Ein Fluss trennt ein Tal im Norden Europas in zwei Hälften. Menschen nahmen diese Grenze auf, als 1809 Russland und Schweden neu gegliedert wurden. Die Region östlich des Flusses Torneälv gehörte danach zum russischen Generalgouvernement Finnland und der westliche Teil zur Provinz Norbotten in Schweden. In Tornedal, so der Name dieser heute geteilten Region, sprach man seit dem 12. Jahrhundert einen eigenen, dem Finnischen nahen Dialekt, Meänkieli. Bestrebungen den Bevölkerungsteil auf der schwedischen Seite nach der Trennung zur schwedischen Sprache oder zumindest zur Zweisprachigkeit zu bewegen, wurden erst 1999 aufgegeben. Mit den 1970zigern wurde das Begehren der Tornedalen lauter, sie wollten ihre Sprache, ihre Identität zurück. 2007 erkannte der schwedische Riksdag die Tornedalen als Minderheit an, erstmals wurde die Tornedalsflagge gehisst und Meänkieli, ihr Dialekt, zog auch wieder in der Literatur, in Theatern, im kulturellen Leben ein. Der Autor dieser Geschichte ist Tornedaler und er nimmt uns mit in diese Gegend nördlich des Bottnischen Meerbusens …
Dein Wille wohnt in den Wäldern von Mattias Timander – aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Die Winter sind eiskalt hier und sie sind einsam. Dieser hatte Minus fünfunddreißig Grad im Gepäck, Die Fenster in seiner Hütte gefroren von innen, der Sturm blies den Schnee unter der Tür durch, die zur Sicherheit nie abgeschlossen wurde. Die Stadt mit all ihrem Lärm, mit ihrem Wettbewerb, hatte ihn überfordert und vertrieben. Das Land, dieses Dorf, sein Heimatdorf hatte ihn aufgenommen. Nachdem seine Eltern nicht mehr waren. Hier fühlte er sich sicher. Konnte sich in Ruhe lassen. Zunächst.
Als er das Buch findet, keine Ahnung wie es in die Hütte der Eltern gekommen war, er hatte die beiden nie etwas anderes lesen sehen als die Tageszeitung, den Vater erinnerte er mit seinem Kreuzworträtsel, fing er, noch in der Küche stehend, zu lesen an. Wie mit einem Bann belegt, kommt er nicht mehr los von dieser Geschichte. Wähnt sich auf einer Zeitreise, vergisst das Arbeiten.
Tage danach sucht er im Schuppen nach einem Werkzeug und stößt auf ein kleines, in einem Versteck verborgenes Regal mit weiteren Büchern. Kafka, Joyce, Beckett, Woolf, Flaubert und Fallada. Wie im Rausch liest er weiter. Braucht Nachschub. Stoppt den Bücherbus, sucht in der Stadt nach einer Buchhandlung.
„Im Laden zu stehen oder andere feine Arbeit, wo die Leute dachten, dass man zu Geld kam – das bedeutete, dass man sich für was Besseres hielt. Man sollte das eine nicht für wichtiger halten als das andere. Und um Gottes willen nie vergessen, woher man kam. Wurzeln brauchen furchtbar lang, um zu verbrennen.“ Textzitat Mattias Timander
Nicht abheben. Er merkt es und die anderen bemerken es ebenfalls, nicht alle wohlwollend. Der Fjällborg grenzte ihn aus, steckte erst den Anders und dann andere ihrer kleinen Gemeinschaft an. Was hatte sein Vater mit all dem zu tun? Der Vater, was wusste er eigentlich von ihm? Wer war er, wenn er seine Wurzeln nicht spüren konnte?
Das Lesen veränderte ihn, es brachte ihn zum Nachdenken, dazu Fragen zu stellen. Die Geschichte des Dorfes begann ihn zu interessieren. Wann alles angefangen hat will er wissen und woher seine Familie stammt. Die einen belächeln ihn, andere rücken von ihm ab, hält er sich jetzt für etwas Besseres? Dann aber gibt es die, die nicken und seine Fragen beantworten. Der alte Tage ist ihm immer ein guter Ratgeber, Viola, die heimliche Patriarchin des Ortes und die Schwester seiner Großmutter, von deren Existenz er bis zu seiner Fragerei gar nichts wusste, sie liefert ihm bei einem ersten Besuch den Stammbaum seiner Familie.
Von einer seltsamen Unruhe wird er befallen. Da waren plötzlich Augen in der Nacht und in einer besonders sternenklaren beschloß er zu gehen. Verabschiedete sich nicht. Stieg in seinen alten Volvo und brach auf in die Stadt. Blieb dort. Zunächst.
