Deckname Flamingo (Kate Atkinson)

*Rezensionsexemplar*

Sonntag, 24.03.2019

Steckt nicht in uns allen ein kleiner Spion? Wie gerne würde man ab und an mal “Mäuschen spielen”, sein Ohr an die Wand legen? “Lauscher an der Wand, hört seine eigene Schand.” So hat meine Oma uns Kinder immer schon ermahnt.

Wie oft behält man Dinge, gleich wie man sie erfahren hat, für sich? Hätte man sie nicht doch vielleicht besser erzählt? Bei der richtigen Gelegenheit, dem Richtigen anvertraut  Hätte damit schlimmeres verhindern können?

Vielleicht ist es ja unsere grundsätzliche Neugier die uns Menschlein treibt und so empfänglich macht für das Spionieren? Hätte, hätte Fahrradkette …

Freut Euch jetzt mit mir darauf, dass uns gleich eine neue Heldin an die Hand nimmt. Uns mit nimmt, auf eine Reise in Gedanken und das tut sie fürwahr, diese Julia Armstrong. Spionin wider Willen, Waise, unerfahren in diesem Business und ein bisschen verschossen in ihren Chef, aber nur ein bisschen und ich hoffe sie hört nicht, dass ich das jetzt so über sie sage …

Deckname Flamingo (Kate Atkinson)

“In Kriegszeiten ist die Wahrheit so kostbar, dass man sie immer mit einer Leibgarde aus Lügen schützen sollte.” (Winston Churchill)

1981. So kann es gehen.

Erschrockene Gesichter über ihr. Keines davon war ihr bekannt. Das Straßenpflaster hart und kalt unter ihr. Alles verschwamm. Der letzte Gedanke, den sie noch fassen konnte war der an ihren Sohn Matteo. An ihn und an seine derzeitige Freundin, die ihn fraglos unglücklich machte. Das musste sie wohl abgelenkt haben, vielleicht war sie auch einfach nur zu lange weg gewesen, weg aus England, hatte in die falsche Richtung geschaut bevor sie auf die Straße getreten war. Das schien jetzt alles bedeutungslos, ein Wagen hatte sie erfaßt und jetzt lag sie hier, mit ihren sechzig Jahren und es sah ganz danach aus, als müsste diese Anzahl von Jahren für ihr Leben genügen …

1940 Obwohl der Frühling so eine hoffnungsvolle Jahreszeit war, spürte man doch deutlich, dass sich der Krieg im Stechschritt näherte. Butter und Fleisch waren bereits rationiert, im Hyde Park grasten Schafe und lange würde es sicher nicht mehr dauern, bis die Tulpen in den Beeten würden Salat und Kohl weichen müssen. Julia war der Schreibstube entkommen, zumindest zeitweilig. Man hatte sie befördert von der im Verborgenen agierenden Protokollantin zur Agentin!

“Das Markenzeichen eines guten Spions ist, dass man nicht weiß, auf welcher Seite er steht.” (Textzitat)

Jawohl! Peregrin Gibbons ihr Chef beim MI5, hatte ein Talent bei ihr erkannt, welches war ihr selbst noch nicht so klar, aber sie hatte jetzt ihren ersten Job im Außendienst! Das gleich mit Mikrokamera und Pistole. Gut, mit einer kleinen Pistole, aber dafür paßte sie wunderbar in die Handtasche. Zuvor hatte man ihr eine neue, eine zweite Identität verpaßt und beigebracht, wie man Briefe öffnete und unauffällig wieder verschloß. Jetzt saß sie hier im Russian Tea Room und hoffte, dass sie keinen Fehler machen würde, unerfahren wie sie war mit ihren knapp achtzehn Jahren. Bang war ihr auch ein wenig, von ihrem Chef hatte sie noch im Ohr sie solle sich und ihre Tarn-Identität nicht durcheinander bringen, sonst drohe ihr der Wahnsinn. Ein großes Abenteuer hätte es werden sollen, doch schnell war es vorbei mit dem Spaß, denn es hatte eine Tote gegeben und Julia war hier wohl nicht ganz unschuldig …

“So verschwanden Menschen aus der Geschichte, oder? Sie wurden nicht ausradiert, sie wurden wegerklärt.” (Textzitat)

Bei Julia schlagen die Instinkte Alarm, als man ihr ein Jahrzehnt nach ihrer aktiven Zeit einen Umschlag zuspielt, der an sie adressiert ist und eine Nachricht, die da lautet “Du wirst bezahlen für das was du getan hast.”

Auf eigene Faust stellt sie Nachforschungen an, balanciert auf Messers Schneide. Zwischendurch wird sie auch mal für tot gehalten, sie schlüpft durch die Maschen in unterschiedliche Identitäten wie in ein neues Kleidungsstück, aber nicht alle tun ihr auch gut, gleich wie kleidsam sie auch sein mögen …

“Julia erwachte erschrocken. Sie spürte, wie etwas Düsteres auf sie zukroch. Es war etwas Grausames, das wachsen und ans Tageslicht wollte. Es war die Wahrheit. Sie war nicht sicher, ob sie sie kennen wollte. Seit Langem hatte Julia zum ersten Mal wieder Angst.” (Textzitat)

Kate Atkinson, lebt in Edinburgh und zählt zu den wichtigsten Gegenwarts-Autorinnen Großbritanniens. Mit “Das vergessene Kind” erschrieb sie sich 2012 den Deutschen Krimi Preis. Ihr aktueller Roman “Deckname Flamingo” ist in deutscher Übersetzung noch druckfrisch mit seinem Veröffentlichungsdatum aus dem März 2019.

