Ich, die ich Männer nicht kannte (Jacqueline Harpman)

Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels lag die Zahl der Buch-Neuerscheinungen in den vergangenen Jahren bei fünfzig- bis sechzigtausend Erstauflagen je Jahr. Rechnerisch entfallen damit auf einen Tag rund einhunderfünfzig bis zweihundert neue Bücher. Wenn ich fleißig lese und höre, schaffe ich, je nach Seitenumfang, sechzig bis achtzig Romane und/oder Sachbücher innerhalb eines Jahres. Okay, andere lesen schneller und mehr, aber sei es drum. Mit rund 0,13 Prozent kratze ich, die ich zumeist nur Neuerscheinungen lese, damit nur an der Oberfläche dieses Berges und zum Lesen von älteren Titeln komme ich nahezu gar nicht mehr. Zu verlockend ist dieser hohe Output und stete Fluss an Neuem. Immer wieder nehme ich mir vor das zu ändern. Wenn ein Verlag aber einer länger verstummten literarischen Stimme wieder Raum gibt, dann allerdings merke ich regelmäßig auf. In diesem Fall hat der Klett Cotta Verlag, (lieben Dank für das Besprechungsexemplar), mit der deutschen Übersetzung von Luca Homburg einer Autorin wieder Sichtbarkeit ermöglicht, die ihren dystopischen Text erstmals 1995 veröffentlicht und vor etwa zwei Jahren mit der englischen Fassung ihres Textes einen Book-Tok-Hype ausgelöst hat. Im Original titelt ihr Roman Moi, qui n’ai pas connu les hommes, Literaturkundige nennen ihn in einem Atemzug mit Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ oder mit Marlen Haushofers „Die Wand“. Ich war gespannt.

„Meine Erinnerungen beginnen mit meiner Wut.“ Textzitat Jaqueline Harpmann

Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman

Vierzig Frauen sind sie in diesem unterirdischen Gefängnis. „Käfig“ nennt es die namenlos bleibende Erzählerin, die Vierzigste der Gefangenen. Die Jüngste. Die zu Beginn ihrer Gefangenschaft noch ein Kind gewesen ist. Sechs Männer wechseln sich rund um die Uhr als ihre Wächter ab. Kein Wort sprechen diese Wachmänner mit ihnen und fassen sie auch nicht an. Dafür haben sie Peitschen, sie verletzen sie, um zu strafen, um sie auf Abstand zu halten. Setzen sie unter Drogen.

Halten das Draußen draußen. Unsere Erzählerin erinnert keinen Himmel, ist hier seit sie denken kann und berichtet für uns. Vom Drinnen und davon wie sie als Erste den Schritt in eine brüchige Freiheit wagt, die keine ist. Als eines Tages ihre Wachen verschwinden, sich nach einem Alarm das Tor öffnet und sie frei lässt. Ohne eine Ahnung davon zu haben was außerhalb ihrer Gefängnismauern ist, verlassen die Frauen ihren Kerker. Betreten diese ungewissen Freiheit. Betreten eine Welt, die ihnen fremd ist und die sich abweisend zeigt. Wohin gehen? Was anfangen? Wenn man nichts kennt als dieses Gefängnis? Nach mehr als zwölf Jahren ohne Sonne und Regen, ohne Tageslicht, Sie wissen nicht wohin mit sich, Angst lähmt sie und was sie erfahren werden, auf ihrer folgenden Wanderschaft ist so erschütternd wie unglaublich und die Frage nach dem „Warum“ hört nicht auf in ihren Köpfen zu kreisen. Warum hatte man sie eingesperrt? Und nicht nur sie.

Jacqueline Harpman, geboren am 5. Juli 1929 im belgischen Etterbeek als Tochter des jüdisch-holländischen Geschäftsmannes Andries Harpman floh 1940 mit den Eltern vor den Nationalsozialisten nach Casablanca. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Brüssel zurück, wo Jacqueline nach einem Studium der französischen Literatur ein Medizinstudium begann, dass sie aufgrund einer Tuberkulose Erkrankung abbrechen musste. Fast zwei Jahre verbrachte sie in einem Sanatorium in Eupen, sie heiratete zweimal, 1953 und 1963, schenkte zwei Töchtern das Leben, veröffentlichte 1958 ihren ersten Roman. 1966 floppte ihre vierte Veröffentlichung und sie pausierte das Schreiben, begann ein Psychologiestudium, schloss es ab und arbeitete bis zu ihrem Tod 2012 als Psychoanalytikerin und Autorin. Mit insgesamt fünfzehn Romane und zahlreichen Literaturpreisen gilt sie heute als eine der bedeutendsten Stimmen der französisch-sprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Die Lektorin und Übersetzerin Luca Homburg, die Philosophie, französische Literatur und Übersetzung studiert hat, wählt im Deutschen einen Ton, der mich durch seine Sachlichkeit aufschreckt. Nur in wenigen Ausnahmen wird wörtliche Rede eingesetzt. Der Text ist dicht und bedrückend. Die Resignation und die fatalistische Haltung der Frauen mit der sie ihr Dasein im Kerker annehmen, dass es offenbar keinerlei Fluchtversuche gab und auch ihre tastenden Versuche sich ein neues Leben zu erschließen schmerzen.

