Sag mir, was ich bin (Una Mannion)

Wir sagen, das kann uns keiner mehr nehmen, wenn wir etwas Schönes erlebt haben. Meinen die Erinnerung daran. Was aber, wenn wir genau sie verlieren? Wer sind wir dann noch? Was macht uns aus? Rückblenden rühren hier und in dieser Geschichte an der Vergangenheit. Ruby, ein Teenager, erinnert ihre Mutter nicht mehr oder anders als die, die ihr von damals erzählen. Wenn überhaupt jemand über Damals spricht. Dann der Anruf ihrer Tante. Den sie am liebsten ignorieren will und es nicht kann. „Es ist alles für dich bereit, falls du kommen möchtest.“ Mit diesem Satz lässt Una Mannion, die Autorin dieses Romans, uns nach der Eröffnung ihrer Geschichte erst einmal stehen. Die Handlung verspringt und das wird sie noch öfter tun.

„Verzweiflung ist ein ganz konkreter Ort.“

Textzitat Una Mannion

Sag mir, was ich bin von Una Mannion

Die meisten Vermissten sind und bleiben auf eigenen Wunsch abwesend, antwortete die diensthabende Polizistin, als Nessa meldet, dass ihre Schwester Deena Garvey heute früh aus dem Haus gegangen, aber nicht bei der Arbeit angekommen sei. Mittels ein paar Kreuzen auf einem Formular reduziert die Polizeibeamtin Deena jetzt auf ein paar harte Fakten. Notiert Medikamente die sie einnehmen musste, die gegen ihre Depression. Das sie ihrer Tochter Ruby, die erst zwei Jahre geworden war, eine gute Mutter ist. Wie viel sie ausgehalten hatte, wie sehr sie sich in ihrem Job in der Neonatologie engagierte, das stand dort nicht. Sie würden ihr einen Strick aus ihrer Vergangenheit drehen, da war sich Deenas Bruder sicher. Alles wieder auf den Tisch packen. Die Geschichte mit Lucas.

Die Zeichen gedeutet und versucht zu helfen. Hatte sie das nicht getan? Vermissen, Schuldgefühle und Vorwürfe plagen Nessa, die das Verschwinden ihrer Schwester nicht zur Ruhe kommen lässt. Diese Lehrstelle zerreißt ihr Leben und das ihrer Nichte, für die der Tag an dem ihre Mutter verschwand, inzwischen verblasst ist. Als junge Frau erst wird sie beginnen die Wahrheiten zu hinterfragen, die ihr Vater ihr eingeimpft hat. Verzweifelt versucht sie schon so lange die Leere zu füllen, die sie empfindet und nie hat erklären können.

Wer geht hier zu weit und wer nicht weit genug? Auf wessen Seite stehen wir? Diese Autorin hält mich meisterlich in der Schwebe.

Stück für Stück erfahre ich davon, was aus Deenas Vergangenheit offenbar unter den Teppich gekehrt worden ist. Erfahre, dass ihre Schwester Nessa davon überzeugt ist, das ihre Nichte Ruby, die seit dem Verschwinden der Mutter bei ihrem Vater Lucas und ihrer Oma Clover, abgeschieden in Vermont lebt, ihr Leben mit dem Mörder ihrer Mutter teilt.

Die Dinge beim Namen nennen. Das müsse sie jetzt. Molly, Deenas beste Freundin, brachte es auf den Punkt. Nessa habe sich verrannt. Es gelte loszulassen. Innerhalb von nur zwei Jahren habe sie Vater und Mutter, ihre Schwester und dann Ruby verloren. Freundschaften aufgegeben und ihren Partner. Das Maß verloren. Den Abstand. Doch Nessa kann nicht. Will nicht glauben, dass sie ihre Nichte nicht mehr wiedersehen darf. Sucht den Kontakt.

Brüche, Macht und Übergriffigkeit. Wie eine tickende Zeitbombe fühlt sich dieser Text an. Unterschwellig halten sich Bedrohlichkeit und die Unberechenbarkeit eines Vaters, der seine Tochter von klein auf psychisch konditioniert, sie schweben wie ein Damoklesschwert über den Kapiteln. Aber da ist auch eine Bindung zu spüren, zwischen ihm und Ruby, ein Wohlwollen, die Überzeugung das Richtige zu tun. Dann wieder möchte man ihn nicht verdammen. Die geballten Fäuste wieder aus den Taschen nehmen. In diesen seltenen Momenten der Nähe, die er mit seiner Tochter draußen in der Natur teilt. Wie er sie ermutigt und auch fördert. Wem kann man vertrauen in dieser Geschichte? Wo verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse?

Es hat ein Schloss an der Tür zum Zimmer dieses Vaters, eines das sich nicht knacken lässt. Nur einmal war Ruby alleine hier drin gewesen, hatte Tagebücher gefunden, zu lesen begonnen und nicht mehr vergessen können.

Durch verschachtelte Rückblenden, die Spannung hochhaltend, führt uns Una Mannion durch Rubys Geschichte. Das Jahr in dem Donald Trump als Präsidentschaftskandidat nominiert wurde, der Sommer dieses Jahres, stellt Rubys Leben auf den Kopf. Sie entdeckt wie geschickt ihre frühesten Erinnerungen überschrieben worden sind, verliebt sich, versucht einzuordnen, zu verstehen, sucht. Nach sich. Was wusste und was verschwieg ihre Großmutter? Was hatte ihr Vater getan?

Una Mannion, geboren in Philadelphia/ Pennsylvania, wuchs mit sieben Geschwistern auf, lebt heute in Irland, wo sie am Institute of Technology in Sligo unterrichtet. Gemeinsam mit Louise Kennedy und Eoin McNamee gibt sie die Literaturzeitschrift The Cormorant heraus. „Licht zwischen den Bäumen„, ihr erster Roman erschien 2021, ihr zweiter „Sag mir, was ich bin“ 2024, der es in die Endauswahl des Dagger Awards schaffte. Tanja Handels hat aus dem Englischen stimmig für uns übersetzt.

Mir hat es, neben der Grundstimmung, die Konstruktion des Plots von„Sag mir, was ich bin“ angetan. Wie geschickt Una Mannion uns Lesende durch Zeitsprünge und Hinweise vor sich hertreibt und wie sie es am Ende versteht ihre im Kern übersichtliche Handlung, ihr Rätsel, aufzulösen. Da habe ich eine Autorin entdeckt von der ich mehr lesen möchte, die mir sehr plastisch vor Augen geführt hat, wie Manipulation und Täuschung funktionieren, bis sich Bahn bricht was nicht länger beschwiegen werden kann. Und Geheimnisse hüten, das kann Una Mannion auch, so viel sei noch verraten.

In der ARD Audiothek ist aktuell noch kostenlos eine Lesung von Una Mannions Roman als Stream verfügbar. Produziert von SWR Kultur liest ganz wunderbar empathisch, 11 Stunden und 40 Minuten lang, die deutsche Schauspielerin und Grimme-Preisträgerin Isabella Bartdorff. Hört mal vorbei. Es lohnt sich.

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