Das Leben das wir begraben (Allen Eskens)

Donnerstag, 25.04.2019

Zufälle gibt es nicht. Das höre ich oft. Alles folgt einem größeren Plan, oder vielleicht sogar einem göttlichen? Begegnungen können schicksalhaft sein, oder auch nur eine flüchtige Berührung auslösen, treffen wir auf Menschen, die uns fremd sind.

Begegnungen, können unserem Leben eine neue Richtung geben, wie der Queue einer Billardkugel, gleich ob über Bande gespielt oder direkt. Wir prallen ab, werden umgelenkt, stoßen uns, landen im Abseits oder im Ziel. Sind angeschlagen, oder fühlen uns bereichert.

Kopfüber, ohne Vorwarnung, ohne Netz und doppelten Boden geraten wir hier mit dem Helden von Allen Eskens Roman in eine Geschichte um eine mehr als schicksalhafte Begegnung. Dieser Thriller hat in den USA vielleicht auch deshalb fast alle Preise des Genres gewonnen, weil er sich mit einem der großen Traumata der Amerikaner, dem Vietnam-Krieg, bzw. mit zwei seiner Veteranen beschäftigt. Aber immer der Reihe nach. Lernen wir erst einmal gemeinsam den Hauptakteur der Geschichte kennen, ich mache Euch mal bekannt. Joe Talbot der Name, frisch gebackener Student, Türsteher, Rausschmeißer und großer Bruder des autistischen Jeremy.

Das Leben das wir begraben (Allen Eskens)

Die Suche nach einem Helden, diese Hausaufgabe seines Englisch-Kurses, machte ihm echte Kopfschmerzen und er war mittlerweile schwerst in Zeitverzug geraten. Eine Biografie sollte er schreiben, mindestens einhundertzwanzig Seiten stark. Es fehlte ihm aber immer noch ein geeigneter Kandidat und seine fixe Idee, in diesem Altersheim einen Kriegsveteranen ausfindig zu machen, der etwas Einmaliges zu erzählen hatte, schien gerade schwer aus dem Ruder zu laufen.

Zunächst erklärte man ihm, dass die Bewohner hier unter Demenz, Alzheimer und anderen neurologischen Störungen litten und bestenfalls noch ihren eigenen Namen wussten, dann boten sie ihm an einen Mörder zu interviewen?

Nach anfänglichem Zögern, sah er sich jetzt Karl Iverson gegenüber, der Bauchspeicheldrüsenkrebs hatte ihn schon fast aufgefressen. Sie gaben ihm nicht mehr viel Zeit, hatten ihn deshalb aus der Haft zum Sterben hierher verlegt, ihn einen verurteilten Mörder, der vor dreißig Jahren ein vierzehnjähriges Mädchen vergewaltigt und in seinem Werkzeugschuppen verbrannt hatte …

War das eine Geschichte die er erzählen wollte?

Vietnam, im Mai 1967. Virgil gehörte zur Vorhut seines Platoons an diesem Tag. Der Pfad auf dem sie sich anpirschten verlief über ein felsiges Plateau. Von dort aus konnten sie das Dorf im Tal schon sehen. Er wollte seiner Einheit gerade Entwarnung geben, als plötzlich der Dschungel um ihn herum im Mündungsfeuer zahlreicher Schüsse explodierte.

Karl war es, der zwischen Virgil und vierzig Maschinengewehren kniete und ihn gegen das Gewehrfeuer abschirmte. Er war es gewesen, dem er, Virgil, es verdankte, dass er an diesem Tag nur sein Bein verloren hatte und nicht sein Leben. Als die Luftunterstützung kurz darauf Napalm auf die Vietkong abwarf, war es abermals Karl, der sich auf ihn geworfen und sein Fleisch den Flammen preisgegeben hatte. Heute noch konnte man auf dem Rücken von Karls Oberarmen die Brandnarben sehen …

Allen Eskens; der 1963 geborene Amerikaner gewann mit diesem Thriller 2015 in der Kategorie “Bester Erstlingsroman” den Edgar Allan Poe Award. Dieser Award ist der weltweit populärste und gleichzeitig bedeutendste Preis für kriminaliterarisches in den USA.

Gut konstruiert, einfühlsam, spannend und aufwühlend erzählt er die Geschichte des Kriegsveteranen Karl Iverson. Wie viel seiner Seele war in Vietnam geblieben? Äußerlich scheint er nach seiner Rückkehr wie viele unversehrt, innerlich hat ihn dieser Einsatz jedoch für immer verändert. Aber hat ihn dieser Krieg auch zu einem Mörder gemacht? Ausgezeichnet mit zwei “purple hearts” und einem “silver star”, mutig war er im Einsatz  gewesen.

