Etikett “adopiert” klebt nachvollziehbar. Wer weiß denn, ob der Schulkamerad nicht aus dem Schoß einer Mörderin gesprungen ist? Welche Gene oder gar Erbkrankheiten ein Partner mit bringt? Was ist es, das adoptierte Kinder umtreibt wissen zu wollen woher sie kommen? Muß nicht erst diese Frage beantwortet sein, bevor man weiß wohin man gehört, als Mensch, als Teil der Gesellschaft?

Sie erzählt uns eine Geschichte von Schicksal und Schuld, von Strippenziehern und Marionetten. Kommt dabei ohne Paukenschläge und Trommelwirbel aus, baut mit geschickt gesetzten Rückblenden eine Spannung auf, die den Roman beinahe zum Krimi werden läßt. Berührend und packend gleichermaßen. Fein wie Adern ziehen sich die Ereignisse durch die Geschichte, durchfluten und durchbluten sie, machen ihre Figuren lebendig, nahbar und glaubwürdig.

Ihre Magdalena mochte ich sofort. Ihr Leben beginnt wie die Geschichte von Pippi Langstrumpf, zwar Vollwaise, aber wild und frei. Pippi haben wir jedoch nie erwachsen werden sehen – Magdalena schon …

Ähnlich einer Patchwork-Decke berühren sich Fragmente der Lebensgeschichten ihrer Figuren. Ein buntes Bild, durchdrungen von Licht und Schatten, verbunden und doch getrennt – und wer ist eigentlich David? Erst spät im Roman löst sie dieses geschickt verschachtelte Rätsel.

Eine Geschichte ohne Anfang, ohne Ende – wie das Leben selbst …

Mein Dank geht an den Verlag für dieses Rezensions-Exemplar.

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