Das Eis (Laline Paull)

“Ich sitze hier und atme leise, um all das nicht zu stören
Um unbemerkt für eine Weile zu allen zu gehören …

Hier bin ich mit mir verbunden
Hier leb’ ich in mich hinein
Mir gelingt es für Sekunden 
Mich von allen zu befreien

Hier ist meine Angst verschwunden
Hier bin ich mit mir allein
Ich bin im großen Grün versunken
Hier um einfach nur zu sein”.


Quelle: Songtext von Sein © Sony/ATV Music Publishing LLC, BMG Rights Management/Songwriter: Andreas Bourani / Jasmin Shakeri-Nejad / Julius Hartog

Sonntag, 13.01.2019

Genau dieses Gefühl hatte ich 2017 im Sommer auf unserer Schiffsreise von Norwegen über Spitzbergen, nach Island und Faroer, konfrontiert mit dieser ehrfurchtgebietenden Landschaft und je näher wir der Arktis kamen.

Es haben sich so intensive Erinnerungsbilder in mir abgelegt,  dass sie mich an manchen Tagen vor Fernweh heute noch schwindlig werden lassen. Ein lang gehegter Wunsch hatte sich mit dieser Reise für mich erfüllt, und immer noch fühlt es sich an manchen Tagen so an, als sei ich gestern erst wieder nach Hause gekommen. Longyearbyen, das war auch unser Hafen auf Spitzbergen und als ich diesen Roman hier aufgeschlagen habe, bin ich genau auf Seite 8  dort wieder ausgestiegen.

Damit ihr mir und meinem Herzen dorthin folgen könnt, und versteht, warum ich mir gerade diese Geschichte jetzt im Winter ausgesucht habe, lege ich ein paar Bildeindrücke aus Spitzbergen, die mein Smartphone damals für mich festgehalten einmal hier mit ab  (Absprung auf den Blog)

Damit ihr mir und meinem Herzen dorthin folgen könnt, lege ich ein paar Bildeindrücke, die mein Smartphone für mich festgehalten hier mit ab:
…. und verlinke, für diejenigen von Euch, die neugierig auf mehr von meiner Reise sind zu dem Teil meines Logbuches, der mich nach Spitzbergen geführt hat:

Petras Log-Buch Teil 3 (von 6)

 

“Nicht umsonst gibt es zahllose Menschen, die ihr Leben immer und immer wieder für die Arktis auf’s Spiel gesetzt haben: Dieser Ort zeigt dir deine Seele, selbst dann, wenn du glaubst, keine zu haben”. (Textzitat)

Das Eis (Laline Paull)

Es herrschte Jammern auf höchstem Niveau. Auf dem luxuriösesten Kreuzfahrtschiff, der Varnia, die in der Arktis seit nunmehr neun Tagen unterwegs war, hatten sich die Reichen und ganz schön Reichen versammelt und sie gierten nach einem Eis-Bären. Der Großteil ihrer insgesamt vierzehntägigen Kreuzfahrt lag bereits hinter ihnen, dies ohne auch nur den Hinterlauf, eines der weißen Raubtiere zu Gesicht bekommen zu haben. 

Das Wetter spielte auch nicht mit. Statt einer klaren, belebenden Kälte, die alle erwartet hatten, war eine seltsame Schwüle zu spüren, die eher an einen naßkalten, englischen Sommer erinnerte als an die Arktis. Den ganzen Tag über wurde es nicht dunkel, hier im Reich der Mitternachtssonne, das nervte sie jetzt auch zunehmend. Man vergaß so wann es Zeit war seine Tabletten zu nehmen, kam völlig aus dem Tritt. Sprich, sie hatten die Schnauze voll und die Rechtsanwälte unter den Mitreisenden zitierten den Reiseleiter an die Bar und konfrontierten ihn damit, dass ihnen diese Reise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verkauft worden war. Man erwog eine Sammelklage um eine Entschädigung einzutreiben, nicht zuletzt fehlten ja sogar die Eisberge, man sah hier nur schmutzige Gletscher!

