Er gilt international als der größte Steuerbetrug aller Zeiten. Der Cum-Ex-Skandal. Durch schnelle Aktientransfers wurden die Eigentümer von Wertpapieren verschleiert, den Beteiligten, Banken und Investoren gelang es in der Folge, mehrfach eine Kapitalertragsteuererstattung zu erhalten für eine Steuerzahlung, die je nur einmal geleistet worden war. Schätzungen zufolge entgingen dem deutschen Fiskus so mehr als 30 Milliarden Euro. Weltweit wird die Schadenshöhe mit 150 Milliarden angenommen. Die Gesetzeslücke, die dieses Vorgehen ermöglichte wurde in Deutschland 2012 geschlossen, das Bundesfinanzministerium hatte seit 2002 Kenntnis von solchen Transfers, so ergeben es die Recherchen verschiedener Journalisten. Vor wenigen Tagen erst hat das Langericht Bonn mehrere Verurteilungen wegen schwerer Steuerhinterziehung zu einer Gesamtstrafe zusammengefasst. Als zentraler Akteur des Cum-Ex-Skandals muss der Steueranwalt Hanno Berger für zehn Jahre ins Gefängnis. Aus solchen Stoffen werden gute Geschichten gemacht, denn das Leben schreibt bekanntlich die besten. Mit die besten politischen Kriminalromane schreibt er: Oliver Bottini und dieser neueste Coup aus seiner Feder beschäftigt sich mit genau diesem Finanzskandal und aufgrund der jüngsten Urteile nicht aktueller sein. Es geht um Täter, Opfer, Kronzeugen, Reue, Scham und Gier …
<Für mich verkörpert es Offenheit. Bedeutung. Alles ist möglich. Jeder kann es sehen, schon von Weitem. Es ist ein kleiner Ort der Größe. Am Ende ist es bloß ein Haus, Erik.
Ein Haus auf Capri.> Textzitat Oliver Bottini
Die Summe aller Dinge von Oliver Bottini
Die Gier war es. Sagen sie. Die Camorra. Meint die italienische Polizei. Erik Cahn sei tot, seine Investitionen in Kampanien, in Hotels, Restaurants, einen Club, waren nicht ohne Folgen geblieben. So war das hier. Auf Capri. Sagt er ihr. Ein italienischer Kollege. Dumm nur, das etwas entscheidendes am Tatort fehlt. Die Leiche von Cahn.
Vera Berg, eine Polizistin aus Frankfurt, ist hier, weil Erik Cahn ein guter Freund und Kollege ihres verstorbenen Mannes war. Das weiß ihr Gegenüber nicht, der ihr von der Mafia-Theorie erzählt. Auch das sich ihr Mann, vor kurzem erst, erschossen hat, darüber schweigt Berg. Das in London ein weiterer Kollege von Cahn überfahren worden und nach dieser Fahrerflucht verstorben ist und das sie nicht glaubt, das Cahn tot sei, das teilt sie hingegen freimütig.
Cahns Frau könnte der Schlüssel sein. Mit ihr will sie sprechen. Vera und sie kennen sich gut. Doch Livia mauert, hat Angst und kurze Zeit nach ihrem Gespräch ist auch sie verschwunden und Vera Berg, eigentlich krank geschrieben, kann nicht loslassen. Beginnt auf eigene Faust zu ermitteln …
Tarnfirmen, Hedgefonds, Cum-Ex, Cum-Cum und Börsenkauderwelsch. Oliver Bottini legt falsche Fährten, eine Entführung bringt ordentlich Druck auf den Rätsel- und Spannungskessel und die Frankfurter Staatsanwaltschaft, respektive eine Staatsanwältin, der gerade ihr Kronzeuge abhanden gekommen ist, geht ein Wagnis ein …
Oliver Bottini, geboren am 21. April 1965 in Nürnberg, aufgewachsen in München, wohnte und arbeitete zehn Jahre in Berlin und lebt heute mit seiner Familie in Frankfurt/Main. Sechs Mal! gewann er den Deutschen Krimipreis, und für den Titel, den ich schon einmal vorgestellt habe „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ erhielt er 2018 auch den Preis der Heinrich-Böll-Stiftung für den besten politischen Kriminalroman des Jahres. Vier seiner Romane wurden für das Fernsehen verfilmt, zuletzt 2020 „Ein paar Tage Licht“ unter dem Titel „Algier Confidential“.
Zu viele offene Fragen und mehr als ein Zufall zuviel. Ein Kronzeuge betritt die Handlungsbühne, tritt ab und mich beschleicht eine Ahnung. Ich verwerfe das Gefühl. So einfach macht er es uns sicher nicht, der Oliver Bottini, denn bei ihm geht Krimi anders. Das fein geknüpfte Netz seiner Romane, besteht aus politisch und gesellschaftlich relevanten Themen, in die er stets einen Kriminalfall verstrickt.
