Am zwöften Tag (Wolfgang Schorlau)

Donnerstag, 25.07.2019

Vergangen ist sie die Zeit in der nur Sonntags Fleisch auf den Tisch kam. Auch die Zeit, in der die Mutter dem Vater das einzige Stück Fleisch auf den Teller legte, ist Vergangenheit. Heute ist Fleisch für alle jederzeit verfügbar – und bezahlbar. Bis zum nächsten Lebensmittelskandal. BSE, Schweinepest und Hühnergrippe. Massentierhaltung, schockierende Bilder von Legebatterien und Viehtransporten schrecken uns auf, um dann schnell wieder zu verblassen. Wollen wir wirklich wissen, wie das Steak oder das Putenschnitzel auf unserem Teller erzeugt wurde?

In jeder industriellen Branche misst sich der wirtschaftliche Erfolg an hohen Stückzahlen. Immer geht es um die Kosten pro Stück. Das ist, wenn es um unsere Lebensmittel geht, leider vielfach nicht mehr anders. Wie der Preis mittlerweile nahezu alles bestimmt. Qualitäten gehen mehr und mehr verloren, die Auswahl auch. In den Fußgängerzonen unserer Städte bleiben immer mehr Geschäftstüren geschlossen. Der Metzger vor Ort, der seinen Bauern und Lieferanten noch persönlich kennt? Eine vom Aussterben bedrohte Art …

Am zwölften Tag (Wolfgang Schorlau)

Jakob ist erwachsen. Jakob ist achtzehn. Jakob macht Urlaub in Barcelona. Jakob meldet sich seit Tagen nicht. Georg Denglers geschiedene Frau Hildegard eskaliert bei einem nächtlichen Anruf. Er habe sich jetzt auch endlich mal zu kümmern! Das sei nicht normal, dass Jakob auch nicht an sein Handy ginge. Der ehemalige BKA Beamte hasst das Klammern seiner Frau. Um ihn hatte sie sich nie solche Sorgen gemacht. Bomben waren ihm in durchwachten Nächten im aktiven Dienst schon um die Ohren geflogen. Er kämpfte gegen den in ihm aufsteigenden Zorn an, um dann doch das zu tun, was ihm im Blut lag, zu ermitteln. Wo war Jakob abgeblieben?

Der Gestank war bestialisch. Der von Exkrementen und Verwestem vermischte sich mit dem scharfen Geruch von Ammoniak. Etwas schlimmeres hatte Jakob noch nicht gerochen. Er zog seine Maske noch fester um sein Gesicht. Schon komisch, das der Anfang ihrer Freundschaft ein kopfloses Huhn gewesen war. Es spielte die Hauptrolle in einer Geschichte, die Jakob von seiner Oma zu erzählen wusste, die noch selbst geschlachtet hatte, auch im Beisein ihres kleinen Enkels. Aus den vier jungen Leuten die heute Nacht hier zusammen standen war eine eingeschworene Gemeinschaft geworden, die für das kämpfen wollte was richtig war. Die aufrütteln, wachrütteln wollte, in Putenmastanlagen bei Nacht oder anderswo.

Wegen der Farbe ihres Fleisches fütterte man ihnen eine Leukämie an, Eisenmangel ließ die Kälbchen schlapp, müde und taumelnd vor dem Schlachter landen. Vierzigtausend!!! geschlachtete Puten täglich, der Brigitte-Diät sei Dank, stieg die Nachfrage.

Zwölf Männer in einem Raum, jeder der hier schuftete brauchte das Geld. Zusammengepfercht wie die Tiere die sie zu schlachten hatten. Tag für Tag, Stunde um Stunde, im Akkord. 

Eingeschlossen und bedroht. Prügel, Fahrradketten und Tritte mit Springerstiefeln. Ein Kampf in den Schatten. Schläge aus dem Dunkeln. Niedergestreckt auf nacktem Beton. 

Wenn zwei sich streiten, leidet der Dritte. Es wurde Zeit seine Wut zu zügeln und einzugreifen. Von Oldenburger Dickschädeln, geerbten Höfen und Zuchtsauen.

Imperien sind anfällig und dieses hier gründete sich bereits nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges. Jetzt wurde es dominiert von Rockerbanden?! Diese Umweltaktivisten waren so leicht einzuschüchtern!

Es geht um Fleisch, um viel Fleisch und um Geld, um viel Geld in Schorlaus Geschichte aus der Mitte unserer Gesellschaft. Vor aller Augen und doch im Verborgenen lässt er die europäische Fleisch-Maffia agieren, Skrupel Fehlanzeige.

Brutale Szenen spielen sich ab. Seinerzeit hat man Sklaven mit der Peitsche zurechtgestutzt, hier nimmt man dafür den Baseballschläger. Solange, bis keiner mehr muckt. Exempel werden statuiert. Da gibt es auch schon mal Tote. Wen kümmert das? Wo einer fehlt kommen drei andere nach. 