Wie schon John Le Carré arbeitet Atkinson für ihr Rezept “Spionage-Roman” nur mit besten Zutaten. Man nehme edle Motive, einen Löffel Hochverrat in Kriegszeiten, würze mit einer Prise Mut, reichlich sympathischen Helden, Infiltration und undurchsichtigen Vorgesetzten. Et voilà!

Mit trockenem Humor und reichlich Seitenhieben, verpackt sie das Genre neu. Schön auch, dass Sie sich eine Frau als Hauptfigur ausgesucht hat, die einmal nicht allein mit den sprichwörtlichen Waffen der Frau agiert, sie ist so gar keine “Mata Hari” und tritt auch nicht als übertriebenes Flintenweib auf. Nein, Julia ist wie Du und Ich, sie gerät in dieses Metier halt einfach hinein, Punkt. Sie wird instrumentalisiert, klärt das für sich und lässt sich nicht foppen. Uns nimmt sie mit durch Britannien, auf eine unterhaltsame Zeitreise zwischen den Weltkriegen.

Wohnungen, die hergerichtet sind für konspirative Treffen, zum Abhören der “Nachbarn” wie man sie nennt und die eigentlich Nazi-Sympathisanten sind und Julia ist “der Lauscher an der Wand”. Bewaffnet mit einem außergewöhnlich feinen Gehör und mit ihrer Schreibmaschine. Diese Lauschangriffe des MI5 sollten greifbares, nachvollziehbares, geheimes zutage fördern, stattdessen lieferten sie oft unverständliches und immer mehr Gesprächslücken galt es für die Protokollantin sinnvoll zu füllen.

Atkinson läßt ihre Figuren beinahe wie Schattenrisse rund um ihre Julia agieren. Sie bleiben zum Teil ihr und uns fremd, so gut hüten sie ihre Geheimnisse. Sie erzählt in Rückblenden, springt mit uns in den Jahrzehnten hin und her, wird dabei aber zu keiner Zeit unübersichtlich, beschreibt wunderbar szenisch.

Ich mochte diese Geschichte, die auch aufzeigt, wie öde es bisweilen beim Spionieren zu gehen kann. Die nicht nur von den Gefahren erzählt, von den Risiken in das Visier des Feindes zu geraten und verraten zu werden. Und ich mag Julia, alias Iris, alias Madge, alias … wie sie auf ihr erstes amouröses Abenteuer hofft und stattdessen auf einer Otter-Expedition im Hochland landet. Sich die Klamotten einsaut, die besten Schuhe ruinert und sich beinahe den Allerwertesten abfriert.

Der Roman um Julia Armstrong ist mein erster von Frau Atkinson, und ich habe mir gleich noch zwei weitere von ihr auf auf dem Merkzettel notiert. “Die Unvollendete” und “Glorreiche Zeiten” lachen mich an.

Im “Flamingo” verzichtet sie auf große Gesten, sie baut die Spannung eher romanhaft auf, man darf sich hier keinen Spionage-Thriller erwarten. “Very british” geht es bei ihr zu, solide recherchiert und sehr authentisch, wenn auch nicht alles wahr ist, was wahr scheint. Humorvoll, sie rutscht nie in den Klamauk ab, lässt sie uns an den Gedanken ihrer Heldin teilhaben. Setzt sie in Klammern, es sitzt wirklich jede  Pointe, unverkrampft und situationskomisch.

Sie entromantisiert den Spionagebetrieb gehörig und skizziert sehr präzise, wie nervtötend banal, ja langweilig, Lauschangriffe und ein Agenten-Alltag eben auch sein können.

Verraten und verkauft?! Die schmutzigen Seiten im Spionage-Business zeigt Atkinson ebenfalls, das Töten und die Leichenentsorgung, wenn praktisch alles getan werden muss, um eine Operation nicht zu gefährden. Man dafür zu sorgen hat, dass die einmal ausgeklügelte Tarnung nicht auffliegt. Und zum Glück gibt es Tee, der in allen Lebenslagen zu helfen scheint, auch dann wenn es Tote gegeben hat …

Wer den Wahrheitsgehalt von Atkinsons Geschichte prüfen möchte kann dies in einem sehr interessanten Nachwort von ihr tun. By the way … Habe ich mich schon über die Ausstattung dieses Schmuckstückes ausgelassen? Nein? Dann wird es aber Zeit, innen wie außen, es ist so Klasse!

Der Umschlag leuchtend blau, von der Haptik her wunderbar gestrig, als hätte man die Fünfziger mit Recycling-Papier wieder erweckt. Kapitel-Überschriften und Die Protokoll-Stellen im Text sind wie mit einer alten Typen-Schreibmaschine getippt, sogar das Farbband ist hie und da leicht verwischt, die Buchstaben wirken so herrlich ausgefranst. Mich hat das nebenbei bemerkt, an meine eigenen Schreibmaschinen-Anfänge erinnert. Lang, lang ist es her …

Gentlemen und Lady! Es war mir eine Freunde!

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2 Kommentare

  1. Petra
    26. März 2019

    Freue mich auf jeden Besuch, Dorothee und besonders, wenn ich tatsächlich “verführen” kann. LG von Petra

  2. Dorothee
    24. März 2019

    Siehste…verführt schon wieder zum Kauf…deshalb darf ich hier gar nicht immer gucken…😉

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