Das Päckchen (Franz Hohler)

*Rezensionsexemplar*

Montag, 05.02.2018

Wir würden bald dort sein, meinte der Reiseleiter. Es regnete in Strömen und durch den Dunst, der aufgezogen war, konnte man den Straßenverlauf vor uns kaum noch sehen. Schade, so ein Wetter, ausgerechnet heute, dachte ich im Stillen. Nebelverhangen lag die Benediktiner-Abtei, die wir besuchen wollten vor uns am Berg 516 ü.N. Montecassino. Laut Wikipedia hatten hier 250 von 800 Mönche und Zivilpersonen, am Ende des zweiten Weltkrieges, (1944) auf diesem Bergsporn zwischen Rom und Neapel den Tod gefunden.

Ein Bombardement der Allierten, mit fast 500 Tonnen Spreng- und Brandbomben, hatte das Kloster damals, mit Ausnahme der Krypta, zerstört. Die Möglichkeit eines Wiederaufbaus war ausgerechnet dem Raubzug der Nazionalsozialisten zu verdanken, die alle Kunstgegenstände der Abtei, vor diesem Beschuß durch die Amerikaner, nach Rom in die Engelsburg hatten schaffen lassen. Darunter befanden sich damals zum Glück auch die Baupläne der Anlage.

Auf dem Montecassino angekommen waren wir still umher gewandert, durch den Kreuzgang, den Innenhof. Es war überhaupt nicht schade, das es so regnerisch und neblig gewesen war, im Gegenteil. Dieses feine Gespinst aus Wasser beschwörte den Geist vergangener Tage herauf. Dieser Nebel umhüllte die alten Mauern nicht als Schleier des Vergessens, er wirkte wie ein Verstärker für die hier greifbare, traurige Grundstimmung. Beinahe meinte man Stimmen in den Arkaden wispern zu hören, oder war es doch nur der Regen …

Viele Wege führen sprichwörtlich nach Rom, mich hat dieser Roman, völlig unerwartet, ein zweites Mal nach Montecassino geführt:

Das Päckchen (Franz Hohler)

Ernst hatte in der Bahnhofsunterführung gestanden und seine Frau anrufen wollen, als das öffentliche Telefon vor ihm plötzlich geläutet hatte. Einem Automatismus folgend hatte er zum Hörer gegriffen und erstaunt eine weibliche Stimme fragen hören, ob er das sei, der Ernst, sie brauche jetzt seine Hilfe, er solle sofort kommen. Reflexartig hatte er nach der Straße gefragt und war wie an Fäden gezogen zu dieser Adresse gelaufen, sich unterwegs immer wieder fragend, woher die alte Frau am Telefon ihn denn wohl kannte, gewußt hatte, dass ER zum Zeitpunkt ihres Anrufes auch vor genau diesem Telefon stand.

Als er jetzt der fast blinden Dame an ihrem Küchentisch gegenüber saß und sie aus der Schublade desselben ein Päckchen an die Oberfläche beförderte und es ihm aufdrängte, waren seine Fragen nicht weniger, sondern mehr geworden. Ehe sich Ernst versah, hatte er das Päckchen eingesteckt und war wieder auf der Straße gestanden …

Das älteste Buch deutscher Sprache, ein lateinisch – althochdeutsches Wörterbuch, der “Abrogans”, konnte es sein, dass hier er das Original dieser uralten Schrift in Händen hielt? Der rissige Ledereinband und der Geruch gehörten eindeutig in eine vergangene Zeit, aber konnte dieses Büchlein tatsächlich aus dem 8. Jahrhundert stammen?

Franz Hohler – Autor aus der Schweiz, in Biel 1943 geboren, gilt nach Angabe seines dt. Verlages als einer der bedeutendsten Erzähler seines Landes, er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet und veröffentlicht nunmehr seit über vierzig Jahren.

Seine Erzählstimme ist einmal herrlich antiquiert und dann wieder charmant schweizerisch im Grundton. Das hat mir sehr gefallen. Dies ist meine erste Geschichte von ihm und ich bin froh ihn jetzt für mich entdeckt zu haben.