Billig-Löhner, Lohn-Werkverträge aus Ost-Europa, Massentierhaltung oder wie man auch sagt Intensivtierhaltung. Ein Begriff der dieses Vorgehen irgendwie schon fast wieder schick klingen lässt aber keinen Deut besser macht. Eine Milliarde an EU-Beihilfen gilt es auf dem Fleischmarkt zu sichern. Soviel Geld fließt jährlich in die Schweinemast. Immer mehr Betriebe mit dreitausend Schweinen und mehr gründen sich. Tiere die voll gepumpt sind mit Antibiotika, weil sie in der drangvollen Enge in der sie gehalten werden ständig krank sind, die zu Kannibalen der eigenen Rasse werden. Schweine mit Herzbeutelentzündungen und Lungenkrankheiten gehören hier zum Alltag.

Fleischproduzenten verdienen nach Gewicht, da sind Wasserbinder ein probates Mittel um dieses künstlich zu erhöhen. Auch nach dem Schlachten schockzugefrieren, damit kein Gramm Wasser verloren geht ist üblich. Saugfähige Vlieseinlagen in der Verpackung sorgen dann im Handel dafür, dass die Verbraucher das nicht mitkriegen. Schöne neue Lebensmittelwelt! Aber “die heiße Pfanne lügt nicht”, in ihr schrumpelt das Schnitzel wieder auf Originalgröße zurück …

Gewissenlos, skrupellos, tier- und menschenverachtend, profitgeil. Mein Mann Andreas würde jetzt sagen, ein jeder hat eine individuell angepasste Moral. Gut. Hier aber zeigt sie ein besonders widerliches Gesicht!

Wolfgang Schorlau, Dauergast auf der Spiegel-Bestenliste, und engagierter Schriftsteller, ist in meiner Heimatstadt Idar-Oberstein geboren. Heute lebt er als freier Autor in Stuttgart, macht aber ab und an noch einen Abstecher in seine alte Heimat, wo ich ihn, im Wappensaal unseres Schlosses schon bei einer Lesung vor dem Kamin erleben durfte. Sein Spezialgebiet ist der politische Kriminalroman und er besetzt in diesem hier gleich zwei Themen, bei denen man am liebsten weghören möchte, aber zuhören muss, wenn man will das sich etwas ändert. Schorlau ist unbequem, legt den Finger auf die Wunde, lässt auch mich mein eigenes Konsumverhalten überdenken. Aus solchen Stoffen werden die richtig guten Krimis gemacht, spannend, für reichlich Kopfschütteln sorgend und ich hätte es eigentlich wissen müssen –

Andreas hat Schorlaus Dengler Fälle schon alle mit Begeisterung gelesen. Höchste Zeit für mich also, zumindest einen der insgesamt neun Fälle herauszupicken, um ihn Euch hier vorzustellen. Meine Wahl ist auf “Am zwölften Tag” (Fall sieben, erschienen im Oktober 2013) gefallen, der immer noch brandaktuellen Themen wegen, und wegen ihm in der Hörbuch-Fassung:

Sebastian Koch. Ich verehre ihn als Schauspieler für seine leicht reservierte und trotzdem eindringliche Art mit der er Figuren anzulegen versteht. Vorlesen kann er ebenfalls großartig wie ich finde. Die Geringschätzigkeit mit der er den oldenburgischen Fabrikanten gibt, sein hämisches Lachen, ist so gut, ich balle ständig die Fäuste, will ausholen zum Schlag.

Bedrohlich lässt er seine Stimme anschwellen, dann senkt er sie wieder, damit ich die Luft anhalten kann – was passiert denn hier? Dieses Hörbuch entstand im Rahmen einer Brigitte-Edition “Starke Stimmen” und eine starke Stimme hat Koch in der Tat. Eine die zu fesseln weiß, die einen in der Geschichte hält, die Pausen setzt dort wo sie gut tun, wo sie Not tun.

Danke die Herren! Botschaft angekommen! So wie jede Reise mit dem ersten Schritt beginnt, so beginnt auch jede große Veränderung im Kleinen. Wenn jeder von uns bei sich anfängt, ist schon ein Anfang gemacht!

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2 Kommentare

  1. Petra
    8. August 2019

    Liebe Julia, ja das kann Wolfgang Schorlau wirklich gut – aufrütteln! Wenn jeder seine Gewohnheiten überdenkt, haben wir schon gewonnen. Liebe Grüße von Petra

  2. Julia
    7. August 2019

    Liebe Petra,
    dieses Hörbuch hatte ich auch angehört. Mein Mann und ich hörten das, als wir unterwegs in den Urlaub waren. Gebannt, erschreckt und kuriert von grenzenlosem Vertrauen in die Ernährungsindustrie (schon lange nicht mehr), beschlossen wir in Zukunft sehr viel weniger Fleisch zu konsumieren und bewusster einzukaufen. Bei kleinen Bauernhöfen, wo das Tier in Freiheit glücklich aufwachsen darf. Nach diesem Hörbuch ist man wie gelähmt. Jeder der gerne Fleisch isst und bedenkenlos einkauft, sollte dieses Hörbuch einmal hören. Hier wird sehr deutlich, was uns doch – wie so oft – in der Ernährung vorgegaukelt wird. Hart aber wahr!
    Leider wird mir beim teureren besseren Fleisch aber auch bewusst, dass viele Menschen das gar nicht bezahlen können. Daher, weniger ist oft mehr.
    Grüße von Julia

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