Das Leben das wir begraben ist ein Verwirrspiel, ein Puzzle, eine Milieustudie der amerikanischen Mittelschicht, ein forensischer Thriller. Das amerikanische Rechtssystem mit seinen Grand Jury Verfahren stellt der Autor dabei ebenfalls unter den Scheinwerfer

Er erzählt von Hemmschwellen, von Menschen die am Rande der Gesellschaft als Gefangene ihrer inneren Dämonen hausen. Wir erleben, wie es zwei Studenten mit unterschiedlicher Motivation gelingt, ihre Vorbehalte über Bord zu werfen und wir spüren mit ihnen einem Leben nach, dessen Verlauf tragischer und gescheiterter nicht sein könnte. Mit den beiden suchen wir nach der Geschichte hinter der Geschichte, nach der Wahrheit, die sich hinter dem verbirgt was alle sehen wollen.

Joe Talbots eigenes Leben läuft neben seinen Recherchen wie auf einer Parallelspur ab. Er agiert als Mülldieb in der Nacht auf der Suche nach DNA Spuren, wird selbst gewürgt, erleidet schwere Erfrierungen an Fingern und Zehen und denkt immer noch nicht daran aufzugeben. Unverdrossen und mit jugendlichem Überschwang agierend fehlt ihm bisweilen die Umsicht und so bringt er sich selbst in größte Gefahr. Dabei nötigt mir seine Beharrlichkeit immer wieder Respekt ab.

Seit er elf Jahre alt ist übernimmt er die Rolle des Babysitters für den Bruder und die alkoholkranke Mutter, versucht eine Familie zusammenzuhalten, die mehr ein leck geschlagenes Schiff als eine Gemeinschaft ist. Als er jetzt endlich versucht seinem Leben mit einem Studium eine eigene Richtung zu geben, zieht die Mutter ihn wie an Schnüren zurück, die gemeinsame Verpflichtung für den Bruder sorgen zu müssen dabei wie einen Prügel schwingend. Sein Dilemma, das ihn schwanken lässt zwischen Abschied und Aufbruch wühlen mich auf.

Seine Begegnung mit dem Gewalttäter Iverson lassen auch Zweifel in mir wachsen. Im schlimmsten Gefängnis von Minnesota, einem wirklichen Dreckloch hat dieser dreißig Jahre Haft überlebt. Die Indizien eindeutig, seine Passivität etwas zu seiner Entlastung beizutragen spricht Bände.

Ein Roman, der uns auch tief in den vietnamesischen Dschungel entführt. Der die Schrecken eines Krieges vor unseren Augen aufziehen, Dörfer und Menschen im Napalm brennen lässt.

Mit dieser Zeitreise zeichnet Askens das Bild eines Mannes, den man im Hier und Jetzt so ganz anders vor Augen hat. Als junger Mann war Karl Iverson in diesem Krieg zwischen die Fronten geraten, musste plötzlich abwägen zwischen Pflichterfüllung für das Vaterland und seiner inneren Überzeugung, die ihm nach den Maßstäben christlicher Werte anerzogen worden waren. Er fand sich mitten in einem Zermürbungskrieg wieder, der einzig darauf ausgerichtet war, dass man mehr Gegner tötete, als der Feind in den eigenen Reihen erledigen konnte. Was hatte das und das unmenschliche Verhalten vieler Offiziere noch mit dem Schutz des Vaterlandes zu tun? Er fühlte sich, als habe man ihn als Schlachter hierher bestellt, wenn sich zwischen das Summen der Moskitos feine Blutwolken mischten, die aufstiegen, wenn der Vietkong in einen Hinterhalt und auf eine Personenabwehrmine geraten war.

Wie durch ein Wunder blieb er selbst stets verschont und sein eigener Glaube verbot ihm selbst Hand an sich zu legen. Als Kriegsheimkehrer dann, fühlte er sich wie ein Keim, der in einen gesunden Organismus eingedrungen war …

Der Sprecher der Hörbuch-Fassung Oliver Erwin Schönfeld macht seine Sache ausgezeichnet. Wütend speit er uns die Befehle der kommandierenden Militärs ins Gesicht. Man meint förmlich ihre Speicheltröpfchen im Gesicht zu spüren und steht stramm. Joes vom Alkohol schwer gezeichnete Mutter, mit ihren Stimmungsschwankungen, ihren Zornausbrüchen, gibt er ebenso beängstigend realistisch wie Jeremy, Joes autistischen Bruder mit seiner zögerlichen, liebenswerten Art.

Mörder wispern, Schatten flüstern mit seiner Stimme! Die Wendungen in den letzten beiden Hörbuch-Kapiteln erzeugen knisternde Spannung und Schönfeld läßt uns gebannt Nägel kauen angesichts des Wahnsinns eines Mörders, gepaart mit der Zwangsläufigkeit der Ereignisse, in einem wie ich finde fulminant vorgetragenen Showdown. Bravo!

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