Die Auster (Yael Inokai)

Ob bei Harrods in London, im KaDeWe in Berlin, immer wenn ich in einem Luxuskaufhaus war, habe ich mir vorgestellt, wie es wäre hier eine Nacht eingeschlossen zu sein. Sich an der Champagner Theke niederzulassen, sich ein Gläschen zu gönnen im laufenden Betrieb, all die Köstlichkeiten zu bestaunen, die es hier gibt und schauen, wer hier einkauft. Das ist wie in einem großen vornehmen Hotel in der Lobby zu sitzen und dem Kommen und Gehen zuzuschauen, sich auszumalen welche Geschichten hinter welchen Gesichtern stecken, das hat schon Vicky Baum in ihrem Menschen im Hotel getan und diese Autorin knöpft sich jetzt den Mikrokosmos Kaufhaus vor …

Die Auster von Yael Inokai

Dem jungen Polizeibeamten war alles aus dem Gesicht gefallen, als Leonora Bloch, die 73jährige Reinigungskraft von Dr. Bronstett gestand, dessen Leichnam nicht nur gefunden, sondern das sie auch die blutigen Fußabdrücke am Boden und selbstverständlich auch die Türklinken, sorgfältig abgewischt hatte. Sie war ja gründlich. Das in des Doktors Haushalt seit nunmehr zwanzig Jahren. Zweimal die Woche.

Ihr Chef bot jetzt wahrlich keinen schönen Anblick. Beide Hände fehlten ihm und da war noch immer jede Menge Blut am Boden. So nah war ihm Leonora mit dem Feudel dann doch nicht aufgerückt.

Sie war im Schock. Dieses Bild ließ sich nicht so leicht wieder abschütteln und als sich eine der beiden Hände von Dr. Bronstett alsbald in den Austern in genau dem Kaufhaus anfindet in er der Geschäftsführer gewesen war, erfahren wir, dass sich die gute Leonora offenbar auch hier bestens auskennt, das es sich um ihren ehemaligen Arbeitgeber handelt. Bei eben dem gelingt es ihr, in ihrem Alter noch einmal eingestellt zu werden. Schließlich fehlt ihr der Job bei Bronstett nach desse Tod und der Zuverdienst.

Zur Vernehmung wird sie auf’s Revier einbestellt und das ist noch nicht alles. Bei einer Notarin war hinterlegt, dass sich des Doktors Putzfrau um die Beerdigung kümmern solle, gegen ein angemessenes und ebenfalls festgelegtes Entgelt. Versteht sich. Die Tochter des Verstorbenen sieht das allerdings nicht ganz ein … 

Yael Inokai, geboren 1989 in Basel, studierte Philosophie in Basel und Wien, sowie Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sie lebt in Berlin und ist neben ihrer Arbeit als Autorin als Fremdenführerin tätig. Für ihren Roman „Mahlstrom„, ihren zweiten, der 2018 erschien, wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Für „Ein simpler Eingriff“ erhielt sie 2022 den Anna Seghers-Preis und 2023 den Clemens-Brentano-Preis. Ihr Debütroman „Storchenbiss“ wurde 2012 veröffentlicht. Yael Inokai kann auch Krimi ist jetzt nach „Die Auster“ zu lesen, als Stilistin wird sie von Kritikern gehandelt.

Für mich war diese Geschichte die erste Begegnung mit ihrem Schreiben. Warum wechselt eine Literatin ins Krimifach und darf ich das dann auch hier erwarten? Einen literarischen Krimi?

Gefunden habe ich beste Unterhaltung und eine Heldin, die mir so missmarpelig wie sie angelegt ist, Freude gemacht hat. Die Hörbuch-Fassung, gelesen von Barbara Stoll ist ausgesprochen kurzweilig und empfehlenswert.

Ein Verbrechen aus Leidenschaft, dachte ich. Das muss es sein, es liegt auf der Hand. Aber ist diese Geschichte tatsächlich so vorhersehbar? Dient die Vielzahl an Figuren die hier auftritt und wieder abgeht einzig der Verschleierung? Bis ins letzte Drittel der Geschichte habe ich mich gefragt, wieso überträgt ein jeder der Reinigungskraft des Ermorderten alle To Dos, die diese dann auch noch scheinbar gelassen erledigt und warum hat sie direkt nach dem Auffinden der Leiche alle Spuren beseitigt? Das ist doch nicht rational, da ist doch was oberfaul?

Wie wird Yael Inokai das auflösen? Ein Kniff, das muss es sein, sie will die Spannung hochhalten, ohne ihren Plot mit weiteren Todesfällen zu überhäufen. Will im Grunde gar keinen Krimi schreiben. Sondern vielmehr eine Milieustudie und das ist ihr gelungen, finde ich.

Für mich besticht Inokai in „Die Auster“ mit Eigenwilligkeit, leichter Lakonie und feinem Gespür für skurrile Situationen, weniger mit klassischer Krimimanier. Die Geschichte ist leichtfüßig erzählt, der trockene, manchmal verschmitzte Humor und die liebenswert gezeichnete Hauptfigur, die mit ihren Schrullen, Unsicherheiten und ihrer ganz eigenen Sicht auf die Welt durch die Szenen huscht, da menschelt es sehr. Man begleitet sie gern, während die Polizei im Dunkeln tappt und wir gleich mit. Wir beobachten mit ihr, erinnern. Der Kontrast zwischen denen, die in diesem Kaufhaus ihr Geld verdienen, die Veränderungen, der Wandel, die der Handel ihnen aufzwingt und denen, die Geld genug haben um hier Austern zu essen und Pelzmäntel zu shoppen, steht zwischen den Sätzen.

Wird es so kommen wie ich denke? Haben wir hier ein Verbrechen aus Rache und Leidenschaft? Ein Gärtner kommt nicht vor, demnach können wir ihn schon einmal als Täter ausschließen. Am Ende angekommen, stelle ich fest, es geht Inokai nicht um die Aufklärung dieser Tat, um das Motiv den Täter oder die Täterin. Es geht um Lebensumstände, allerlei Beschwiegenes, um Verbundenheit und Klassenunterschiede. Um Trauer, Kindesverlust und Freundschaft. Solche die sich finden lässt wo man sie nicht vermutet.

Zwischenzeilig und hintergründig. Wunderbar eingefangen ist er, der Eingangs erwähnte Mikrokosmos Kaufhaus, mit seinen Biografien und Geschichten. Herrlich, wie Inokai mir den Zweifel lässt, welche Rolle sie ihrer Heldin Leonora zugedacht hat. Ein wenig erinnert sie mich dabei an Das Haus in dem Gudelia stirbt von Thomas Knüwer. 

Wer noch in die Ferien darf oder bald wieder Ferien hat, nehmt Leonora mit. Packt sie Euch auf die Ohren. Als Hörbuch macht sie echt Laune.


Verfasst von:

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert