Contrapposto (Dave Eggers)

Das geht schon mal gut los, dachte ich googelte den Titel dieses Romans und lernte. Contrapposto, ist ein feststehender Begriff in der Kunst, er beschreibt ein wichtiges Gestaltungsprinzip. Genauer eine Körperhaltung, bei der das Körpergewicht auf dem Standbein ruht, das andere Bein leicht gebeugt ist, wodurch das Becken absinkt, die Schulterlinie wird gegenläufig gedreht, et voilá, eine so dargestellte Figur wirkt lebendig und so als könne sie gleich los laufen. Erfunden hat das nicht der Autor dieses Romans, sondern die alten Griechen. Sie nutzten diese Art der Darstellung bereits in der Antike, wiederentdeckt und wiederbelebt wurde die Pose dann in der Renaissance, auch Michelangelo verwendete sie. Darum wird es also in diesem Roman gehen, um das Zeichnen, die Kunst, dachte ich und da hatte sie mich am Haken. Warum ich im Laufe des Lesens (und Hörens) immer mehr vom Haken gegangen bin, erzähle ich gleich, fangen wir am Anfang an.

Contrapposto von Dave Eggers

Robert alias Cricket, die Hauptfigur, lernen wir kennen, da ist er zehn Jahre alt und der Keller seines Großvaters Silas, der hier inmitten von Pflanzen lebt und der nach eigener Aussage mit vierzehn Jahren sein zu Hause hinter sich gelassen hatte, ist seine Zuflucht. Der neue Mann seiner Mutter, ist ein Scheusal, er hat wenig Verständnis für Crickets Leidenschaft. Das Zeichnen.

Dieser Mann, der war wie schlechtes Wetter das aufzog, schlug seine Mutter, die wehrte sich zwar, auch mit den Fäusten, aber bis sie diesen Typen abschüttelt, wird es noch etwas dauern.

Als sein Großvater stirbt verlässt ihn der Mut, den aber findet seine Mum und ihre Flucht gelingt. Sie gibt Cricket zum Malunterricht an zwei Schwestern. Eine unterrichtet Cricket und die andere ein reiches Mädchen, Olympia, sie zieht Cricket an wie ein Magnet. Die Bahn auf die sie ihn bringt, verläuft alles andere als schnurgerade, wie konkret sie zu wissen scheint was sie vom Leben will, beeindruckt den suchenden Cricket und eine verhängnisvolle Beziehung nimmt ihren Anfang …

Jahre später, wird Olympias Vater wegen Insiderhandels verhaftet und sein Vermögen eingefroren werden. Was den Kaprizen seiner Tochter ein Ende setzt. Will sie ihren Doktor noch machen und Museumsdirektorin, Herrin über ein ganzes Haus voller Kunstwerke werden (ihr Wunsch und Vorhaben), muss sie auf eine staatliche Uni wechseln und das tut sie. Sie zieht den vier Jahre jüngeren Cricket mit, der jobbt und noch immer nicht weiß wohin mit sich. Der sein Talent brachliegen lässt. Sehr zu ihrem Missfallen …

Dave Eggers, us-amerikanischer Autor, Drehbuchautor, Herausgeber und studierter Journalist, geboren am 12. März 1970 in Boston, Massachusetts, lebt heute mit seiner Familie in der Bucht von San Francisco. Eggers wurde mit zahlreichen Preisen für sein Schreiben ausgezeichnet, er war 2001 Pulitzer-Preis-Finalist und gilt als scharfer Kritiker von US-Präsident Donald Trump. Mit seinem Schreiben hatte ich zum ersten Mal Kontakt durch und mit seinem visionären Roman The Circle, der 2014 erschien und für dessen Verfilmung aus dem Jahr 2017, mit Emma Watson und Tom Hanks, Eggers auch das Drehbuch geschrieben hat. Als Dystopie angelegt durfte man diesen Roman auch politisch lesen und die Machenschaften eines Tech-Riesen, die Zustände in dessen innerem Kreis, die nachgezeichnet werden, kann man aus heutiger Sicht als Vorhersehung werten. Die Geschichte wurde zum Bestseller, zurecht wie ich finde. Als sein aktueller Roman Contrapposto überraschend in meinem Briefkasten landete, noch dazu mit einer persönlichen Empfehlung aus dem Team von Kiepenheuer & Witsch, lieben Dank dafür, liebe Mona, war ich „on fire“. Kunst in der Literatur ist mein Ding. Am liebsten zwar, wenn es um reale Figuren geht, aber hey, Eggers kannte ich genau dafür, reale Figuren auf Papier zu erschaffen.

„Kunst schaffte Erinnerungen, hielt fest was war.“ Textzitat Dave Eggers

Es hat kluge Sätze in dieser Geschichte. Übersetzt hat sie stimmig Andrea O’Brian. Teils deuten und interpretieren sie Kunst, was mir gefallen hat. Sie sezieren den Kunstbetrieb, versuchen eine Erklärung zu finden, was den Erfolg in diesem Business ausmacht. Talent ist es nicht. Es geht vielmehr um Geschäftssinn, ein geschicktes Mentoring und darum zu erschaffen, was sich verkaufen lässt, will man davon leben. Gut leben, sehr gut sogar, kann in diesem Roman ein Künstler, der am Ende an seine Werke garnicht mehr selbst Hand anlegt. Er lässt arbeiten, nimmt ab und signiert. Sein Name, längst eine Marke, sorgt dann für klingelnde Kasse.


