Das flüssige Land (Raphaela Edelbauer)

Sonntag, 06.10.2019

Diese Geschichte ist gekommen um zu bleiben, in meinem Kopf, in meinem Herzen, sie wühlt in meinem Bauch, sie brodelt wie Lava, sie fordert mich heraus. Eine Stadt am Abgrund, eine Stadt auf einem Hohlraum gebaut, ein Tanz auf dem Vulkan. Eine Geschichte für schlaflose Nächte, eine Geschichte wie ein Fiebertraum, mit Worten so dicht wie ein Nebelfeld. Schon die ersten Sätze beginnen in meinem Kopf umher zu wirbeln. Diese Autorin ist eine Wortverdreherin im allerbesten Sinne. Alle Wetter! So eine Schreibe erlebt man nicht alle Bücher …

Das flüssige Land von Raphaela Edelbauer

Wien. Die Eltern, beide tot in einer Nacht. Ein Autounfall auf einer abschüssigen Landstraße, irgendwo im Gebirge. Ruth, die Tochter, ist im Schock, nach dem geschäftsmäßigen Anruf der Polizei, um kurz darauf in Aktionismus zu verfallen. Eine Beerdigung musste schließlich organisiert, alle Angehörigen informiert werden. Dem Wunsch der Eltern wollte sie folgen und die Bestattung in ihrem Heimatort Groß-Einland ermöglichen. Es folgt ein überstürzter Aufbruch und eine Suche nach einem Ort, der auf keiner Karte, in keinem Kataster, in keinem Register verzeichnet zu sein scheint. Auch die auskunftswilligsten Beamten zuckten nur mit den Schultern. Wie findet man einen Ort, der offenbar nicht gefunden werden will? Diese Reise, diese Nächte auf Rastplatztoiletten und in kleinen, schäbigen Pensionen führen Ruth in die Irre, an ihre Grenzen und darüber hinaus. 

Sie beginnt Memory zu spielen mit ihren Erinnerungen und deckt eine Gedankenkarte nach der anderen auf um Groß-Einland aufzuspüren. Was hatte die Mutter noch gleich erzählt, wo war sie zur Schule gegangen und hatte ihr Vater nicht von einer Heurigen-Wirtschaft gesprochen, durch deren Gastraum eine uralte Eiche wuchs?

Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, studierte Sprachkunst und Philosophie. Mit ihrem ersten Roman konnte sie schon Preise gewinnen und ich frage mich gerade, ob ich hier den Deutschen Buchpreisträger 2019 in Händen halte? Von der Longlist auf die Shortlist hat sie es schon einmal geschafft, mit ihrer außerordentlichen Formulierkunst und auch für den Österreichischen Buchpreis wurde sie nominiert. Den Theodor-Körner-Preis und den Publikumspreis beim Bachmannpreis in Klagenfurt konnte sie ebenfalls schon abräumen.

Vom ersten Kapitel an schon suchte ich nach Vergleichen und fand keine. Bei Edelbauer hatte ich den Eindruck, auf jeder Buchseite sind doppelt so viele Wörter wie normal, dabei überfrachtet sie nicht. Ihre Metaphern sind ungewöhnlich, treffen aber jeden Punkt, auch den schmerzlichsten. Sie schreibt über die Empfindungen und Wahrnehmungen, auch über die Körperwahrnehmungen, ihrer Hauptfigur mit einer Empathie, dass ich gerne glauben würde, da steckt von ihr persönliches drin. Sie dreht mich mit meinen Gefühlen auf links und ich komme ihr kaum hinterher. Ich bin dann mal weg, ein paar Hüte kaufen, das ich genug zum Ziehen da habe wenn ich beim letzten Satz angekommen bin! Der Wahnsinn, dieser Ton, diese Erzählstimme, mit ihrer Frische und Modernität!

Ohne Prolog, ohne Epilog, damit hält sich Edelbauer gar nicht erst auf. Sie reißt mit ihrem Roman “Das flüssige Land” nicht nur ihren Figuren buchstäblich den Boden unter den Füßen weg, sondern stürzt auch ihre Leser kopfüber in dieses Abenteuer.

“Denn unsere Welt besteht aus nichts als der Gegenwart – und während sich der Verstand noch an den Zeitkapseln entlang hangelt, steht alles still. (Textzitat)

Edelbauer spielt mit der Zeit, mit dem Blick auf sie, mit der Theorie das es weder Zukunft noch Vergangenheit, sondern nur Gegenwart gibt. Sie spielt mit dem was das Beschäftigen mit diesem Thema mit ihrer Protagonistin macht. Ihre Ruth ist Physikerin, in der theoretischen Forschung, und ihr Thema die Blockuniversumtheorie. Die Luft flirrt, mir schwirrt der Kopf, mich schwindelt. Es fällt mir schwer mich auf diese These einzulassen, soviel aus meinem Erleben steht dem entgegen, meine Logik ist da eine andere, mein Kopf offenbar zu klein um das zu fassen. Ich diskutiere mit Andreas, meinem Mann. Wir kommen nicht überein, er, ich und Frau Edelbauer. Wie wunderbar, wenn ein Buch das schafft!

Edelbauer erzählt von einem Ort, versteckt vor der Zeit. Von der Zeit selbst, ihrem Anfang, ihrer Mitte, ihrem Ende. Von Gespenstern der Vergangenheit, die Erdachtes, von Menschen Gemachtes zum Einsturz bringen können. Von Autoritäten, deren Wort mächtig und Gesetz ist. Von Sinnsuche, Selbstfindung, Bestimmung und Schicksal. Eine im wortwörtlichen und besten Sinne bodenlose Geschichte. Die soviel mehr als nur bemerkenswert ist!

