Als ich diesen Roman in die Hand nahm, erinnerte er mich sofort an „Im Rausch der Stille“ des katalanischen Autors Albert Sanchez Piñol, in dem ein irischer Freiheitskämpfer als Wetterbeobachter auf eine Insel am Rand der Antarktis flüchtet, wo er sich seltsamen Wasserwesen gegenübersieht. Er wird in einen Kampf auf Leben und Tod verstrickt und ein Leuchtturm wird zum zentralen und Fluchtpunkt. „Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken.“ Das ist der erste Satz dieses Romans, der mich seinerzeit gefesselt und mit seiner Mehrdeutigkeit sehr beeindruckt hat. Innere Dämonen, die nach uns rufen, gibt es auch bei Diego Muzzio und in der Geschichte reichlich, die ich heute vorstellen möchte. Lust auf ein Abenteuer der besonderen Art am Rand der Welt?
„Nein. Seine Erfahrung als Psychiater hatte ihn gelehrt, dass die Kategorie >normaler Mensch< nicht existierte. Es gab keine >normalen Menschen<. Es hatte sie nie gegeben. Weder vor dem Krieg noch danach.“ Textzitat Diego Muzzio
Goliaths Auge von Diego Muzzio
Er hatte es nur gut gemeint. Mit ihm. Wie ein Sohn war David für ihn und ihn nach dem Krieg so zu sehen, da musste er doch etwas tun. Als Vorstand des British Lighthouse Board, das zuständig war für die Instandhaltung sämtlicher Leuchttürme Schottlands und der Isle of Man, das Ende 1921 von der argentinischen Regierung den Auftrag erhielt, bestimmte Leuchttürme im Süden von Patagonien und Feuerland zu überprüfen, da hatte er sofort an David gedacht. Für diesen Auftrag war er als erfahrener Ingenieur wie gemacht und wieder eine Aufgabe zu haben, würde ihm sicher guttun.
Widerstrebend aber doch, ging David Bradley, im Juli 1922, nach sechstägiger Verspätung und Überfahrt von Buenos Aires in Ushuaia an Land. Seine von den Wetterverhältnissen verzögerte Weiterreise führte ihn schließlich zur Willem-Schouten-Insel, auf der einer der Türme stand, die zu überprüfen waren.
Nachts, umgeben von einem heulenden Wind und einer aufgepeitschten See, setzte ihn das Ruderboot des Versorgungsschiffes, in einer Sturmpause, am felsigen Fuß von Goliaths Auge aus. So der Name des Turms. Während der gesamten Überfahrt hatte ihm der Kapitän alkoholseelig vom letzten Leuchtturmwärter, seinem Vorgänger, erzählt. Der ein Naturwissenschaftler, Professor, verurteilter Mörder, eine arme Seele gewesen war und jetzt tot. Erhängt in eben diesem Leuchtturm habe er ihn gefunden …
Bradley beginnt seinen Dienst, erkennt schwere bauliche Mängel, dokumentiert und räumt auf. Kein Gedanke daran, das man ihn nur wenige Wochen später im Meer treibend aufsammeln wird. Der Tatsache, dass ihn ab da nur noch Sedativa und eine Zwangsjacke davon abhalten konnten Schwimmbewegungen zu machen war geschuldet, dass ihn sein Mentor in die Obhut des renommierten Psychiaters Dr. Pierce gab. Der hatte sich der Hypnose als Behandlungsmethode verschrieben, wurde dafür von Kollegen belächelt. Bei ihm wurde kein Patient mit Elektroschocks traktiert oder eingesperrt. Sein Schwerpunkt lag auf der Behandlung von Kriegstraumata, er wollte eine heilsame, unterstützende Umgebung anbieten, den inneren Gefängnissen kein weiteres, äußeres hinzufügen.
Der Doktor selbst, war im Ersten Weltkrieg gewesen und hatte Dinge gesehen, die ihn nicht mehr losließen. Er verstand besser als jeder andere, welche Dämonen diese Männer heimsuchten, die man ihm zur Therapie anvertraute und auch er kämpfte. Mit einem inoperablen Granatsplitter, der sich in seinen Schläfenlappen gegraben hatte und der ihn regelmäßig mit unerträglichen Kopfschmerzen niederwarf.
Diego Muzzio, geboren am 1969 in Buenos Aires, lebt heute in Le Mans, Frankreich. Muzzio studierte Literatur und Fremdsprachen, veröffentlicht Gedichte, Kurzgeschichten und Romane, für die er mehrfach preisausgezeichnet wurde. So auch für Goliaths Auge, für den er 2024 den Kónex Foundation Award und 2023 den Medifé Filba Foundation Award erhielt.
