Commissaire Le Floch (Jean-Francois Parot)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 04.03.2018

Wer hat’s erfunden? Nein, diesmal waren es wohl eher nicht die Schweizer. Obwohl der Begriff “Polizei, abgeleitet wird vom griechischen “Polis”(= die Institution), haben ihm die Franzosen eine maßgebliche Prägung gegeben. Das bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundert, welches aufgrund der Spannungen zwischen Monarchie und dem nach Gleichberechtigung strebenden Bürgertum nach einer ordnenden Hand verlangte. Der französische Verwaltungsapparat durfte damals bis in die Privatsphäre seiner Bürger greifen, der Begriff Polizeistaat war geboren. Quasi als frühe Aus-und Weiterbildungsmaßnahme wurden damals auch britische Polizisten nach Frankreich geschickt, wo man schon die Forensik als Ermittlungstechnik nutzte. Vielleicht erinnern sich einige von Euch noch an meine Rezension zu David Morells “Opium Mörder”, den dieses Zusammenspiel und die Polizeiarbeit in ihren Anfängen aus britischer Sicht beschäftigt hat.

In diesem historischen Kontext spielt auch der Kriminalroman, den ich Euch heute vorstellen möchte. Eine Behörde erhält Struktur und Mandat, mit Leben erfüllt von Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, Ehrgeiz, Korruption und Königstreue inklusive. Laßt uns beiseite treten und Platz machen für einen neuen Ermittler auf dieser Bühne …

Commissaire Le Floch & das Geheimnis der Weißmäntel

Paris, 1761. Wie tief man doch sinken konnte. Einst war sie die Lieblingshure hochgestellter Herren gewesen, jetzt vegetierte sie im Dreck. In mehreren Schichten legten sich die abgetragenen Kleider zerfetzt und vor Schmutz starrend um ihre ärmliche Gestalt. Eine Suppenküche für solche wie sie, hielt sie gerade eben so über Wasser. Hier in diesem Stadtviertel, wo die Abdecker die Überreste ihrer Arbeit abwarfen, suchte sie nach Zutaten. Den Gestank, der hier in der Luft stand wie eine Wand, nahm sie schon lange nicht mehr wahr. Man durfte nicht wählerisch sein, blieben einem nur noch wenige Optionen und es musste ja niemand wissen, woher sie ihr Fleisch nahm. Gerade wollte sich sich mit dem Messer in der Hand über den Pferdekadaver vor ihr beugen, um ein noch brauchbares Stück aus den Knochen zu lösen, da hörte sie zwei Männerstimmen miteinander zanken. In den Schatten verborgen beobachtete sie, wie die beiden das was sie zwischen sich trugen ablegten. Sie duckte sich, wie ein Tierkadaver sah dieses gut verschnürte Bündel nicht aus. Als die beiden Männer sich entfernt hatten, trat sie langsam näher und ihr stockte der Atem …

Inspektor Lardin war verschwunden. Seine Frau außer sich, sein Chef nicht minder. Auch wenn Lardin für sein Umtriebe berüchtigt und gerade Karneval war, war dieses lange Fernbleiben eindeutig ein Grund zur Sorge. Nicolas le Floch, erst seit kurzem in Paris und eigentlich noch in der Ausbildung zur Verbrechensaufklärung, traute seinen Ohren nicht. Sein Chef beauftrage ihn, den Neuen mit der Suche nach dem verschwundenen Kollegen? Er dürfe über alle Mittel verfügen die er brauche und auch einen Assistenten wählen? Aber diskret müsse er sein. Mit Feuereifer stürzte er sich in die Arbeit. Das würde schon werden, er verlief sich immer weniger in den Straßen von Paris und auch seine erste Befragung war durchaus fruchtbar, wenn auch im Ergebnis nicht erfreulich gewesen. Denn der verschwundene Kommissar schien nicht gerade eine weiße Weste zu haben, das Wort korrupt wollte Le Floch jedoch lieber noch nicht in den Mund nehmen …

Ein prall ausgestattetes Sittengemälde mit Kriminalfall, ein Muß für alle Paris-Fans. So läßt sich der erste Band der historischen Krimi-Reihe um Commissaire Nicholas le Floch für mich am Besten beschreiben. In Frankreich hat die Reihe bereits eine Riesen-Erfolgswelle ausgelöst und diese ist jetzt auch nach Deutschland geschwappt.

Der französiche Autor Jean-Francois Parot, kennt sich aus im 18. Jahrhundert. Er studierte Geschichte und Ethnologie, ist ausgebildeter Ägytptologe und spezialisiert auf dieses Zeitalter. Das spürt man in jedem Kapitel. Dem über vierhundertfünfzig Seiten starken Krimi ist dann auch ein ausführliches Glossar angefügt und ein Verzeichnis mit allen im Kontext vorkommenden historischen Persönlichkeiten, die er kurz vorstellt.

Wem das an “Futter” noch nicht genügt: Es gibt auch eine kostenlose E-Book Zugabe über das Schaffen von Parot und mit noch mehr Hintergrundinformationen zu Paris in dieser Epoche. Das nenne ich gründlich und ausführlich! Ergänzend ist die Klappenbroschur von Band 1 zusätzlich mit einem Stadtplan von Paris, datierend auf 1761 ausgestattet, Cover und Rückumschlag sind ausklappbar (sehr ansprechend!). Das hat mir, die Handlungsorte gerne visualisiert, bei der Orientierung in der Geschichte sehr geholfen.

Hier feiern wir Karneval im Winter 1761, derb und frech, begeben uns auf eine Zeitreise mitten in den Dreck. Henker fungieren als forensische Berater, verblüffen mit ihren anatomischen Kenntnissen. Geheimgänge im Untergrund, bevölkert von Hunderten von Ratten, ihre Augen funkeln rot in den Schatten, quiekend und Zähne bleckend lassen sie von ihren Opfern nur widerstrebend ab, wenn wir uns mit festem Schritt nähern.

Die Bastille – das ehrfurchtgebietende, feuchte, modrige Staatsgefängnis. Jede Mauerritze schwitzt hier Salpeter und andere Salze aus. Die Luft ist schwer und dicht, nicht gerade eine fünf Sterne-Unterkunft und dennoch zahlt man als Gefangener hier für Essen, Laken und Nachttopf. Immer noch besser als im Chatelet zu landen, wo es Zellen gibt in denen man nur im Wasser steht, sich nicht niederlegen oder aufrecht stehen kann.

Wir erleben das Pro und Contra der “peinlichen Befragung”, abgeleitet von “Pein” – heute sagen wir dazu schlicht Folter.

Es wird gefochten wie bei den drei Musketieren und Nicolas muss sein Können in einem Kampf auf Leben und Tod unter Beweis stellen. Herrlich, ich liebe solche Mantel und Degen-Szenen!

Gut gekleidet, wir kommen vom besten Schneider der Stadt, die Perücke sitzt und ist gepudert, werden wir unserem König vorgestellt! Man stelle sich vor, weil ER das so wünschte! Uns stockt der Atem, als unsere Kutsche vor Versailles hält, wir halten uns am Riechsalzfläschen fest.

In der Auflösung seines Falls kommt der Gute Le Floch dann irgendwie herrlich “missmarpelig” daher. Führt alle noch losen Fäden zusammen, verblüfft mit seinen Schlussfolgerungen in einem Schluss-Pladoyer für das er alle Beteiligten versammelt. Ist er in diesem ersten Band noch ermittelnder Aussenseiter, wird man ihn beim nächsten Mal auf dem Schirm haben müssen. Ihr Gauner im guten alten Paris aufgepaßt, there ist a new sheriff in town!

 

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