… Sonnenturbulenzen hatte alle Satelliten-Telefone außer Gefecht gesetzt, ob kurz vor oder kurz nachdem die Eishölle eingestürzt war wusste niemand mehr so genau. Die drei Teilnehmer, die sich schon auf dem Rückweg aus der Höhle befunden hatten konnten sich noch retten. Sean und Tom aber, die den “Großen Saal” tief im Inneren hatten besichtigen wollen, wurden eingeschlossen. 

Ein aufziehender Sturm machte einen sofortigen Rettungsversuch unmöglich. Sieben Stunden sollten nach dem abgesetzten Notruf verstreichen, bis sich die Rettungsmannschaften erstmals bis zum Eingang der eingestürzten Gletscherhöhle durch kämpfen hatten können. Das Zeitfenster für die Bergung wurde dann durch einen erneuten Sturm erneut eingeengt, man schätzte es blieben ihnen nur etwa ein gute Stunde bis die Rettungsteam wieder umkehren mussten. Ein verzweifelter Wettlauf gegen die Uhr begann.

Sieben Stunden in Dunkelheit und Kälte für die beiden vermissten Männer, die mittlerweile im Inneren der zerborstenen Höhle von einander getrennt worden waren, wie lebendig begraben in einem gläsernen Sarg, alle Höhe und Weite im Innern der Gletscher-Kathedrale war mit einem Donnerschlag gewichen, die Helm-Lampen und damit ihre einzige Lichtquelle war erloschen, und nur einer der beiden sollte dieses eisige Grab am Ende wieder lebend verlassen …

Tragischer Unfall, leichtsinniges Abenteuer oder Vorsatz? Vier Jahre nach dem Einsturz dieser Eishöhle fördert ein Naturphänomen, das eines weltweiten, nahezu gleichzeitigen massiven Gletscherkalbens, am Midgard Gletscher in Spitzbergen, den Leichnam eines Mannes zu Tage. Dies ausgerechnet vor den, von Abenteuern unterversorgten, verwöhnten, Luxus-Touristen, deren Kapitän auf Eisbären-Suche einen unerlaubten Kurs eingeschlagen hatte  …

Laline Paull, legte 2014 mit “Die Bienen” ihren Debüt-Roman vor, den Denis Scheck damals als eines der hinreißensten Debüts bezeichnete. Was soll ich Euch sagen, bei mir klingelte da was, als ich im Klappentext von “Das Eis” davon las und ich habe “Die Bienen” tatsächlich noch ungelesen im Regal gefunden! Ihn jetzt eilig auf meinem Lesestapel nach oben verschoben. Gerne will ich die beiden grundunterschiedlichen Geschichten dieser Autorin einmal miteinander vergleichen. Auch wenn ich jetzt quasi das Pferd erst einmal von hinten aufgezäumt habe. Ein gutes Buch hat ja bekanntlich kein Verfallsdatum!

Die Autorin zeichnet in “Das Eis” als Helden einen britischen Wirtschafts-Boss mit einem Faible für die Arktis und mit Einfluß bis in die höchsten politischen Kreise nach, der als Belohnung für seine Taten auf die Erhebung in den Ritterstand hofft. Gestützt wird er von einem einem zwielichtigen Mentor und Sponsor, dem das Wort Gewissen noch gar nicht untergekommen zu sein scheint und von einem idealistischen Umweltaktivisten, der nicht nur die Arktis zu retten versucht …

Aber hat er wirklich auch Dreck am Stecken und mit dem Tod seines Partners in dieser Höhle etwas zu tun? Versucht er etwas zu verbergen? Warum ist die Exfrau des Toten ihm so spinnefeind? 

Unfall, Totschlag oder Mord? Paull garniert mit Spionage, Korruption, Waffenhandel, Umweltaktivismus vs. Luxustourismus, das vor grandioser Naturkulisse.

