13 Stufen (Kazuaki Takano)

Sonntag, 07.01.2018

Ob Good Wife, Suits, Ally McBeal – für gut gemachte Anwaltsserien hatte ich schon immer eine Schwäche. Im Zweifel für den Angeklagten, aus Mangel an Beweisen, berechtigte Zweifel. Wie eloquent, bisweilen spitzfindig sich hier die Anwälte und Richter mit Worten duellieren, auch schon mal um Kopf und Kragen reden. Wie gewiefte Ermittler Tatsachen an’s Licht befördern und Zusammenhänge herstellen, das hat für mich eine ganz eigene Spannung. Das amerikanische Rechtssystem lernt man in diesen Storys ganz gut kennen, mit dem japanischen hatte ich mich bislang noch überhaupt nicht beschäftigt. Auch nicht damit, das noch heute in Japan die Todesstrafe verhängt und vollstreckt wird.

Wenn dann in einer Geschichte auch noch im Wettlauf gegen die Uhr ermittelt wird, um die etwaige Unschuld eines Todeskandidaten zu beweisen, was sollte mich da denn noch zurückhalten? Schaut mal …

13 Stufen (Kazuaki Takano)

Er lauschte angespannt auf die Schritte, die sich auf dem Flur näherten. Würden sie heute vor seiner Zellentür anhalten? Seit über sieben Jahres saß Kihara jetzt hier ein, in einer Zelle, im Todestrakt der Justizvollzugsanstalt Tokio, auf rund drei Quadratmetern und wartete. Wartete, dass sie ihn holen kamen. Viermal hatten sie in diesen sieben Jahren seine Revisionsanträge abgelehnt. Er selbst konnte sich weder an die Tat noch an den Tathergang erinnern. Auf der Straße, schwer verletzt, neben seinem Motorad liegend, hatte man ihn damals gefunden. Schädelbasisbruch, retrograde Amnesie. Dieser Gedächtnisverlust hatte ihm am Ende die Todesstrafe eingebracht. Denn seinem Anwalt war es nicht gelungen mit Hilfe seiner Erinnerungen die Tatvorwürfe der Gegenseite zu entkräften. Wie lange würden sie ihn noch warten lassen? Wie lange, würde er diese Angst noch aushalten können?

Dreizehn Instanzen waren notwendig um ein richterlich verhängtes Todesurteil zur Vollstreckung zu bringen. Analog den dreizehn Stufen, die historisch hinauf zum Galgen führten. Ohne das Kihara es selbst wahrnehmen konnte, hatte er jetzt nach sieben Jahres die fünfte Stufe erreicht. Acht Instanzen trennten Kihara jetzt noch vom Galgen. In Zeit gemessen, entsprachen diese acht Stufen in etwa drei Monaten …

Als der Dienstälteste der sieben Vollzugsbeamten den Lichtschalter betätigte und die Neonröhren den Exekutionsraum in flackerndes Licht tauchten, fiel Herrn Nangos Blick sofort auf die drei Taster. Einer dieser Taster würde morgen die Falltüre öffnen, die dem Delinquenten den Boden unter den Füßen wegzog. Drei Taster für drei Beamte waren es deshalb, damit am Ende keiner von den dreien wußte, durch wessen Knopfdruck der Häftling getötet worden war. Seine Aufgabe am morgigen Tag sollte es sein, dem Verurteilten die Füße zu binden und die Schlinge um den Hals zu legen. Dies war seine erste Hinrichtung. Morgen also war es soweit, nach fünf Jahren im Dienst, würden morgen seine beiden Hände einem Menschen den Tod bringen. Morgen also, würde er vom Beamten zum Henker werden …

Juni’chi Mikami hatte seine Familie rouiniert. Die Kneipenschlägerei, die mit dem Tod seines Gegners geendet hatte und für die er zwei Jahre ins Gefängnis gewandert war, hatte seinen Vater die Existenz gekostet. Sein Bruder hatte nicht mehr weiter zur Schule gehen können. Einen Mörder in der Familie zu haben, war ein Makel, den sie nicht hatten überdecken können. Jetzt, auf Bewährung entlassen, konfrontiert mit dem Elend der Eltern, die dies auch noch klaglos schulterten, begriff Juni’chi das Ausmaß dieses verhängnisvollen Abends vor zwei Jahren erst vollumfänglich.

Dieses Jobangebot, es kam unvermutet, das in Aussicht gestellte Erfolgshonorar war schier unglaublich. Warum gerade er, ein Ex-Häftling? Wie sollte er es als ermittelnder Assistent einer Anwaltskanzlei schaffen einen Todeskandidaten vor dem Galgen zu bewahren?

Kazuaki Takano – geboren 1964 in der Präfektur Tokio, ist japanischer Schriftsteller und Drehbuchautor. “13 Stufen” erschien in Japan bereits 2001 und ist sein erster Roman. In der deutschen Übersetzung und Hörbuchfassung ist er erst in diesem Jahr 2017 erschienen. Sein zweites Buch “Extinction” wurde in Deutschland 2015 zuerst veröffentlicht und kletterte bis auf Platz 4 der Spiegel-Bestenliste.