So auch hier. Seine Protagonistin Vera Berg muss feststellen, dass sie mit einem Mann Jahre lang zusammengelebt hat, den sie im Grunde nicht kannte. Das was sie über ihren Mann Zaid nach dessen Selbstmord herausfindet, erschüttert sie bis in die Grundfesten. Wie hatte ihr all das entgehen können? Hatte sie es nicht sehen wollen? Sie war schließlich Polizistin.
Ein gefährliches Katz und Mausspiel beginnt, als die Camorra sich einmischt. Als sie ihre Wohnung verwanzt und das Auto getrackt vorfindet. Vera ballt die Fäuste, erhebt sie gegen einen unsichtbar bleibenden Feind. Verliert ihre Tochter. Die nach der Beerdigung davonläuft.
Die Summe aller Dinge ist in diesem konkreten Fall eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Nicht zuletzt eine, die auch ein begnadeter Mathematiker, das war Zaid Benour, nicht lösen konnte. Er vergeht vor Scham und Schuld und seiner Frau bleibt nichts als die Frage, wer dieser Mann war, mit sie verheiratet gewesen ist, der Vater ihres Kindes.
Wie gut kennen wir einander wirklich? Als Eheleute? Als Freunde? Wieviel interpretieren wir in unser Gegenüber hinein? Wo ist für wen der Punkt, an dem man das Maß verliert? Was tun, wenn die Gier die Regentschaft übernommen hat? Wenn mehr nicht mehr genug ist? Wenn Regeln und Gesetze schon gebrochen, alle moralischen Bedenken über Bord geworfen sind. Spüren wir den Punkt, ab dem Entscheidungen unumkehrbar sind. Sind sie das? Welchen Preis sind wir bereit für eine Umkehr zu zahlen?
Da ist er denke ich. Der Kipppunkt im Leben von Zaid Benour und liege falsch. Schon wieder so eine Finte von Bottini und während ich noch versuche dahinterzusteigen wie diese Cum-Cum Methode jetzt funktioniert, die man ausgewählt hat, nachdem der Staat Cum-Ex einen Riegel vorgeschoben hat, gibt es einen weiteren Toten. <Die> noch immer habe ich keinen Schimmer wer, sind seinen Heldinnen und Helden beständig auf den Fersen und offenbar nicht abzuschütteln.
Wer benutzt hier wen? Geschickt lässt Oliver Bottini uns Lesende diesbezüglich lange im Dunkeln tappen. Die wahren Motive und Hintermänner, Drahtzieher und Opfer weiß er geschickt vor uns zu verbergen. Man folgt jeder Spur, die er wie aus Brotkrumen legt, greift mit Vera Berg jeden Hinweis auf. In einem zweiten Erzählstrang schauen wir einem Privatdetektiv über die Schulter, dessen Auftraggeber für uns ebenfalls in den Schatten bleibt. Auf einer dritten Erzählebende begegnen wir einer Staatsanwältin, die allen Widerständen zum Trotz nicht aufgibt.
Bottini gewährt uns Einblicke in ein Jetsetleben, zeigt auf, wie erschreckend leicht es war in all diesen Fällen zu betrügen, über eine so lange Zeit hinweg und in dieser Größenordnung. Wie es möglich war irrwitzig viel Geld anzuhäufen. Seine Wirtschaftskriminellen tragen Designeranzüge und besitzen Yachten und Villen. Moralische Bedenken rechtfertigen sie damit, das Andere mehr und Schlimmeres tun und das man selbst ja nur eine Lücke im Gesetz nutze. Wie sehr man damit dem Staat und der Gemeinschaft schadet um sich persönlich zu bereichern lässt man gelassen außen vor. Gründete dieser Plot nicht auf einen waschechten Skandal, würde ich mich fragen ob die Spezies Mensch wirklich so korrumpierbar ist. Ist alles wirklich nur eine Frage des Preises?
Dann geht alles ganz schnell, ich haste förmlich durch die letzten Kapitel, lerne viel. Über den Finanzmarkt, die Methodik dieses Betruges, erkenne Zusammenhänge. Show Down. Der Vorhang öffnet sich.
Doch, das habe ich gern gelesen, wenn ich diesen neuen Fall auch nicht ganz so gern mochte wie 2018 <Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens>. Die Kaltblütigkeit habe ich gemocht, die Konsequenz mit der erzählt wird, die Jagd. Nach der Wahrheit. Das Ende. Wie sich Verbündete dort finden, wo man sie nicht vermutet. Beeindruckt hat mich, wie der sechsfache Preiträger des Deutschen Krimipreises Oliver Bottini mich an der langen Leine um das Finale herumgeführt hat, ohne das es langweilig wurde und ich wundere mich noch immer darüber, das wir alle wohl unseren Preis haben, gegen den wir bereit sind unsere Werte zu tauschen und wie langsam Politik und Staat reagieren angesichts solcher Tragweiten …
Lieben Dank an das Team des Dumont Verlages für dieses Besprechungsexemplar.



Schreibe den ersten Kommentar