Das zwölfte Haus (Malin C.M. Rønning)

„Der Fjord im November ist kalt, es sind ein paar Kilometer dorthin. steil bergab. Mir fehlt nichts. Mir geht es am besten allein. So spare ich mir das schlechte Gewissen über meine Unzulänglichkeit. Der Winter ist mir willkommen. Ich weiß die Gewissheit zu schätzen, eine lange, dunkle Zeit vor mir zu haben.“ Textzitat Malin C.M. Rønning

Der erste Absatz eines Romans ist mir wichtig. Er entscheidet darüber, mit welcher Stimmung ich in eine Geschichte eintauche. Oft ist er kaufentscheidend, wenn ich in einer Buchhandlung vor der Wahl stehe. In diesem konkreten Fall und in der klangvollen Übersetzung von Andreas Donat macht er deutlich, dass hier eine Autorin am Werk ist, die es versteht einen mit ihrer Sprache um den Finger zu wickeln. Die diesen Finger dahin legt, wo es weh tut. Aber ganz sanft. Die Figuren zeichnet, die sofort etwas in mir auslösen. Die besonders sind. Was ich schon wusste. Denn ihr Debüt mit seiner bezaubernden Heldin habe ich sehr gemocht. Erinnert ihr Euch noch? An „Skabelon“ und an

Malin C. M. Rønning, geboren 1985 in Porsgrunn, Norwegen. Sie lebt und arbeitet in Oslo, hat Kreatives Schreiben und literarische Gestaltung studiert, ihr außergewöhnlicher Debütroman „Skabelon“ aus dem Jahr 2020 war für den Tarjei-Vesaas-Debütantenpreis nominiert und wurde mit dem Subjektprisen der norwegischen Kulturzeitung „Subjekt“ ausgezeichnet. In der deutschen Übersetzung von Andreas Donat erschien Skabelon 2022 im Karl Rauch Verlag und Donat erhielt auch den Auftrag Rønnings besonderen Sound und ihren zweiten Roman „Das zwölfte Haus“ ins Deutsche zu übertragen. Ich darf mich für dieses Rezensions-Exemplar bedanken und verlinke sehr gerne meine Besprechung zu Skabelon am Ende dieses Beitrags noch einmal für Euch. Wenn ihr ihn lest, werdet ihr verstehen warum ich auch diesen Text, dieser wie ich finde bemerkenswerten Stimme aus Norwegen, lesen wollte.

„Ich habe in elf verschiedenen Häusern gelebt. Ich brauche nicht viel. Ich habe einen Holzofen und eine Schlafkoje. Andere haben eine Familie.“ Textzitat Malin C.M. Rønning

Das zwölfte Haus von Malin C.M. Rønning

Über den Fluss weht der Wind. Es ist kein Fluss zum Baden. An seinem Ufer steht eine Altpapieranlage. Ein altes Boot hält sich gerade noch so über Wasser. Die Farbe blättert an ihm ab und aus Molli wird in diesem Sommer ein anderes Kind. Nicht nur weil sie Anna, ihre Freundin nicht mehr treffen kann und weil sie hier keine andere mehr findet. Der neue Mann ihrer Mutter Karla, die sie und ihr Bruder nie Mama nennen, pocht nicht mehr nur auf die Einhaltung der Regeln, die er in seinem Haus, für sie aufgestellt hat, ein Blaulicht zuckt jetzt durch die Nacht. Dinge gehen zu Bruch und Karla schreit.

Bill, ihr Bruder, wohnt seit sie hier eingezogen sind schon im Keller. Sie sieht ihn kaum noch. Hört ihn und seine neuen Freunde nur manchmal. Wenn sie ihr Ohr auf den Boden legt. Er war früher immer ihr Anker. Auch dann, wenn ihre Mutter wieder einmal so verliebt war. So wie anfangs. In Frank. Das beste an ihm, findet Molli, ist sein riesiges Aquarium. Es steht mitten im Wohnzimmer und sie liebt alles daran. Das Blaue, die Stille und die wieselflinken bunten Fische. Das darf Frank aber nicht wissen und deshalb schaut sie es nur an, wenn er nicht zu Hause ist. Frank mag Molli nicht und Molli mag nicht hier sein. In diesem Haus am Rand des Schrottplatzes. Das keine Wiese, kein Grün davor und dahinter hat. Auch keine Nachbarn. Davon hatten sie in ihrem Wohnblock zu viele. Meint ihre Mutter und betont wie gut es ihr hier gefalle. Molli glaubt ihr nicht.