Wie schafft man es nach erzwungener Passivität wieder selbstbestimmt zu Handeln? Kann Frau Proaktivität wieder erlernen, wenn sie auf diese Weise abtrainiert worden ist?

Mittels Gewalt treibt man den Frauen den Willen aus aufzubegehren. Die Frage danach, warum man sie nicht nur am Leben erhält, sondern aktiv ihre Selbstmordversuche verhindert, drückt wie ein Stein im Schuh. Künstliches Licht lässt den Rhythmus von Tag und Nacht verschwimmen. Er wird willkürlich bestimmt. Der Wechsel der Jahreszeiten fehlt, was dafür sorgt, dass niemand mehr weiß wie alt er wirklich ist. Keine von Ihnen kannte eine ihrer Mitinsassinen als sie eingesperrt wurden, sie durften einander nicht berühren, nicht tröstend, nicht pflegend. Warum? Warum pferchte man sie so zusammen? Warum ist unter den Wächtern keine einzige Frau? Was warf man ihnen vor? War das, ist das ein grausames Experiment?

Die Jüngste unter ihnen ist es, die beim Heranwachsen mehr und mehr Fragen stellt. Die ihre Erinnerungen an das was geschehen ist in Frage stellt. Die aktiv Kontakt und Nähe sucht.

Wenn uns nichts bleibt als die Sorge um Obdach und Nahrung, ums nackte Überleben, zeigt sich wer wir wirklich sind, müssen wir uns besinnen, auf die Stärken und Schwächen innerhalb einer Gemeinschaft, so lange wir in ihrem Inneren aufgehoben sind. So lange wir in ihr verbleiben dürfen. Landläufig sagt man eine Gemeinschaft sei nur so stark wie ihr schwächstes Glied und die Gruppe dieser Frauen versteht es einander zu stärken. Nach allem was ihnen an Grausamkeiten widerfahren ist, besinnen sie sich auf die Menschlichkeit, die man ihnen versagt hat. Wer genau hier das Heft, die Macht hat, erfahren wir nicht. Auch bleibt offen, ob es sich wirklich um eine Männergesellschaft handelt, die die Frauen weggesperrt und ruhiggestellt hat.

Diese Geschichte ist für mich Dystopie und Robinsonade, ihre Endzeitstimmung hat etwas Verzweifeltes und zugleich Zuversichtliches. Ich habe sie nicht so sehr mit der feministischen Brille gelesen, auch wenn es um Schwesternschaft geht, man weiß, dass es Männer sind, die hier Wache gehen, für mich spielte sie mehr und das gekonnt mit existenziellen Fragen, hatte etwas kafkaeskes. Wie sie mit unserem Verständnis von Menschlichkeit umgeht auch und besonders im Sterben, mit Täter- und Opferrollen, wie sie Fragen nach Identität und Integrität, Moral und Ethik, nach Gut und Böse stellt, ohne sie abschließend zu beantworten, mochte ich. Überhaupt mag ich ich ja Texte, die nicht zu Ende erzählen, die mir Raum lassen, für eigene Gedanken und Ableitungen. Genau dafür ist dieser Roman wie gemacht, für kontroverse Diskussionen in Lesekreisen. Für die eigene innere Auseinandersetzung mit dem was man selbst für sich aus seinen Facetten mitnimmt. Das gefiel mir besonders. 

Erstaunlich wie dicht gewebt, kristallklar, zwischenzeilig und offen zugleich er daherkommt. Erklärungen verweigert seine Autorin mit einer Konsequenz, die mich beeindruckt. Nüchtern erzählt Harpman, verstärkt damit das Endzeitliche ihres philosophischen Gedankenspiels, erzählt aus der Perspektive der jüngsten dieser Frauen und nur aus ihrer. Das ausgesprochen reflektiert. Wir hören ihre Gedanken, spüren ihren Freiheitsdrang, ihre Ruhelosigkeit, ihren Wissensdurst. Bis zum Schluss hofft man mit Harpmans Schlüsselfigur. Bis zum Schluss bleibt man bei ihr. Am Ende angekommen hebe ich den Blick, schaue auf die dunklen Schatten ihrer Geschichte, spüre ihrem Nachhall nach, stelle mir eine letzte Frage.

Was ist es, das uns am Leben hält?  

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