Diesen Teil von Eggers Roman mochte ich, aber bis man bis zu ihm hinkommt, vergehen fast zwei Drittel der 496 Seiten. Auf den ersten rund 200 Seiten ist viel „Coming-of-Age-Erzählen“, sie verbraucht Dave Eggers damit, das Aufwachsen von Cricket dialogreich auszugestalten, dass er aus eher armen Verhältnissen kommend, eine Außenseiterrolle einnimmt, das hatte ich rasch verstanden. Freute ich mich zu Beginn noch darüber, dass der Roman sich flüssig liest, strengte mich seine Dialoglastigkeit im weiteren Verlauf mehr und mehr an.

Alles wird ausgesprochen und erklärt. Jegliches Verhalten wird wortreich ausgeschmückt, ob Pflanzen im Raum sind oder nicht scheint wichtig, alternativ verfolgen wir die Gedanken von Cricket oder Olympia und du meine Güte, ist die überdreht. Hält sich als junge Frau für die Reinkarnation von Albert Camus. Dieses beschreibend Plaudernde, für mich an der Oberfläche der Figuren Verbleibende, hat mich die Jubelstürme, die das Erscheinen des Roman in der Presse begleiten, nicht teilen lassen.

Da war einiges was mich an der Story störte, noch kein Teenager, da beginnt Cricket beispielsweise einen Kurs im Aktzeichnen, was ich reichlich unglaubwürdig fand, dass man ihn in diesem zarten Alter in einem solchen Kunstseminar aufnimmt, ohne Zustimmung der Eltern. So fällt dann auch seine Mutter aus allen Wolken, als eine Bekannte es ihm ermöglicht seine ersten Zeichnungen in der örtlichen Bibliothek auszustellen, allerdings ohne zu wissen, was sie darstellen. Ein Riesenwirbel ist die Folge, die Polizei beschlagnahmt „das Ärgernis“.

Theorien, Interpretationen und offene Kritikrunden. 

Abseits der Uni findet Cricket einen Lehrer, der ihm die Augen öffnet und einen Job verschafft, der erstmals seiner Kreativität Rechnung trägt. Als Schildermaler.

Dann kommt der Krieg. Der Krieg im Iran. Konzeptkunst wird zum Protest. Cricket, Olmpia und ein guter Freund, Jet mittendrin. Die Offensive der USA im Nahen Osten dauert vier Tage und Crickets Freund Jet stirbt in Kuwait.

Gärtner, Abwracker, Kopist, Galerist. Crickets Lebenslauf fährt Achterbahn und Eggers folgt ihm. Rund um den Globus. Dabei gewinnt und verliert er. Olympia immer wieder.

Ich mag es sehr über Kunst in der Literatur zu lesen und finde es faszinierend einzutauchen, wenn jemand dabei ist mit Pinsel oder Stift gestalterisch seine Stimme zu finden. Das hat mir auch in den Szenen der Geschichte gefallen, die sich damit beschäftigen. Die Widerstände mitzuerleben, die an Crickets Uni entstehen, wo es darum geht, die auszugrenzen, die malen was sie sehen und nicht abstrahieren, ist spannend und unglaublich. Was ist Kunst? Wem steht es zu darüber zu befinden? Für mich ist es Kunst, wenn ich auf ein Bild oder auf eine Skulptur reagiere, sie, es, nicht nur betrachte. Wenn dabei etwas mit mir geschieht.

Was macht es mit Kunstschaffenden, wenn Kunstbetrieb und Betrachter nicht mit dem einverstanden sind was man auf die Leinwand gebracht, wenn man sein Herz auf’s Papier geworfen hat?

Warum teilt mein sein Leben nicht mit einem Menschen den man liebt? Was ist dieses flatterhafte im Wesen von Eggers Figuren? Muss man so sein um Kunst zu verstehen?

I dont know. Allerdings hatte ich genau damit zu kämpfen. Mit der Eigenwilligkeit dieser einen Figur. Olympia. Die sich nimmt was sie will, die nur nach ihren Regeln spielt, auch mit Cricket. Der hängt an ihrem Haken, verzeiht und versteht. Bedingungslos. Vielleicht war es auch diese Kombi aus Liebesgeschichte verwoben mit dem Traum etwas Bleibendes, etwas von Wert zu erschaffen, die für mich nicht aufging, weil diese Tändelei zu sehr im Vordergrund stand.

Mehr als einmal wollte ich den Roman zu- und nicht wieder aufschlagen. Tat es dann doch. Weil ich wissen wollte wo mich das hinführt. Ob dieser Pathos, der Weltschmerz, die Ziellosigkeit, das Unstete, am Ende in der Kunst einen Anker haben wird. Und?

Torben Kessler war es schließlich, der mich mit seinem Vortrag in der Hörbuch-Fassung auf die ich ausgewichen bin, bei Laune und bei der Stange gehalten hat. Ob uns die Kunst am Ende retten kann? Vielleicht. In jedem Fall kann es die Schönheit. Sie liegt im Auge eines jeden Betrachters und damit, das Dave Eggers zeichnen kann und wie wunderbar er den letzten Vorhang dieses Romans illustriert hat, möchte ich meine Rezension gerne enden lassen. Beim Lesen ist es wie in der Kunst. Die eigene Vorliebe entscheidet darüber was gefällt.

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