„Wer meint, dass die Verzweiflung allein uns gehört, als wären wir Könige?“ Textzitat Malin C.M. Rønning

Im November 2015 bleibt das Herz von Bill auf dem Weg ins Krankenhaus stehen. Keiner vermag zu sagen, ob er wieder aufwachen wird und/oder wer er dann sein wird. Man hat ihn schwer verletzt neben seinem toten Freund Ib gefunden. Molli sitzt an seinem Bett und wartet. Auf ihn. Darauf, das sich etwas ändert. Auf ihre Mutter. Die nur dann kommt wenn sie geht.

Ach, Molli, wie schnell du mir ans Herz gewachsen bist! Deine Scham, dass du das Gefühl als erwachsene Frau noch immer hast, dich als Kind mit Wertlosigkeit angesteckt zu haben, wie mit einem Virus. Das schmerzt mich bis auf die Knochen. Niemand kann vor sich selbst weglaufen, gleich wie schnell er rennt. Niemand weiß das besser als du. 

Wenn Bill sagt, das Meer hat ein Herz, das alle tausend Jahre einmal schlägt, weißt du nicht woher er das hat. Ich mag den Gedanken.  

Molli ist zehn und ihre Perspektive wird zu unserer. Mal erzählt in der Folge ihr erwachsenes Ich, dann ihr kindliches und wir springen mit ihr durch die Zeit wie durch einen Reifen. Vieles deutet sie an, wir hoffen es möge anders kommen, fragen uns, was ist da wirklich passiert und kann das wahr sein was sie da erinnert?

Molli, der man, insbesondere ihre Mutter beständig Selbstständigkeit attestiert, wäre so gerne Kind und umsorgt. So wie ihre Freundin Anna, von der sie der so verhasste Umzug abschneidet. An ihrem Bruder Bill hängt sie, als auch er zunehmend den Halt verliert, kann Molli nur traurig daneben stehen. Der Freund ihrer Mutter wie Gift. Die Wut brennt in ihrem Bauch.

Als Kind begegnen wir ihr in einem Sommer als ihre Mutter verreist und sie bei ihrem Onkel zurücklässt. Ein Sommer, der alles verändert. Alles geht seit einem Ereignis den Bach runter. Als Erwachsene treffen wir sie an Bills Krankenhausbett, ihr Erzählen ist voller Flashbacks und in mir stauen sich die Fragen auf. Was ist passiert? Bill, ihnen beiden? Nachdem Molli ausgezogen ist. Mit sechzehn, wenn ich es richtig erinnere. Warum ist ihre Mutter heute so kalt und abweisend? Weil sie, Molli, versucht hat sich zu schützen?

Malin C.M. Rønning erzählt uns in ihrem aktuellen Roman von einer dyfunktionalen Familie, von Gewalt, Gemeinheit, Demütigungen und fehlender Impulskontrolle. Davon, wie man erwachsen wird mit all dem im Gepäck, wie man trotzdem ein Mensch werden kann, der liebt, keine Bedingungen stellt und der mitfühlt. Erzählt vom Zusammenhalt zweier Geschwister, von Trauer und Zuversicht.

Diese Geschichte hat auch mich Kraft gekostet. Düster und verschattet, habe ich gemeinsam mit Molli nach dem Licht getastet, der Hoffnung, der Wahrheit. Habe mit ihr mit gefühlt, meine Fäuste geballt. Den Zorn gespürt, der in ihr rumort hat, seit ihre Mutter für sie entschieden hat. Bei diesem Frank einzuziehen. Erst als sich Molli für sich entscheidet, dafür nicht allein zu bleiben. Wird es hell. In ihr und in der Geschichte. Von der sie sagt, dass vielleicht nicht alles so war, wie sie es erinnert. Vielleicht aber doch. Vielleicht war es auch schlimmer. Auch für uns Lesende bleibt das offen. So ist das, nicht alles in uns vermag sich zu klären, auch dann nicht, wenn wir mit dem notwendigen Abstand auf Geschehenes schauen können. So funktionieren wir.  Unser Gehirn versteckt das Schlimmste vor uns, damit wir weitermachen können. Wie sonst könnten wir aushalten? Nicht alles lässt sich aufarbeiten. Manches verarbeiten und wenn wir verzeihen können, auch uns, dann wird es licht. In uns und um uns.

Das kann sie so gut, die Malin C.M. Rønning, uns Figuren schenken, wie aus Fleisch und Blut, solche, die uns ans Herz wachsen, rasch und die dort bleiben. Für lange. Vielleicht für immer. Figuren wie Molli. Figuren wie Bill. Danke dafür!

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