In jedem Sturm ist ein Lied (Julie Weißbach)

Fest glaube ich daran, dass es Geschichten gibt und Gedanken, die zu mir finden, ohne das ich aktiv nach ihnen Ausschau halte. Dann löst ihre Sprache, eine Versform oder ein Gedanke etwas in mir auf oder aus. Worte können das. Innere Schubfächer aufschließen, Türen öffnen. Bei mir können das auch Gemälde, Musik, eine Sängerin, ein Sänger. So wie kürzlich erst. Die Karten für diese Musical Gala hatte ich meinem Mann geschenkt und dann war da dieses eine Lied, dieser Sänger, der in mir alle Schleusen geöffnet hat.Even If **You are my hope alone**.

Was Liebe vermag, wenn sie bedingungslos ist, wissen wir und wie wichtig es ist, sie in den kleinen Einheiten, in der Partnerschaft, in der Familie, wach und am Leben zu halten. Weil wir die Welt in ihrer Ganzheit nicht verändern, aber im Kleinen, bei uns damit anfangen können. Im Beruf und im Alltag Menschen mit Wohlwollen und Empathie begegnen, das kann ein Sitzplatz im Bus oder in der Bahn sein, den man jemandem anbietet, ein Lächeln für die Kassiererin im Supermarkt, die im Übrigen keine KI ist. Noch nicht. Ein Dankeschön, für die aufgehaltene Tür oder eine Umarmung, wenn nichts mehr geht.

Unser Leben ist voller Begegnungen aus denen wir Kraft schöpfen können. Um achtsam zu sein und zu bleiben. Nur wenn wir unsere eigene Kraft bewahren, können wir auch für andere da sein.

So manches Mal fährt das Leben mit uns Schlitten oder Achterbahn. Dann fällt es schwer ein Licht zu sehen und sich in Zuversicht zu üben. Ich hasse Kalendersprüche die Optimismus einimpfen wollen mit Plattitüden. Wenn das Schicksal den eigenen Magen mit einem Fausschlacht trifft, dann darf man traurig sein und verzweifelt. Was ich jedem von uns dann wünsche ist ein Mensch der uns dann halten kann. Ein einziger genügt.

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl mir läuft die Zeit davon und ich möchte nichts mehr aufschieben. Müssen. Verschenke lieber Zeit als Schmuck und Tand. Immer öfter einfach so, sage ich Danke und kriege dafür ein Lächeln. Wenn ein Kunde zu mir sagt: „Sie haben meinen Tag gerettet“. Rettet er damit meinen. Ob er das weiß?

Julie Weißbach, geboren 1982 in Dresden, aufgewachsen in Meißen, hat Romanistik und Freie Kunst studiert, heute schreibt sie Songs, illustriert, sammelt für ihre Stop-Motion Filme Auszeichnungen ein. Wenn sie schreibt, liefert sie keine Kalendersprüche, sie legt ihre Gedanken offen und in einer Wort-Apotheke ab, möchte ihre Erinnerungs- und Gedankensammlung so verstanden wissen, das sie uns damit auf eine eigene Reise schickt. Was könnte bitte besser in meine Bücher-Apotheke passen?

Kaum zu fassen,
Wir sind aus den Fugen.
Verstellte Wege und
Offene Fragen sagen:
Lasst das Wollen
Und wagt das Sein.

aus Dünne Luft von Julie Weißbach

Von goldenen Nähten und Hoffnungsblumen. Von Sprüngen über den alten Schatten, vom Feststecken in Sackgassen, davon, dass Sehnsucht, die nicht gestillt wird, ewig hungrig bleibt. Von dem Versuch endlich dem Menschen auf die Spur zu kommen, dessen Schritte man geht, davon es zu wagen zu Verzeihen, auch sich selbst und davon aus Gelegenheiten Zukunft zu machen, erzählt Julie Weißbach.

Ich muss an vergangene Abende denken, an ein wunderbares, spontanes Weihnachten mit Fremden, an Begegnungen, an Leben, die meines gestreift haben. 
Mein Leben ist ganz so anders als ihres und doch gleich. Ich habe nicht studiert, die Frage „was soll aus mir werden“, eine Ausbildung mit sechzehn, in einem Beruf dessen Wahl nicht die meine war, eine Weiterbildung, die mich in einen anderen führte, der mir am Ende doch nicht passen wollte. Eine Tür, die sich öffnete, meine Angst vor der eigenen Courage. An mein Hineinwachsen in einen Beruf, der sich nicht in einem Satz beschreiben lässt. An mein Werden. 