Mattias Timander, geboren 1998 in Kiruna/Schweden als Tornedaler, lebt und schreibt in Stockholm. Das Debüt des studierten Literaturwissenschaftlers „Dein Wille wohnt in den Wäldern“ wurde mit dem De-Nios-Jul-Preis 2024 ausgezeichnet und für vier weitere Preise nominiert. Mich hat der Roman, der im neugegründeten Münchner Allee Verlag erschienen ist als Geschenk der Verlegerin Veronika Siska erreicht, vielen lieben Dank dafür. Nicht nur diese unerwartete Zustellung, sondern auch der Roman haben mich sehr berührt. Wenn ich ganz leise und ehrlich mit mir bin, dann hatte ich das bereits erwartet, als ich den Titel las.
Sprache trennt und Sprache verbindet. Sie ist elementar für uns Menschen, für tieferes Verständnis für unser Miteinander. Sie ist mir wichtig und mitzuerleben, zu erlesen, wie sich der Held dieser Geschichte mittels Sprache die Welt aufschließt ist herrlich.
Immer wieder auf’s Neue stößt mir eine Geschichte eine Tür auf in eine Welt, die ich zuvor noch nicht betreten habe. Die besten Geschichten aber weisen in mir nach Innen. Dann kann ich Erinnerungsbilder hervorholen die mir gut tun, die nicht romantisieren und auch nicht schmerzen. Die mich dankbar sein lassen, für das was war und sein durfte. So ist es mir mit Mattias Timanders Held ergangen. Der über das Lesen zu neuen Ufern aufbricht und dem die Sprache Brücke nicht Grenze ist. Das fand ich besonders schön. Mich hat Sprache schon so oft mit Menschen verbunden und sie tut es bis heute.
Wenn unsere Fantasie uns Flügel verleiht was vermag dann Sprache? Sie ist Teil unserer Identität und wenn man bei diesem Roman weiß, dass er im Original ein Geflecht aus nordschwedischem und tornedalischem Dialekt ist, dann kann man nur ahnen vor welcher Herausforderung Timanders Übersetzerin, Hanna Granz gestanden haben muss. Wie grandios ihre Übersetzung gelungen ist, spürt man besonders in den Szenen, in denen in der Geschichte geschwiegen wird und ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal schreibe oder sage, beim Lesen hat mir das am Besten gefallen. Die Lücken zwischen den Sätzen, die keine Leerstellen beschreiben, sondern ein derart eindringliches, oft einvernehmliches Schweigen, diese Meisterleistung lässt Autor und Übersetzerin wie eine Stimme klingen.
Klare, kantige Sätze, manche wie Bruchstücke, skizzieren Szenerien, die in ihrer Einfachheit vor mir auferstehen als wäre das nichts. Unangestrengt, wie aus dem Ärmel geschüttelt, wirken sie. Knapp sind sie bisweilen und sie lassen mich sofort eintauchen in eine Welt, die mir fremd ist. Lassen mich Landschaft spüren. Einsamkeit, aber auch Zusammengehörigkeit.
Die einfachen Dinge sind es die zählen und wie wertvoll ein gutes Gespräch doch ist. Jemand der zuhören kann. Ein Briefwechsel, der die eigenen Gedanken auf- und ernstnimmt, der so Nähe entstehen lässt, die beinahe mit Händen greifbar ist, trotzdem man sich nie gegenübersitzt.
Wie Literatur zum Wegweiser werden kann, davon erzählt diese Geschichte und es ist wunderbar zu erleben, wie die Sprache im Roman sich verändert als das Lesen die Hauptfigur gefunden hat. Die Sätze runden sich wie poliert, Gedanken stapeln sich und ein Leben verändert sich. So könnte sich das Glück anfühlen, denke ich, als die Hauptfigur Vera begegnet. Aber was ist er für sie? Ihr Studienobjekt? Sie, diese Vera und die Anonymität der Stadt tun ihm nicht gut. Einzig die Lesefülle, die es hier hat., sie weitet ihn. Er beginnt sogar zu schreiben, Rezensionen. Arbeitet als Interviewer für einen Verlag, analysiert Texte, geht in die Tiefe und sieht doch im eigenen Leben das Offensichtliche nicht.
Wenn sie ihr süßes Gift in sein Ohr träufelt, dann trinkt er, kommt tagelang nicht mehr aus dem Bett, da hätte ich mir am liebsten Augen und Ohren zugehalten. Dann wieder hätte ich schreien mögen. Er muss mich doch hören können. Nicht? So nah bin ich ihm gekommen, das schafft Mattias Timander ohne jede Mühe. Nahbare Figuren aus Fleisch und Blut zu erschaffen.
Das Blatt muss sich wenden lassen. Ich eile dem letzten Drittel der Geschichte entgegen und sie empfängt meine Neugier mit ausgebreiteten Armen. Ihr Ton verändert sich erneut und sie erzählt mir vom Heimkehren, vom Vermissen, Bewahren und Loslassen müssen. Ganz sanft, traurig und wehmütig klingt sie aus und in mir nach. Mascha Kaléko würde sagen: „Den eigenen Tod stirbt man nur. Mit dem der Anderen muss man leben“. Wie recht sie hat. Ohne Wenn und Aber.

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