Takano konfrontiert uns in den “13 Stufen” mit seiner Sicht auf das japanische Rechtssystem inklusive der Todesstrafe. Gleich ob Notwehr oder Totschlag, Schuld, Reue oder Güte. Aufopferung, Rachedurst oder flammender Zorn. Meine eigene Einstellung zur Todesstrafe in einer modernen Gesellschaft kommt hier gleich mit auf den Prüfstand. Was ist mit all den Fällen, die eben nicht glasklar und eindeutig sind? Erlöst man durch einen schnellen Tod nicht sogar einen Täter von seiner Schuld? Wäre es nicht gerechter, ihn diese Last im Verlauf einer lebenslangen Gefängnisstrafe  ertragen, ja aushalten zu lassen? Was aber, wenn ein Täter gar keine Schuld, oder gar Reue empfindet?

Interpretiert man Kant tatsächlich richtig, indem man in einem Rechtssystem die Todesstrafe installiert? Sagt dieser doch, das nur die absolute Vergeltung Gerechtigkeit schaffen kann? Wenn Gott Sündern vergeben kann, warum können wir Menschen das nicht auch? Wieviel politisches Kalkül steckt in einer Vollstreckung? Wie sonst kann es sein, dass bei dem System der dreizehn Instanzen in Japan, immer dann die meisten Hinrichtungen vollzogen werden, wenn die Regierung wechselt?

Reue? Kann das glaubhafte Versichern von Reue den Opfern, den Hinterbliebenen jemals genug sein? Ist der Ruf nach Vergeltung nicht zwingend, notwendig und mehr als legitim?

Darf man als Täter überhaupt auf Vergebung hoffen? Wie kann es gelingen, die Last einer Schuld zu tragen? Wird man, darf man als Täter jemals wieder Ruhe finden? War die Tat wirklich unausweichlich gewesen? Irgendwie heißt es für alle mit dem Alltag weiter machen, gleich ob Opfer oder Täter, Vollstrecker oder Helfer …

Dadurch, das und wie sehr Takano mich hier ins Grübeln und Wanken bringt, geht sein “13 Stufen” für mich weit über einen normalen Krimi hinaus.

Der Wechsel der Blickwinkel und das sich dieser Roman immer eher mit der Sicht der Täter beschäftigt und hierbei deren Empathie für die Opfer nicht ausschließt, das hat man nicht häufig. Die Idee gar einen Täter zum Ermittler zu machen, ist noch ungewöhnlicher und für mich ein gelungener Kunstgriff.

Durch die Kombination von Korrektheit, Disziplin und die japanischen Traditionen, die sich bis heute in deren Umgangsformen hinein getragen haben, erhält dieser Kriminalfall eine ganz eigene Note.

Wir durchleben eine Schnitzeljagd, unter enormem Zeitdruck, bis alle Puzzlesteine an ihren Platz gefallen sind. Unterwegs warten so einige spannende Wendungen, und wir sind bisweilen auch mal auf falschen Fährten unterwegs. In einer versunkenen Tempelstadt gehen wir auf die Suche nach den letzten belastenden Beweisen, begeben wir uns mit den Ermittern in Lebensgefahr. Der Roman gipfelt in einem Katz und Maus-Spiel, einem variantenreichen Show-Down, bei dem auch Buddha seinen Beitrag zur Aufklärung leistet …

Wie Takano die Details der Hinrichtungen beschreibt, die mit einer Akribie vorbereitet und geprobt werden, machte mir eine Gänsehaut. Besonders, wenn man sich vor Augen hält, was es mit denen macht, die zum Henker ernannt, zum Vollstrecker bestimmt werden. Vor allem dann, wenn der Verurteilte bis zum letzten Atemzug um Gnade fleht, um sein Leben bettelt und beteuert, die Tat nicht begangen zu haben.

Was es mit denen macht, die Nacht für Nacht die Schreie der Delinquenten in ihren Träumen hören. Die Geräusche des reibenden Seils, des erstickenden Atems, das Brechen der Knochen nicht mehr verstummen wollen. Was es mit denen macht, die sich daran erinnern, dass es sechzehn Minuten gedauert hat, bis das Herz des Hingerichteten tatsächlich stillgestanden hat und er dann noch weitere fünfzehn Minuten im Seil hängen musste. Was es mit denen macht, die als dessen Henker, den Leichnam auch vom Seil abnehmen, reinigen und mit dem Totenhemd bekleiden müssen …

Hörbuch-Fassung, gelesen von Sascha Rotermund

Profi durch und durch. Zwei Hörbücher habe ich schon von ihm geniessen dürfen. Sprachlich und inhaltlich unterscheiden sich diese komplett von den “13 Stufen”. Rotermund beweist für mich, wie wandelbar er sich auf solche Unterschiedlichkeit einstellen kann. Glaubwürdig, klar und flüssig liest Rotermund diesen Text. Den japanischen Grundton transportiert er ganz wunderbar, sanft, schlicht und reduziert. Besonders sein Vortrag der Hinrichtungsszenen ist mir dabei wirklich unter die Haut gekrochen …

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