Das Geburtstagsfest (Judith W. Taschler)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 28.04.2019

Der fünfzigste Geburtstag. Es wird bilanziert und bewertet, vielleicht auch das Leben der Anderen betrachtet. Verglichen, und vielfach hagelt es auch gute Ratschläge. Man selbst schaut zurück, blickt nach vorn, versucht einzuschätzen wo man steht. Ich weiß wovon ich rede, habe ich doch längst schon ein paar Lebensjahre mehr als fünfzig auf meiner Tachoscheibe.

Familienfeiern können eine wahre Brutstätte für Auseinandersetzungen sein. Wer hat das nicht auch schon erlebt? Die Eskalation von Nichtigkeiten hat schon so manche Familie auseinander getrieben. Je mehr Zeit danach verstreicht, desto weniger weiß man am Ende noch, was die Ursache für den Streit eigentlich gewesen ist, nur das man sich nicht mehr verträgt, das ist für alle gewiss.

“Das Gegenteil von gut ist gut gemeint”. In diesem Roman-Fall ist es ein geladener Überraschungsgast der einen Eklat auslöst …

Das Geburtstagsfest (Judith W. Taschler)

Wie eine Bombe war dieser Satz am Vorabend seines fünfzigsten Geburtstags geplatzt. Es gab keinen Knall und keine Explosion und doch gab es zahlreiche Verletzte, darunter seine Frau und die Kinder. Was bitte sollte das heißen, sein Geburtstag war gar nicht morgen? Wie hatte er ihnen in all den Jahren sein wahres Geburtsdatum verschweigen können und warum hatte er das getan? Seine Freundin aus Kindertagen, Tevi, hatte es zu ihrer Profession gemacht über ihre Heimat und über ihr Erlebtes, Verlorenes zu reden. Er aber war verstockt, verschlossen. Sprach man ihn auf seine Herkunft an, reagierte er oft ärgerlich, seine Familie vermutete ein Trauma und liegt damit richtig. Die Wahrheit hinter diesem Trauma jedoch, wusste Kim bis heute gut zu verbergen …

Kambodscha in den Siebziger Jahren. Sie stolperten mehr voran als sie gingen. Auf ihr Jammern nach etwas zu essen und Wasser reagierte die Mutter nicht mehr. Längst hatten die Eltern auch damit aufgehört ihnen die Augen zuzuhalten, ihr Tevi sieben Jahre alt und ihrem kleineren Bruder. Zu viele Tote lagen mittlerweile am Straßenrand und mussten von ihnen passiert werden. Die Soldaten der Roten Khmer hatten sie aus ihrem Haus vertrieben und aus ihrem Leben. Nur das Notwendigste hatten sie mitnehmen können. Seit Tagen waren sie jetzt schon auf der Straße unterwegs. Übermüdet, hungrig und voller Angst, im Ungewissen darüber, was man mit ihnen vor hatte …

Die Tür zur eigenen Vergangenheit fest verriegelt, fest verschlossen und den Schlüssel weg geworfen. Schmerzhafte Erinnerungen etikettiert, verpackt und vergraben. Die eigene Herkunft verleugnend. Worauf gründet sich ein Neuanfang, wenn man seine Wurzeln gekappt hat?

“Bei den Diskussionen belächelten die Mitbewohner seine Naivität. Er belächelte ihre Luxusprobleme”. (Textzitat)

Wie kann man heimkehren in ein Land, das einen nicht zum Soldaten sondern zum Mörder gemacht hatte? Kann man eine Schuld ablegen, die man seit Jahrzehnten schon trägt?

Vorsicht, dieses Buch hat es faustdick hinter den Deckeln. Das wunderschön und wie ein Gemälde gestaltete Cover kommt harmlos und anmutig daher, hinter dieser Fassade aber brodelt und zischt es gewaltig. Sein Motiv steht sinnbildlich für mich auch für den Blick zurück, in eine Zeit die vergangen ist, auf Erinnerungen die bereits begonnen hatten zu zerfallen.

