Wenn ich eine Wolke wäre (Volker Weidermann)

Wenn ich eine Wolke wäre, segelt' ich nach irgendwo. 
Durch die weiten Himmelsmeere von Berlin bis Mexiko.

Auszug aus Wenn ich eine Wolke wäre von Mascha Kaléko

Volker Weidermann hat es getan. Er hat in mir die Erwartung geweckt, das ich nach der Lektüre seiner aktuellsten Veröffentlichung eine meiner liebsten Lyrikerinnen besser verstehen kann. Der am 6. November in Darmstadt geborene Weidermann studierte Politikwissenschaft und Germanistik, arbeitete unter anderem als Literaturredakteur und Literaturkritiker für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und Der Spiegel. Für das ZDF moderierte er Das literarische Quartett, wechselte 2021 zur Wochenzeitung Die Zeit. Seine Texte beschäftigen sich häufig mit dem Leben bedeutender Literaten. 2014 etwa veröffentlichte er Ostende und entführte ins Jahr 1936, in dem sich Stefan Zweig und Josef Roth in dem belgischen Seebad begegnet waren. Das Verhältnis von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki beleuchtet er in Das Duell und in Träumer – lässt er die Dichter die Macht übernehmen. Er schrieb über Thomas Mann in Mann vom Meer, über Anna Seghers in Mexiko in Brennendes Licht und jetzt also über meine, unsere

Mascha Kaléko, geboren am 7. Juni 1907 als Golda Malka Aufen, spätere Engel, dann Kaléko, in Chrzanów/Galizien, heute Woiwodschaft/Polen. Verstorben am 21. Januar 1975 in Zürich. Vielgeliebte, von mir verehrte Dichterin, Jüdin, Exilantin und inzwischen die vielleicht meistgelesene deutschssprachige Lyrikerin.

Sie verließ Deutschland kurz vor knapp zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Ging mit Ehemann und Sohn ins Exil nach New York. Steckte zurück, unterstützte ihren Mann bei seiner künstlerischen Entwicklung als Komponist. 1946, 1947 und 1949 klopfte der Rowohlt Verlag aus der Ferne bei ihr an. Hier war vor dem Krieg ihr erstes Buch erschienen, Das lyrische Stenogrammheft. Man plante, nachdem die Nazionalsozialisten 1943 den Verlag geschlossen hatten, jetzt unter der Schirmherrschaft der Alliierten, einen Neubeginn und man wollte sie dabei haben. Doch Mascha Kaléko schwieg. Bis 1952, der Rowohlt-Verleger hatte noch immer nicht aufgegeben, da konnte sich Kaléko erstmals für ein Gespräch diesbezüglich öffnen. Wie hin und hergerissen sie gewesen sein muss, zwischen Anklage und dem Wunsch, das wieder werden möge was Deutschland, was Berlin, einmal ausgemacht hatte. Das wieder herrschen möge, was es einmal durchzogen hatte. Ein freier Geist. Sie dichtet:

Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens
an uns vorbei zu einem andern Stern
und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Auszug aus Die Zeit steht still von Mascha Kaléko

Keinen Geringeren als Albert Einstein beeindruckte Mascha Kaléko mit dieser lyrischen Interpretation seiner Relativitätstheorie. Ihr Gedicht „Die Zeit steht still“, begründete 1952 einen Briefwechsel zwischen beiden. In dem Jahr, in dem Mascha nach siebzehn Jahren Trennung und Exil, ihre Eltern und ihre beiden jüngeren Geschwister wiedersah.

1952 – ein Schicksalsjahr für so viele Literaten. Thomas Mann war aus dem Exil zurück, hatte aber beschlossen in der Schweiz zu bleiben. Gleiches galt für Carl Zuckmayer und Anna Seghers, sie wählte den Ostsektor Berlins für ihre Rückkehr aus Mexiko. So viele Weggefährten Kalékos hatten das Exil nicht überlebt. Klaus Mann hatte sich umgebracht, Stefan Zweig, Josef Roth, Else Lasker-Schüler und Walter Benjamin waren unter den Toten und Mascha Kaléko konstatierte, das man aus ihrer Herzensstadt Berlin die Zentrale gemacht hatte, von der aus Völkermord und Weltherrschaft geplant worden waren. 55 Millionen Weltkriegstote und 6 Millionen  ermordete Juden, ein Europa in Schutt und Asche. Für eine Begegnung mit diesem Berlin war die Jüdin Mascha Kaléko noch nicht bereit und auf den Reisen, die sie nach Kriegsende mit ihrem Mann unternahm machte sie einen Bogen um Deutschland, auch wenn eine stille Sehnsucht blieb …

Einmal möchte ich es noch sehen
jenes Land
Das in fremde Welten mich verbannt
Durch die wohlbekannten Gassen gehen
Vor den Trümmern meiner Jugend stehen
Heimlich ungebeten unerkannt

Auszug aus Einmal möcht dort noch gehn von Mascha Kaléko

Erst im Januar 1956 kehrte Kaléko, der Rowohlt Verleger hatte schließlich Erfolg, nach Deutschland zurück. Wo für sie alles begonnen, wo sie als Dichterin ihre ersten Erfolge gefeiert, wo sie sich zugehörig gefühlt hatte. Hier war sie in Künstlerkreisen verkehrt. Hatte ihren Platz gefunden. In Berlin wollte man sie seinerzeit lesen. In New York, in Amerika war das anders. Man konnte, man wollte, mit ihren Versen und zarten melancholischen Gedanken hier nichts anfangen.

