Das Schlangenmaul (Jörg Fauser)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 04.08.2019

Seit Adam und Eva und dem Paradies steht die Stimme der Schlange für Verführung, die Intrige und für das Satanische in der Welt. Ihr Biss, ihr Gift ist lähmend, bisweilen sogar tödlich. Mich hat dieser Titel verführt, oder war es “das Instagram” wo ich mich infiziert habe mit dem Fauser-Virus? Mich habe anstecken lassen, von der Fauser-Mania? Ganz nah am amerikanischen Krimi sei er dran gewesen, der Herr Fauser, ein verkannter Autor, kann man nachlesen und sein Leben fand ein Ende, welches ebenfalls in einem Roman Platz finden könnte, dazu weiter unten im Text mehr. Na? Schauen wir mal gemeinsam weiter und der Schlange buchstäblich ins Maul?

Das Schlangenmaul (Jörg Fauser)

Achtunddreißig Jahre alt, pleite und ein Filmriss. Aufwachen im Bett einer hübschen Thailänderin mit einem Brummschädel in Berlin, der noch geteilten Stadt. Es klingelt. Die Steuerfahndung. Zwischen 1977 und 1982 soll er Einkünfte aus seiner Arbeit als freier Journalist, in Höhe von Einhundertfünfzigtausend Mark, nicht versteuert haben. Vier Mahnungen des Finanzamtes und eine amtliche Zustellung hatte er bis hierher erfolgreich ignoriert. Jetzt war er zu einem Fall geworden, zur Steuer-Fallakte Heinz Hader. Es gab einen gut gefüllten Schnellhefter über ihn, den der Beamte jetzt aus seinem Aktenkoffer und zu Rate zog. Fünfzigtausend Mark Steuerschulden. Da blieb nur eins, wem das Wasser bis zum Hals stand, der brauchte einen großen Coup. Er musste einen Kunden an Land ziehen, einen dicken Fisch, der es ihm zumindest ermöglichen würde eine Anzahlung bei Vater Staat zu leisten. Sonst, ja sonst was? Geldstrafe, Knast?

Flaschengrüne Samtanzüge, dazu senfgelbe Pullover und spitze Schuhe mit weißen Kappen. Was für ein Auftritt, was für eine Mode. Krimifans treffen sich hier, in diesen Clubs trinkt man Baccardi, sie brennen ab, entstehen neu, an anderer Stelle ein paar Straßen weiter. Geld, viel Geld, Verbindungen, Beziehungen fungieren als Eintrittskarten in diese Welt aus Schatten. Eine Plastikschlange geworfen ins Club-Dunkel sorgt für Angstschreie und Aufregung. Eine Warnung?

“Bergungsexperte für außergewöhnliche Fälle”, geschieden, ein Kind, beinahe Kettenraucher mit dreißig bis vierzig Zigaretten am Tag. Er findet seinen Fall, in Hannover. Bergen, respektive wiederfinden soll er eine verlorene Tochter. Vater Politiker, die Mutter, ebenfalls geschieden, kühl, schön und blond. Haders Suche führt ihn durch’s Milieu, durch Bordelle, dabei tritt er nicht nur den Damen auf die Füße. Als Kunde sieht man ihn hier gern, als Schnüffler weniger. Gleich ob er eine Story oder was auch immer sucht …

Jörg Fauser, deutscher Schriftsteller, geb. 1944 verstarb 1987, in der Nacht nach seinem dreiundvierzigsten Geburtstag. Ein LKW erfasste ihn, als er zu Fuß auf der A94 bei München unterwegs war. Seine Todesumstände sind bis heute ungeklärt. Am 16. Juli 2019 wäre er fünfundsiebzig Jahre alt geworden.

Drei erfolgreiche Romane verfasste Fauser, den hier in einem Nachwort auch Friedrich Ani ehrt, und der mit einem Text sogar in die ZDF Hitparade gelangte, dies durch die Zusammenarbeit mit dem Musiker Achim Reichel und mit dem Songtext zu “Der Spieler”. Sofort habe ich dieses Lied im Ohr, Ihr auch?

Mit der Neuauflage seiner Geschichten erinnert der Diogenes Verlag in diesem Jahr an Fauser, zu dessen Tod es durchaus auch kritische Stimmen gab. Es wurden Vermutungen laut, es habe sich nicht um einen Unfall gehandelt, sondern Fausers Recherchen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Drogenmilieu und der deutschen Politik befasst haben, seien hier verursachend gewesen. Man rechnet seine Texte der Untergrund-Literatur zu und seinerzeit bedachte Marcel-Reich-Ranicki sie mit vernichtender Kritik. Wenn das nicht einen eigenen Lese-Eindruck wert ist?