Mit dieser Autorin wage ich mich gerne weit vor, auf sprachlich und literarisch unausgetretenen Pfaden, bis an den Abgrund und einen Schritt darüber hinaus. Unangepasst, ideenreich und toll konstruiert nimmt sie mich sicher an die Hand. Sie konfrontiert mich mit einer Monarchin, die einen ganzen Ort kauft und sein kollektives Gedächtnis steuert und regiert.

Den Vergleich mit schwarzen Löchern stellt sie an. Denn dieser Schlund hier, im Herzen von Groß-Einland, hat eine solche Zugkraft entwickelt, das weder Licht, noch Informationen, noch Körper ihn wieder verlassen können und der Bereich, der ihn umgibt verzerrt den Raum und den Ablauf der Zeit.

Wir entdecken zwei Rätsel und eine Treppe, die unterhalb des Fischgrätparketts im Wohnzimmer in einen Kellerraum mit blankem Lehmboden führt, an der Decke eine nackte Gühbirne.

Erleben Arbeitstage mit vierzehn und sechzehn Stunden, die man endlich hinter sich lassen will. Zur Ruhe kommen, wachen und schlafen ohne Medikamente. Waldspaziergänge statt Tabletten. Ruth findet all das in Groß-Einland, dabei war sie gar nicht gekommen um zu bleiben. Sie schließt neue Bekanntschaften, findet ein Haus, ein Heim, ganz leicht geht das auf einmal.

“Das Haus sah aus, als wäre jemand in meinen Kopf gestiegen und hätte mit den Patenten meiner Sehnsüchte eine Schablone gefertigt”. (Textzitat)

Kalk, Gold, Kupfer und Uran. An Gründen, die die Menschen in das Loch lockten, fehlte es zu keiner Zeit. Die Kalkvorkommen, die in dieser Gegend schon im Mittelalter bekannt waren, begann man im Jahr 1890 mit ganzen Legionen von Leiharbeitern ab zutragen. Ein Raubbau, der so lange anhielt, wie die gierigen Schlünde von Hochöfen ihr Eisen ausspieen und Kalk zum Löschen gebraucht wurde, besonders dann, wenn ein Krieg nach Waffen verlangte. 

Die mehr als vierzig Meter in die Tiefe getriebenen Stollen beherbergten in den Folgejahren eine Nebenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen. Hier wurde eine Munition- und Flugzeugproduktion, garantiert bombensicher, in der Tiefe untergebracht. 

Österreich im Nationalsozialismus. Verbrechen wurden sorgfältig verdeckt. Massengräber vergessen. Welche Fäden liefen hier in Groß-Einland zusammen? Womit kämpfte die Erde? Sie wand und krümmte sich. Was wollte sie wieder los werden? Die eigene Familiengeschichte dreht sich in diesem Kontext wie in einer Zentrifuge. Was wusste Ruth eigentlich über ihre eigenen Eltern?

Ein Roman, der den riesigen Hohlraum unter der Stadt einsetzt wie eine Metapher. Die für Verdrängen steht, für Pragmatismus im Umgang mit unvorhersehbaren Ereignissen.

“Erst wer weiß, was sich in der Landschaft zugetragen hat, kann in sie einwachsen, wer mit ihrer Vergangenheit unverbunden ist, darf sich keine Hoffnung auf eine Zukunft in ihr erlauben.” (Textzitat)

Vom Ankommen, von Legenden, die sich um mythische Gründerfiguren ranken. Von Grubenunglücken, Wassereinbrüchen in der Tiefe. Von Schreien, die das Dunkel verschluckt. Erst verschwindet ein Kind, am Ende sind es zweiundzwanzig Einwohner.

Ein Martinsumzug, brennende Laternen von Sturmböen verweht. Liedfetzen in den Gassen. Nach fast einem Jahr ist es dann soweit und wir steigen mit Ruth hinab in das Loch, über unzählige Stufen und nur mit einer Taschenlampe bewaffnet.

Von Gedenkstätten, von erschütterten Fundamenten. Von Rissen, die sich nicht nur durch Wände und Böden ziehen. Vom Dazugehören, vom Festhalten und Loslassen. Von Eigensinn und allerlei Kuriosem. Von hübschen mitteralterlichen Häuschen, malerischen Gassen, von Schutt, Trümmern und Kirchen ohne ihre Türme. Hier mischt sich historisches mit gegenwärtigem. Es geht um vergangenes, an dem man sich nicht zu rühren traut.

Ein gewagter Text, der trotz seines Themas nicht dystopisch ist, eher visionär. Wirklich und unwirklich zugleich. Verbindlich und unverbindlich, einsam und gemeinsam. Es fällt mir schwer, in Worte zu fassen, was dieser Roman in mir ausgelöst hat. Er schwimmt genretechnisch wohltuend gegen jeden Strom, er trennt und verbindet, er verspricht nichts und hält alles. Wisst ihr was? Ich hör jetzt auf, ich mochte ihn einfach sehr. Punkt.

“Wurzeln schlagen ist dort leichter, wo vieles im Erdreich verrottet.” (Textzitat)

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2 Kommentare

  1. Petra
    7. Oktober 2019

    Ist es, Dorothee, aber keinewegs sperrig. Ich drücke dieser jungen Autorin fest die Daumen für den Deutschen Buchpreis. LG Petra

  2. Dorothee
    6. Oktober 2019

    Wow! Das klingt spannend, aber auch sehr anspruchsvoll!

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