Volker Weidermann beschränkt sich im Kern dieser Biographie Kalékos auf diese eine Reise und er tut es auch wieder nicht. Vielmehr erzählt er uns von diesem Punkt ausgehend was diese Reise für Maschas Karriere bedeutete, wie es zu dem Ruhm, den sie postum erlangte, gekommen ist, warum ihr zu Lebzeiten kein nachhaltiges Comeback gelang. Nicht ohne und das ist komplett wunderbar, die Stimme der Dichterin in Form ihrer Verse und mit Auszügen aus ihren Briefen immer wieder einzubinden.

Weidermanns Ton, sein Blick für das Detail, die Empathie und Wertschätzung mit der er schreibt, seine eloquente Sachlichkeit, haben mich beeindruckt. Nicht nur meinen Wunsch, dass ich nach dieser Lektüre die Gedichte von Mascha Kaléko besser verstehen kann, hat er mir erfüllt, das sein Text mir so gut gefallen würde, das hatte ich nicht erwartet. Daran haben aber auch Ulrich Matthes und Maria Schrader ihren Anteil. Die beiden lesen ganz wunderbar die sehr empfehlenswerte Hörbuch-Fassung des DAV Verlages, die übrigens aktuell noch in der ARD Audiothek verfügbar ist. Schrader übernimmt dabei die Gedichtpassagen und Briefwechsel von Kaléko und Matthes die Erzählstimme, diese Kombination fand ich großartig, berührend und sehr kurzweilig.

Immer wieder erzählt Volker Weidermann begleitend zu den Verse von Kaléko, von den Momenten, in denen sie sie zu Papier gebracht hat. In diesen Kontext gestellt, spiegeln ihre Gedichte die Zeit, in der sie entstanden sind. Was mochte ich das gerne und genossen habe ich es, mit dabei zu sein bei ihrer Rückkehr, die wie ein Triumphzug begann und mit einem Eklat endete.

Lektoren, Presse und Publikum trugen sie förmlich auf Händen. Man führte sie im Wirtschaftswunderland Deutschland aus in die besten Restaurants. Wo sie auftauchte war man begeistert von von ihr und ihren Gedichten. Geschickt wählte sie bei Lesungen nicht ihre kämpferischsten Verse. Mit Sanftheit dichtete sie gegen das Geschehene an, im Mailied etwa.

Sorglos und verzeihend war sie allein und selbstbestimmt unterwegs im Land der Täter und genau diese Treulosigkeit ängstigte sie auch, schreibt Volker Weidermann. Die Eltern, mit denen das Verhältnis nie das Beste war auf Abstand in Israel, Ehemann und Sohn in den USA. Letzterer fürchtete, sie wird bleiben wollen, in Europa oder gar Deutschland. Beginnt sie doch in ihren Briefen zu erwähnen, das ihr Mann hier sicherlich auch ein Engagement fände.

Nach beinahe einem Jahr unterwegs lässt Mascha Kaléko dann ihr Publikum und den Jubel um ihre Gedichte zurück, lebt zunächst wieder in New York. Geht ihren hausfraulichen Pflichten nach, als sei diese Zeit, sei Berlin, der neugewonnene Ruhm nicht gewesen. 1960 will man ihr dann den Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste verleihen und sie schägt ihn aus. Weil sie ihn aus der Hand des Jury-Mitglieds und ehemaligen SS Mannes Hans Egon Holthusen empfangen sollte. Ihr Verlag versteht sie nicht nur nicht, sondern sucht sie zu beschwichtigen. Jegliche Aussicht auf ein Comeback hat am Ende dieses Zerwürfnis zunichte gemacht, man krönte andere Dichterhäupter und Mascha, die im Herzen schon wieder nach Berlin gezogen war, folgt noch im gleichen Jahr ihrem Mann Chemjo nach Jerusalem. Sie wird nicht warm werden mit dieser Stadt, leidet an sprachlicher und kultureller Isolation und als 1968 mit nur einundreißig Jahren ihr Sohn verstirbt, zerbricht ihre Welt. Sie zieht sich mit Chemjo, der immer mehr der Pflege bedarf zurück. 1973 stirbt ihr Mann und nur zwei Jahre später folgt ihm Mascha nach kurzer schwerer Krankheit.

Aus ihrem letzten Lebensjahr hinterließ sie dieses Gedicht, das letzte, das ich zitieren möchte und das, wie so viele andere von ihr, über ihren Tod hinausweist. Allen, die sie noch nicht kennen, lege ich sie daher von Herzen ans Herz:

Memento von Mascha Kaléko

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

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