Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Sagt der Volksmund und meint ein Geschenk, gleich was es ist, weist man nicht zurück. Bei diesem hier allerdings stellte sich im Frühjahr 2024 die Frage, ob es als Provokation oder ernst gemeint war. Bereits in meiner Besprechung zu Gaea Schoeters grandiosem Roman Trophäe hatte ich auf jene Offerte hingewiesen, die ein verärgerter Präsident Botswanas unserer Bundesregierung gemacht hatte. Unsere damalige Bundesumweltministerin Steffi Lemke warb seinerzeit offensiv für die Verschärfung eines EU-Gesetzes die Einfuhr von Jagdtrophäen betreffend. Der Präsident Botswanas machte geltend, dass die Vergabe von Abschlußlizensen in seinem Land nicht der Vernichtung der bedrohten Art Elefant, sondern dem Schutz seiner Bevölkerung diene. Auf einen Einwohner Botswanas kamen 2024 fünfzehn Elefanten. Der Wasser- und Nahrungsbedarf der Tiere sei ohne Bejagung nicht zu managen, ein Trophäeneinfuhrverbot daher kontraproduktiv. Man muss dabei verstehen, dass Elefanten neben Nashörnern und Eisbären zu den beliebtesten Jagdtrophäen zählen.
Er verschenke auch gerne 20.000 Elefanten an Deutschland. Verkündete er in einem Interview. Soweit ist es nicht gekommen. Was aber wäre gewesen, wenn doch?
Provokant kann sie, ultraspannend auch. Was darf ich diesmal von ihr erwarten? Einen ähnlich verblüffenden Twist wie bei Trophäe? Wird sie gängige Moral und Ethikvorstellungen, meinen Wertekatalog, wieder auf den Kopf stellen? Oder kommt alles ganz anders? Gut losgehen, das tat es schon mal …
Das Geschenk von Gaea Schoeters
Ein Elefantenbulle badet in aller Gebetsruhe mitten in der Spree. Unter einer ihrer Brücken wird ein Obdachloser wach und zweifelt an seiner Wahrnehmung. Das war doch unmöglich!? Neben einem im Wasser knienden Elefanten erscheint der Kopf eines Zweiten. Zu viel Alkohol. Das musste es sein.
Der Bundeskanzler in dieser Geschichte heißt Hans Christian Winkler und der ahnt an diesem frühen Morgen noch nichts. Nichts von dem Bad zweier Elefanten mitten in der Stadt, eingefangen auf unzähligen Handys, was kein Wunder das, bereits viral geht.
Einer der Zeitungsartikel auf Winklers Frühstückstisch berichtet vom Beschluss des Elfenbeingesetzes, das die Einfuhr von Jagdtrophäen drastisch verschärft und das seine Partei unterstützt hatte. Der Schutz bedrohter Tierarten, sich dafür einzusetzen, zog immer und sollte ein Geschenk an den grünen politischen Gegner sein. Deren Wohlwollen konnte er gut gebrauchen, wollte er doch die drohende Stickstoffsteuer für die Landwirtschaft abwenden oder zumindest abmildern. Gefallen gegen Gefallen, so war das in der Politik. Wem das missfiel, der kam nicht weit. Was ihm missfällt sind die aktuellen Umfrageergebnisse die politische Stimmung betreffend, da kommen er und seine Parteigenossen, die Koalition nicht gut weg.
Holger Fuchs steht politisch in der rechten Ecke des Rings, an diesem Morgen liest er die gleiche Zeitung wie der Kanzler. Auch sein Blick fällt auf die Analyse der Umfrage, er hingegen ist mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Es geht voran in Deutschland. Es muss. Es ist Zeit, dass ein anderer Wind das Land durchweht.
Jegliche Ordnung und unverwüstliche Ruhe scheinen dahin, nicht wegen des drohenden Rechtsrucks im Machtgefüge, sondern weil ab diesem Tag die Elefanten die Schlagzeilen und den Spreebogenpark übernehmen. War anfangs noch von vier Tieren die Rede, erhöhte sich die Zahl in den Meldungen kontinuierlich. Was war da los? In keinem der städtischen Zoos fehlte auch nur ein Tier.
Ein terroristischer Anschlag mit Elefanten? Die Ereignisse beginnen Kapriolen zu schlagen. Ein Krisenstab wird einberufen, die Bundeswehr einbezogen. Der Kanzler wittert eine Chance durch medienwirksam positives meistern der Situation wieder politischen Auftrieb zu bekommen. Und los geht der Zirkus.
Einfach plötzlich da. Keine der Überwachungskameras erfasst einen Transporter, die Elefanten tauchen einfach auf. Wie eine Erscheinung, die keine ist, lenken sie Autofahrer ab Fahrradfahrer landen in der Spree. Der Tiergarten weist in kürzester Zeit schneisenartige Frassspuren auf, Wasserfontänen werden belagert, auch die vor dem Bundeskanzleramt. Obst und Gemüseabteilungen von Supermärkten werden von den Dickhäutern gestürmt. Panik bricht aus, Plünderungen schließen sich an. Die Zahl der Elefanten die gesichtet wurden ist rasch auf fünfundfünfzig angewachsen und auch die Randbezirke Berlins haben schwergewichtigen Besuch bekommen.