Was für ein Einstieg! Was für eine Kulisse! Alles was wir von dieser Insel am Rand der Welt erfahren stammt aus erster Hand. Wir dürfen David Bradleys Tagebucheinträge lesen. Zurückgeworfen auf sich selbst versucht er seine Aufgabe, die Inspektion des Turms, zu erledigen. Nur am Morgen, wenn die kreischenden Seevögel verstummen, findet er für zwei Stunden Schlaf. Er entdeckt das Grab seines Vorgängers. Das ist wirklich grausig! Dessen Hinterlassenschaft. Dessen Geschichte. Die eines offenbar kranken Geistes. Die See entreisst ihm seinen Proviant, er muss jagen, fischen, stürzt und verletzt sich. Das Trinkwasser geht ihm aus.
Geisterhafte Stimmen, Geräusche und Gerüche halten uns Lesende und ihn in Atem. Diego Muzzio balanciert verbal auf dem schmalen Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit wie ein Seiltänzer. Das fand ich großartig und das wir das in unserer Muttersprache so genießen können verdanken wir der grandiosen stimmungsvollen Übersetzung von Kirsten Brandt.
Brandt, die für ihre Übersetzungsarbeiten aus dem Spanischen, Katalanischen und Portugiesischen ebenfalls vielfach ausgezeichnet wurde, hat diesen Text für den mare Verlag, (Merci, für dieses Besprechungsexemplar) in Deutsche übertragen. Auf dem Buchrücken rät der Verlag, beim Lesen das Licht anzulassen und sich warm anzuziehen, wenn man diesen Roman zur Hand nimmt und dem kann ich nur zustimmen. Es gibt hier keine Kulissen und kein Setting. Hier sind Natur und Schauplätze, neben Zwischzeiligem, echte Gänsehautgaranten.
Schaurig schön wie eine Sturmnacht, düster, geheimnisvoll und atmosphärisch dicht, eine Geschichte wie gemacht für den Herbst und seine aufziehenden Nebel.
Diego Muzzio ist ein Antikriegsroman und ein Schauerroman erste Güte gelungen. Mit den großen Namen dieses Genres, Edgar Allan Poe oder Mary Shelley kann er für mich locker mithalten, seine Hommage an Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist gekonnt mit seiner Geschichte verwoben.
Schon nach wenigen Seiten war ich von der Atmosphäre des Romans eingenommen. Der Sturm pfiff mir eiskalt um die Ohren, meine Nackenhaare stellten sich auf. Muzzios Sprache bleibt dabei ruhig und fließt, wie ein Strudel zieht er mich immer tiefer in eine Welt hinein, in der Realität, Erinnerung und Wahrnehmung ineinanderfließen. Eine unterschwellige Spannung entsteht, die sich aus der ständigen Ahnung nährt, dass hinter dem Sichtbaren noch etwas anderes verborgen liegt.
Diego Muzzio zeichnet seine poetischen Bilder, ohne das seine Prosa überladen wirkt. Viele Formulierungen besitzen eine stille Schönheit und verleihen dem Text eine besondere Dichte. Diese Sprache konsumiert man nicht einfach, man liest bewusst, das war etwas was ich hinter einem Schauerroman nicht vermutet hätte und was mich sehr für die Geschichte eingenommen hat.
Neben den perfekt eingebundenen Schauerelementen findet man nachdenkliche, bestürzende Bilder, die mich an Erich Maria Remarque und sein Im Westen nichts Neues haben denken lassen, der Held von Muzzios Geschichte wird 1917 bei der Schlacht an der Somme schwer verletzt, diese Mischung macht Goliaths Auge zu einer intensiven, einer bereichernden Lektüre.
Mich hat dieser Roman über den 7.8. begleitet, an diesem Tag steht Der Tag des Leuchtturms im Kalender. Man feiert diese Bollwerke der Beständigkeit alljährlich dafür, dass sie für Schiffe und Boote Sicherheit auf See symbolisiert. Bei Muzzio habe ich den Leuchtturm als Metapher für das innere Gefängnis seiner Protagonisten gelesen und wie es sich für eine klassische Gothic Novel gehört, ist er in diesem Fall gleichtzeitig das unheimliche Gemäuer.
Es hat nicht nur eine zerrissene, geheimnisvolle Gestalt, Zwischenweltliches und eine Tierwelt, die außer Rand und Band gerät. Die bedrückende und melancholische Grundstimmung wird von den Elementen Wind und Wasser in ihrer spektakulärsten Form ergänzt und so, wie man es bei Geschichten aus dem mare Programm liebt. Genauso stimmig verschränken sich die beiden Erzählebenen miteinander. Unglaublich was hier auf rund zweihundert Seiten Platz findet. Da ziehe ich meinen Hut.
Wohltuend hebt sich dieser Roman von dem ab, was sich auf den Tischen der Buchhandlungen meines Vertrauens und in den meisten Verlagsprogrammen in letzter Zeit so finden lässt. Manchmal bin ich es müde noch eine Familien- und Mutter-Tochtergeschichte, noch eine Spurensuche in die Vergangenheit zu lesen. Wo bleibt das Abenteuer? Wo ein Blick in die Geschichte, der uns auf andere Art und Weise mitnimmt? Ihr fragt Euch das auch? Bitte sehr. Hier ist er. Ein Roman den ich genau auch deshalb sehr gerne empfehle.

Schreibe den ersten Kommentar