Hier habe ich etwas gelernt über eine Zeit in der ich selbst noch ein Kind war und über einen Brandherd in der Welt, der so unendlich weit weg gewesen ist. Eine Zeit in der die Amerikaner an der vietnamesisch/kambodschanischen Nordgrenze, Bomben abwarfen um die Waffenlager der Vietkong zu zerstören, und damit einen Flüchtlingsstrom noch befeuerten, den die Roten Khmer mit ihrer Rebellion, die in einen Bürgerkrieg mündete ausgelöst hatten und der bis nach Österreich schwappte. Die Vision der Rebellen von einem neuen, einem besseren Kambodscha, in dem bescheidener Wohlstand gerechter verteilt werden sollte, mutierte zu einem Genozid. Und in dieser Vision der Rebellen hatten sie keinen Platz: Lehrer und Ärzte, auch die nicht, die bisher die Landbevölkerung versorgt hatten. Nahezu alle wurden umgebracht …

Das “Alte Volk” bestehend aus Bauern, ärmlich aber rechtschaffen, sollte Grundstein und Maßstab sein. Mit soviel Idealismus begann es, auch für Kim, die männliche Hauptfigur in Taschlers Roman.

Judith W. Taschlers letzter Roman David hatte mir schon gefallen, hier packt sie mich aber nochmal eine Spur fester an, rüttelt an mir, schreckt mich auf, konfrontiert mich mit einer Welt, mit der ich mich so bislang noch nicht beschäftigt hatte. Auf der Basis von eigenem Erlebten erzählt sie, ihre Eltern hatten in den Achtzigern eine Flüchtlingsfamilie aus Kambodscha aufgenommen und das, so glaube ich, macht ihre Geschichten so besonders nahbar und authentisch.

In Das Geburtstagsfest verbindet sie eine Gegenwartsgeschichte, die sie in Österreich verortet mit Kambodscha und dem Schreckensregime der Roten Khmer. Dieser Mix ist es, mit geschickt gesetzten Rückblenden erzählt, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Wie sie dabei sprachlich auf Abstand bleibt, nie rührselig wird, bei all der Dramatik und Greuel. Fakten geschickt einstreut. Hut ab!

Sie hat es geschafft mehr als nur einen belletristischen Roman zu schreiben. Er ist Gesellschaftsroman und Zeitdokument. Rasch verstrickt sie mich, nimmt mich mit in dieses gebeutelte Land und zurück in der Zeit, zu vernarbten Seelen, auf eine Reise tief in das Innere ihrer Figur Kim. Architekt, Entenzüchter mit eigenem Teich, Vater von drei Kindern, seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet mit Ines.

Sie öffnet für mich die Büchse der Pandora, ein wahrer Ereignisstrudel reißt mich von den Beinen. Sie schockt Ehefrauen mit der Erkenntnis, dass sie den Partner an ihrer Seite überhaupt nicht kennen, dass sie ein Leben führen vor einer Kulisse, die schon immer Risse hatte.

Wo die Liebe hinfällt … Was, wenn sie nicht aufgehoben werden kann, zwei Menschen nicht verbinden kann, weil es da noch einen Dritten gibt, oder eine Dritte, Scham und Schuld?

Die letzte Seite habe ich umgeblättert, tauche langsam wieder auf und ich beginne zu verstehen, wie schmerzhaft es sein muss eine Kluft zu überwinden, die ein ganzes Leben lang unüberbrückbar schien.

Wie man zum Meister der Verdrängung wird. Wie viel Kraft es kostet zu verzeihen. Was für ein Leben …

Das Regime der Roten Khmer dauerte vom 17. April 1975 bis zum 07. Januar 1979. Diese drei Jahre, acht Monate und zwanzig Tage kosteten ein Viertel der Bevölkerung Kambodschas, das entspricht rund zwei Millionen Menschen das Leben durch Folter, Hinrichtungen, Zwangsarbeit, Hunger und Krankheiten.

Nachthimmel und Sternenfall 

Der Himmel groß, voll herrlicher Verhaltung,
ein Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
Und wir, zu ferne für Angestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.

Da fällt ein Stern! Und unser Wunsch an ihn,
bestürzten Aufblicks, dringend angeschlossen:
Was ist begonnen, und was ist zerflossen?
Was ist verschuldet? Und was ist verziehn?

Rainer Maria Rilke
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2 Kommentare

  1. Petra
    28. April 2019

    Das freut mich Dorothee!Lass mal von Dir hören, wie Dir der Titel gefallen hat. LG von Petra

  2. Dorothee
    28. April 2019

    Hallo Petra!
    Da hast Du offensichtlich wieder mal einen “Schatz” gehoben…
    Ich werde den Titel auf meine Wunschliste schieben!
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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