Bin ich heute wer ich sein will? Julie stellt sich diese Frage und ich stelle sie mir. Mehr Jahre als sie habe ich auf dem Buckel und spüre mittlerweile eine Dringlichkeit, die sich mit jedem Verlust den ich erlebe verstärkt. So viele Abschiede liegen hinter mir, die Kraft zu finden um jedes Mal weiterzumachen, daran zu glauben, dass da noch etwas ist das wartet und entdeckt werden will. Wie das Schreiben mich gefunden hat, wie jede Reise mein Herz weitet, auch wenn sie mich manchmal nur vor die eigene Haustür führt. Wie gut ich mittlerweile mit mir allein sein kann. Wie es mich freut, wenn ich eingeladen bin, Lebensentscheidungen, das Glück anderer zu teilen.

Heute bin ich im Team die Älteste und es macht mir Freude, wenn ich andere beim Wachsen begleiten darf. Wenn die Kraft weniger wird, geht es nicht darum Schritt zu halten, nicht darum, dass man jetzt langsamer ist, sondern um das „Was macht mich aus?“ Darum, zu erkennen, meine Erfahrungen sind von Wert.

Julie Weißbach löst, indem sie autobiographische Rückblicke mit Versen und eigenen wunderschön stimmigen Illustrationen einfasst, eigene Gedanken in mir. Sie stiftet Zuversicht, nicht nur mit dem Titel den sie gewählt hat. Wenn in jedem Sturm ein Lied ist, wenn wir nur hinzuhören brauchen um es wieder leichter zu haben, wie einfach das klingt und wie schwer es oft ist. Wer Krankheit, Schmerz und Einschränkung erleben, wer sich zurückkämpfen muss, es geschafft hat, der kennt es, dieses Lied das den Willen aufweckt.
Et hät noch immer jut jegange„, diesen Satz auf Kölsch hat mir jemand eingepackt, dem ich in meiner letzten Reha begegnen durfte und der dem Leben mit einem derart unverbrüchlichen Humor begegnete, dass man auch unter Tränen wieder lachen konnte. Seinen Satz, diesen Satz, hole ich mir hervor wenn es schwer wird.

Wir haben vieles in der Hand und vieles nicht und das ist gut so. Julie Weißbachs Sätze kommen auf leisen Sohlen, entfalten sich flüsternd. Nobody is perfect. Gut so.

Mich haben sie über meine Schulter schauen lassen. Haben mich fragen lassen „Was erfüllt mich? “ Ihre schönen Formulierungen lächeln mir zu. Daran will ich denken, wenn ich wieder einmal streng mit mir bin, mich zum Perfektionismus ansporne.

Jetzt habe ich ja auch ihre zauberhafte Textsammlung, ihren klugen, wärmenden Alltagsblick, der mich einlädt mit offenen Augen unterwegs zu sein. Ich glaube, bei jedem der Ihre Zeilen liest, wird es anders sein. Werden andere Gedanken wach und ich nehme mir vor empfänglich zu bleiben für die kleinen Dinge, weil das Glück aus vielen Momenten besteht. Weil man manchmal nur sein Gesicht in die Sonne halten muss um zu verstehen. „There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in“, singt Leonard Cohen. Sind es nicht immer die Brüche, die unser Licht nach außen dringen und die das, was hell und gut ist einlassen? Sie sind es, die uns neu zusammensetzen. Nicht umsonst gilt es in Japan als Kunst Scherben wieder zusammenzufügen und mit Gold, Silber oder Platin zu veredeln. Narben dürfen so sichtbar werden, denn in der Unvollkommenheit liegt eine ganz eigene Ästhetik. „Kintsugi“ sagt man dazu und meint im Deutschen „Goldverbindung“. Ich liebe diese Haltung. Alles daran.

So wie mir vielleicht, neben diesem Gedanken, das Bild von Julie Weißbach, der Raum der Stille, in dem sie ihrer Inspiration begegnet ist, am besten gefallen hat. Wie schwer es doch oft fällt Geist und Herz zu beruhigen. Wie wunderbar, wenn es gelingt.

Fragmentarisch, zart, manchmal augenzwinkernd, immer ehrlich, wirkt Julie Weißbachs Erzählen in mir. Besonders dafür, dass ich mich in ihren Sätzen, ihren Gedankensplittern spiegeln durfte, mochte ich sie. Danke, liebe Julie. Auch dafür!

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