Dann ein Anruf. Es meldet sich der botswanische Präsident und überreicht reicht ein Geschenk. Nicht ohne vorher die Zusammenhänge zu erklären, zwischen dem Artenschutz, dem brandneuen Elfenbeingesetz und den Auswirkungen, die sich daraus für sein Land ergeben. 20.000 Elefanten schenke er daher Deutschland und ein wenig Magie scheint mir da im Spiel. Jeder Elefant, den man einsperre würde sich verdoppeln, Bewegungsfreiheit und eine Coexistenz mit den Bewohnern sei notwendig, um ein unkontrollierbares Anwachsen der Population zu verhindern, meint er noch bevor er gut gelaunt auflegt.
Kaum ist die Katze aus dem sprichwörtlichen Sack jetzt geht es richtig rund.
Krude Thesen werden ausgetauscht, Schuld zu gewiesen und ein Gerangel um ministeriale Zuständigkeiten abgehalten statt konstruktiv zusammenzuarbeiten.
Futterberge und Wasserbedarf. Input bedeutet auch Output, das ist doch alles bloß eine Frage der Logistik?
Magische Momente und Inszenierungen, Elefanten-Psychologen, ein erster Angriff und Schluss ist’s mit Friede Freude Eierkuchen. Wilderer, Bürgermilizen und Demonstranten treten auf den Plan und die viral gehenden Videos von Baby-Elefanten in den Hintergrund.
Berlin riecht nach Dung, wird in Windeseile überwuchert von exotischen Pflanzen. Insekten, die bislang nicht heimisch waren wandern ein, das Risiko für tropische Krankheiten steigt.
Die Alt-Kanzlerin hat einen Rat parat. Probleme lassen sich doch auslagern. Wie wäre es mit einer Ministerin für Elefanten Angelegenheiten würde entweder Held oder Sündenbock werden in jedem Fall aber eine Winkler als Kanzler davon profitieren seine eigene politische Haut retten.
Könnten die Elefanten der Schlüssel sein um dem Klimawandel die Stirn zu bieten? Könnte durch ihn in Europa wieder mehr Biodiversität und Pflanzenwachstum entstehen, eines das Dürren Stand hält und Brände verhindert? Könnten sie gleichzeitig das Ozonloch und das Loch im Bundeshaushalt stopfen?
Längst hat die Realität die Träume eingeholt. Den Idealismus planiert, mit dem junge Politiker und Politikerinnen einst angetreten sind. Jetzt gilt es, Wählerinnen und Wähler zu halten, es vielen recht zu machen.
Gaea Schoeters, geboren am 28. Juni 1976 in Sint Niklaas. Die gelernte Dolmetscherin, Journalistin und Drehbuchautorin gehörte 2024 zur Autorendelegation der Gastländer Niederlande und Flandern der Leipziger Buchmesse. Ihre Bekanntheit in Deutschland verdankt sie dem Roman, den sie damals im Gepäck hatte. Mein Beitrag dazu, wie gewohnt verlinkt am Ende.
Übersetzt hat auch diesmal wieder ganz wunderbar Lisa Mensing sie wirft mit der Autorin, wie schon in Trophäe, einen genauen, einen sezierenden und diesmal einen satirischen Blick auf das Spiel der Mächtigen.
Schoeters Erzählen ist auch diesmal bildhaft und packend. Von Anfang an ist man bei ihr und mittendrin in ihrer Geschichte. Dieses Vereinnahmen ihrer Leserschaft das kann sie par excellence. Hier sitzt jeder Hieb, jeder Seitenhieb auf den Politbetrieb, auf Sensationsmeldungen nebst Medienzirkus, auf die Überheblichkeit des Westens stets zu wissen was richtig ist.
Für alle, die sich so wie ich für das Hören entscheiden, liest Johann von Bülow, der sich wohltuend zurücknimmt um die Geschichte wirken zu lassen. Das fühlt sich wie ein Geschenk an für diesen Text und ich bin fein damit, Trophäe gelesen und mir Das Geschenk erlauscht zu haben. Die Dramatik und grandiose Zuspitzung in Trophäe will lesend genossen werden. Das Geschenk hingegen, mit seiner Lakonie verträgt das Vorlesen so gut, das ich rückblickend nicht lieber gelesen hätte. Wie schön, dass wir die Wahl des Mediums haben um die Welt der Geschichten noch intensiver erleben zu können.
Wer gerne einmal eine ganz andere Geschichte in die Finger kriegen möchte, der ist hier richtig. Wer humorvolle Unterhaltung auf höchstem Niveau sucht, der auch. Für mich ist für das Roman eine super Sommergeschichte, eine die Leichtigkeit mit Tiefgang verbindet. Die nachdenklich stimmt und die dem Ernsten einen Anstrich gibt, der es schafft, dass wir uns gerne damit beschäftigen.
Bis zum Schluss. Bis zu diesem Ende. Das ein bitteres ist. Eines auf das man hätte wetten können. Man wäre eine reiche Lesende geworden. Der Geschichte tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Es rundet sie ab. in aller Konsequenz.
Was für ein Gedankenspiel! Eines das uns die Covidpandemie, Korruptionsaffären und politische Entscheidungszwänge spiegelt. Eines das auf den Vorgängerroman Trophäe antwortet. Überzeugungen und Theorien kringeln sich ineinander, umranken einander auf das Feinste. Sehr gerne habe ich Gaea Schoeters aktuellen Roman in der Hörbuchfassung erlauscht. Es fühlte sich mit und durch die lebendige und pointierte Leseung von Johann von Bülow an, wie ein Blick durchs Schlüsselloch. Ein Blick, der mich laut auflachen ließ um mir dann die Hand vor den Mund zu schlagen. Gerne mehr von Ihnen, liebe Gaea Schoeters!

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