Seine Figuren, ihre Macken und Fetische beschreibt Fauser szenisch und er konturiert sie messerscharf. Sprachlich ist er direkt, aber nicht ungeschliffen. Er kling überaus modern, keineswegs gestrig. Er ist ein excellenter Beobachter, nimmt kein Blatt vor den Mund und uns

mit auf die Suche nach einer verschwundenen Tochter, auf Verfolgungsjagden mit dem Taxi, zu zwielichtigen Politiker und enttäuschten Ehefrauen. Alltag für einen Detektiv, der keiner ist, sondern ein Journalist für Klatschblätter. Berliner Clubs, dubiose Geschäfte, Drogen und Alkohol – hier wird so einiges geboten und der Titel das Schlangenmaul ist nicht willkürlich gewählt. Hier kann man versinken im Morast der Illegalität und das Zitat zu Beginn aus der Offenbarung 12,9 macht eine Gänsehaut:

Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange,
die da heißt Teufel und Satanas, der
die ganze Welt verführt,
und ward geworfen auf die Erde,
und seine Engel wurden auch dahin
geworfen.

Es geht um eine Sekte, getarnt als Institution für psychosoziale Therapie, staatlich gefördert versteht sich, wo “Buddha-Walküren” über Mythen referieren.

Von Schlangenbeschwörern und mehr als seltsamen Initiationsriten, immer mit Schlange, mit denen der gefährlichen, der giftigen Sorte, erfahren wir. Mir werden die Knie weich bei der Begegnung mit diesen Geschöpfen … Gab es hier eine Verbindung zu der jungen Frau die Hader suchte?

Der Ku’Damm bei Nacht, Nobelrestaurants und Hummerkrabben in delikater Soße, so machen Recherchen Laune. Die Exfrau unterstützt wo sie nur kann, ihr Augenaufschlag öffnet Türen und Münder. Schlagwort “white slavery” bei den Zeitungsredakteuren die er trifft klingeln die Ohren. War er hier auf eine Keimzelle des organisierten Verbrechens gestoßen?

Freier schlagen über die Stränge und der Tod einer Prostituierten wird als Betriebsunfall gewertet? 

Drohanrufe, Wohnungsbrände. Es winken die Zaunpfähle und Harder, unser “Busenwunderbetexter” schaut weg. Bis unseren Ex-Boxer ein Tiefschlag trifft.

Er ist echt eine Nummer! Einen staubtrocknen Humor legt Fauser ihm in den Mund, stattet ihn mit reichlich Ecken und Kanten aus. Konventionen und ein klassischer Brotjob sind nicht sein Ding. Er genießt seine Freiheit ebenso wie seine zugemüllte Junggesellenbude.

Gute Geschichten haben kein Verfallsdatum und es ist nie zu spät um abzutauchen in die Tiefen des Bücher-Universums um nach einem Stern zu greifen. Ich freue mich über diese Entdeckung, die frisch entstaubt meine Ohren durchwirbelt hat, im ungekürzten Hörbuch genial gelesen von:

Charly Hübner. Eine Idealbesetzung ist er für diesen Stoff würde ich sagen. Für mich ist er Harder, für immer werde ich ihn mit dieser Figur verbinden. Ironisch und sehr authentisch liest er. Als Schauspieler ist er nicht nur Sketchpartner von Anke Engelke in Ladykracher, er wirkte auch in dem oscarprämierten Film Das Leben der Anderen mit. Ausgezeichnet trifft auch auf ihn zu, denn er hat sich den Bayrischen Fernsehpreis und den Grimme Preis erspielt. Vorlesend war dies meine erste Begegnung mit ihm und wenn möglich, nicht meine letzte. Er klingt herrlich, herrlich verkatert, wenn er mit Hader frühmorgens nach einer durchzechten Nacht aufsteht. Herrlich rauh und kantig. Brummig liest er Fausers leicht lakonischen Text auf Kante.

In diese Welt aus halbseidenen Geschäften und Begierden setzte ich nur zögerlich meinen Fuß, auf Zehenspitzen bin ich Hübner und Fauser gefolgt. Was ich nicht beim Namen nennen kann übernimmt er, der Fauser und ihr, die ihr hier sehr viel erleben könnt, in den Tagen und in den Nächten, gebt gut auf Euch acht, bis wir uns, am Ende, mit dem Steuerfahnder in Harders Küche wieder treffen. Diesmal angezogen und mit einem zerrissenen Scheck in der Hand …

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