Wo verläuft die Grenze zwischen richtig und falsch? Zwischen Doppelmoral und Gewissen. Es ist faszinierend mit zu erleben, wie Paulls Protagonist sich wandelt, windet, zappelt, wie ein Fisch an der Angel um dann am Ende was zu tun? Das Richtige?

Die Arktis wird hier in Haupt-und Nebenrollen perfekt in Szene gesetzt, sie ist mehr als Kulisse, hat immer das Heft des Handels in der Hand, bestimmt über Leben und Tod, lehrt Demut. Ihr sind die Menschlein egal, ganz gleich ob sie sich in Luxusresorts verschanzen oder auf der freien Fläche das Abenteuer suchen, zum Spielball eines wütenden Schneesturms, von ihm wie gewichtslose Puppen weggeworfen werden …

Was für Lebensbedingungen hier herrschen, wird einem im Ganzjahresverlauf erst so richtig bewußt. In der Zeit der Mitternachtssonne, in den Sommermonaten von Ende April bis August, in der kurzen Zeit der Dämmerung im Herbst, wenn sich die Polarnacht nähert und das Licht mit jedem Tag immer mehr abnimmt um dann gegen Ende Oktober nur noch einige wenige Stunden Zwielicht zur Mittagszeit übrig zu lassen. Ab Mitte November senkt sich dann völlige Dunkelheit herab und es gibt keine Tage mehr, drei Monate lang. Etwa zweitausend Stunden im Jahr verbringen die in der Arktis lebenden Menschen ohne natürliches Licht.

So sind dann auch die Sommermonate von einer deutlich höheren Kriminalitätsrate geprägt. Diese Zeit der permanenten Helligkeit, die einem geruhsamen Schlaf im Wege steht, ist für so manchen auch die Zeit des Wahnsinns. Für die anderen liegt der Wahnsinn dann eher in der Zeit der kompletten Dunkelheit der Polarnacht.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen …

“Bei einigen wenigen kann der Wahnsinn jederzeit zuschlagen. Er schwingt in der arktischen Stille mit, die einerseits so spirituell sein kann – und anderseits so dämonisch. Sie verhakt sich mit ihren Krallen im Bewußtsein der Menschen und bringt es vollkommen aus dem Gleichgewicht. Wenn das nackte Überleben zum ultimativen Gut wird, werden unendlich viele Hemmungen aus Kraft gesetzt”. (Textzitat)

Der Roman ist Fiktion und könnte realer nicht sein, spielt er doch vor dem Hintergrund der globalen Erwärmung. Bedenkt man einerseits, dass der amtierende US Präsident diese immer noch tapfer leugnet und gehen wir anderseits einmal von der Tatsache aus, dass die Menschen bereits seit dem vierzehnten Jahrhundert auf der Suche nach einer nördlichen maritimen Handelsroute sind, die Europa mit dem fernen Osten verbindet. Diese lang gesuchte transpolare Handelsroute scheint jetzt bei schwindendem sommerlichem arktischem Meereis tatsächlich zugänglich geworden zu sein. Die Streckenersparnis die für den Handel zu erreichen wäre, der heute noch die traditionellen Routen über den Suez- oder Panamakanal nutzt, würde bis zu 35% betragen. In Anbetracht der instabilen politischen Lage an beiden Traditions-Kanälen in Suez und Panama gewinnt der Schiffsverkehr über eine nördliche transpolare Route mittlerweile täglich an Bedeutung. Ein Gedanke, den ich so noch gar nicht weiter gesponnen hatte, wieder was gelernt, spannend und unterhaltsam verpackt  … 

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2 Kommentare

  1. Petra
    16. Januar 2019

    Sehr gerne Dorothee! Viel Spaß beim Entdecken der Autorin! LG von Petra

  2. Dorothee
    15. Januar 2019

    Wow!!! Das klingt absolut nach einem Buch, das auf meine Wunschliste kommt!
    Danke für den Tipp…ich hatte noch nichts von dieser Autorin gehört!
    Liebe Grüße aus Kiel von Dorothee

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