Bern – es könnte gestern gewesen sein, oder auch heute passieren: Ein Päckchen mit mysteriösem Inhalt und von unbekannter Herkunft gerät in die Hände eines durchgeplanten, wohlorganisierten Mannes. Ein Gletscher, der nach Jahrzehnten eine Leiche freigibt. Verlorene Seelen und geisterhafte Erscheinungen. Mysteriöse Männer, die eine alte, halb blinde Frau bedrängen. Ein ernsthafter Bibliothekar, der mehr Antiheld als Held, in eine Geschichte hinein stolpert, die ihn an seine Grenzen führt und darüber hinaus. Ganz nach dem Credo “Mit der Wahrheit lügt sich am Besten” hält er sich bohrende Fragen vom Leib, wird zum Meister-Lügner wider Willen. Eine Ehefrau, die in ihrem Mann alles sieht, aber keinen Abenteurer und Verschwörer.

Federkiele, die kratzend über Pergament geführt werden, Tintenflecke an den Fingern, die Atmosphäre in den Schreibstuben der einzelnen Klöster die Heimo, der Mönch, im 8. Jahrhundert in dieser Geschichte durchwandert sind wunderbar bildhaft beschrieben. Man meint nach den Scryptoren, in ihren groben Kutten, wie sie dort stehen, über ihre Pulte gebeugt, greifen zu können.

Auf der zweiten Zeitebene des Romans finden wir uns wieder in einer Epoche, in der man vom Buchdruck noch nicht einmal etwas ahnte. Eine Zeit, in der Heerschaaren von Schreibern mit dem Kopieren von Büchern beschäftigt waren, alle wurden sie danach handgebunden. Als die Kirche noch die Wissenshoheit inne hatte, lesen und schreiben, ja der uneingeschränkte Konsum von Büchern, den wir heute als selbstverständlich genießen, noch nicht einmal eine Vision war.

Ein Roman wie eine russische Matroschka Puppe. Packt man eine aus, findet man eine zweite. Spannende Gegenwarts-Geschichte und historisches Abenteuer. Bettelarme Mönche, schwangere Stallburschen und couragierte Bibliothekare wetteifern hier um unsere Gunst als Leser.

Als kleinste innere Puppe der Matroschka findet man, den “Codex Abrogans”, das älteste Buch deutscher Sprache, von dem es tatsächlich nur noch drei Abschriften gibt, eine davon in der Stiftsbibliothek von St. Gallen. Er dient Franz Hohler als historisch verbriefter Kern seines Romans. Um ihn herum baut er seine Story auf, die abwechslungsreich, sprachlich auf den Punkt, flüssig, aber nie anspruchslos daher kommt. Das ist beste Unterhaltung auf hohem Niveau.

Wie schon Umberto Eco mit seinem Roman “Der Name der Rose”, gemahnt uns auch Franz Hohler hier an die Macht des geschriebenen Wortes, an die Macht die jener noch immer in Händen hält, der lesen und schreiben kann …

Gerd Heidenreich – selbst Autor, geboren 1944 in Eberswalde, lebt heute in Oberbayern. Seit 1972 ist er auch als Rundfunk- und Hörbuchsprecher tätig, er wurde bereits zweifach mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Hörbuchpreis geehrt.

Diesen seinen Vortrag mochte ich sehr. Gern habe ich mich von seiner Stimme in eine längst vergangene Epoche entführen lassen, fühlte mich mit ihm, bei ihm, mehr als wohl. Angenehm unaufgeregt und getragen, sachlich und doch mit Gefühl bei den Figuren, entwirrte er für mich die Handlungsfäden.

Hohler und Heidenreich, beide Namen beginnen mit dem gleichen Buchstaben, als wäre es ein Omen, ein Omen dafür, wie gut beide zusammen passen, und das tun sie tatsächlich. Die 5 Stunden und 18 Minuten Hörzeit waren im Nu abgelauscht, gerne hätte ich sie verlängert!

 

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