Territorium (Sabrina Janesch)

Wem gehört ein Land? Denen, die es bewohnen? Denen, die wirtschaftlich darüber verfügen? Denen, die militärisch stärker sind? Oder am Ende denen, die ihre Version der Geschichte durchsetzen können? 1993 unterzeichnete der damalige US-Präsident Bill Clinton die Apology Resolution, in der sich die USA bei den Hawaiianern entschuldigten ihr Königreich beseitigt zu haben. Offiziell wurde Hawaii am 21. August 1959 zum 50. und jüngsten Bundesstaat der USA. Siebzig Jahre zuvor hisste man in Honolulu, nach einem Putsch, der 1893 von amerikanischen Großkapitalisten initiiert worden war, das Sternenbanner. Die amitierende Königin des Inselstaates Lili’uokalani musste abdanken. An die Spitze einer provisorisch eingesetzten Regierung rückte Sanford Ballard Dole, Geschäftsmann, Jurist und Sohn eines Missionars. Noch heute finden sich in unseren Supermärkten Ananasdosen der Firma Dole.

In ihrem aktuellen Roman Territorium entführt uns Sabrina Janesch hierher: Ins Hawai‘i des Jahres 1893. Drei Frauen rückt sie ins Zentrum ihrer Geschichte, die hawaiische Königin Lili‘uokalani, ihre deutsche Vertraute Gertrude Wolf und die Journalistin Emma Nāwahī.

Wer Sabrina Jannesch kennt, weiß wie akribisch und fundiert sie recherchiert. Wer ihr bei Instagram folgt, so wie ich das begeistert tue, konnte sich in den Wochen vor Erscheinen von Territorium ebenfalls nach Hawaii entführen lassen. Janesch teilt dort Eindrücke ihrer Recherchereise und dokumentiert die Schönheit der hawaiianischen Inseln, die ich selbst auch vor rund sechsundzwanzig Jahren erleben durfte. Vielleicht fühlt ich mich ihrer Geschichte auch genau deshalb so verbunden:

Territorium von Sabrina Janesch

So viel Hoffnung. So viel Zukunft. Alles dahin. Diese Vision kann nicht wahr sein. Darf nicht wahr sein. Kein Wunder, dass dem Frl. Wolf, Gertrude mit Vornamen, buchstäblich der Kittel brennt und danach die Veranda. Schuld hat eine Opiumpfeife, die ihr eigentlich hatte Ruhe bringen sollen nach dem was geschehen war. Ruhe bringt ihr, nach einem erfolgreichen Löschversuch mit Hibiskuslimonade, der ihre verbrannten Schienbeine zutage fördert, die Besucherin, die jetzt vor ihr steht auch nicht. Kann sie nicht. Von Berufswegen quasi. Emma Nāwahī war nicht umsonst Journalistin, ehemalige Hofdame und immer noch Vertraute von Hawaiis Königin Lili’uokalani. Die führte eine spitze Feder, nachdem sie das Amt als Gesellschaftsdame der Königin an die Deutsche Gertrude Wolf abgetreten hatte. Das Frl. Wolf, in einem früheren Leben Medium, war mehr Beraterin denn Gesellschafterin, offiziell allerdings die Deutschlehrerin der Königin. Heute allerdings hatte man ihr die Palasttür vor der Nase zugeschlagen.

Geputscht. Das hatten sie. Emma erklärt das unmissverständlich. Die Zuckerbarone, allen voran Lorrin Thurston. Der Heuchler und Amerika Freund. Lili’uokalani war abgesetzt, eine provisorische Regierung eingesetzt, ihr Präsident: Sanford Ballard Dole. Der Ananaskönig.

Es brodelte seither in Honolulu und nicht nur dort. Waffen wurden versteckt, Seilschaften geknüpft, eine Rebellion im Geheimen vorbereitet. Wer noch Freund ist und wer Feind war unklar und auch ob der Zweck die Mittel, sprich die Waffen heiligt. Die Königin schwört eine Freundin ein, während eine andere radikalere Pläne fasst.

Steine haben Ohren und alles hat Augen, schreibt Sabrina Janesch, niemandem konnte man mehr vertrauen. Ich werde mitgerissen, im Strudel der Ereignisse.

Wie stiehlt man ein Land? Wie geht das? Lässt Sabrina Janesch nach einem furiosen Auftakt ihrer Geschichte die Journalistin Emma Nāwahī fragen.

Man hatte inzwischen, nach dem Putsch, alle entlassen. In den Ministerien, in den Redaktionen, diejenigen, die der neuen provisorischen Regierung kritisch gegenüberstanden und hatte sie ersetzt. So ging das.

Aus Scheiße machte man hier Gold, Pardon, genauer aus Guano, Telegramme erreichen per Schiff das Archipel, ein Mediator, eingesetzt von US-Präsident Cleveland soll die Lage sondieren und zur Klärung der Haltung der USA beitragen. Ließ sich das als gute Nachricht werten? Auch, das diese beiden Männer offenbar zu interessieren schien was die Hawaiianer wollen?

Es spuckte im Snow Cottage, kein Einheimischer würde freiwillig einen Fuß über diese Schwelle setzen, genau hier quartierte man den Mediator aus Amerika ein.

Derweil flogen im deutschen Herren-Club Drinks in die Gesichter von Kontrahenten. Angesichts dessen was die Insulaner wert sind, da war man sich eineindeutig uneins. Rasch entstehen zwei Lager und man stritt sich erbittert. Rüstete zum Kampf …

Sabrina Janesch, geboren 1985 in Gifhorn hat Kulturwissenschaft und Polonistik studiert. Sie lebt und schreibt ausgezeichnete Romane in Münster. 2017 erschien mein Lieblingsbuch von ihr Die goldene Stadt über den deutschen Entdecker von Machu Pichu, August Berns. Für diesen Besteller wurde sie mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis ausgezeichnet. Sibir erschien 2023, auch diese Geschichte ein Meisterwerk der Realfiktion. Meine Beiträge zu beiden Romanen findet ihr nachstehend verlinkt.

Janesch greift auch diesmal mit beiden Händen in die Geschichtsbücher und fördert ein Geschehen ans Licht, das aktueller nicht sein könnte. Die USA greifen nach einem Land. Dieses setzt sich zur Wehr. Aktuell ist der Presse zu entnehmen, dass die US-Regierung aktiv um Grönland und Island wirbt. Bodenschätze und/oder eine strategisch bedeutsame geographische Lage machen sie wertvoll. So wie seinerzeit die Inseln von Hawaii auf dem Handelsweg nach China …

Was tut man, wenn man weiß, dass man verlieren könnte?
Und was bedeutet Würde in einem Moment, in dem einem fast jede Macht genommen wurde?

Janesch erzählt von einem Land, das für die einen Heimat und für die anderen zunehmend eine Ressource ist. Genau hier liegt für mich die besondere Kraft des Romans. Janesch macht deutlich, wie sich koloniale Macht nicht nur durch offene Gewalt ausbreitet. Sie beginnt viel früher – in Begriffen, in Besitzansprüchen, in wirtschaftlichen Interessen, in der Vorstellung, ein fremdes Land könne Gegenstand der eigenen Verfügung werden.

Sie erzählt von den Frauen und Männern der Geschichte in ihrer Geschichte. Von Rebellinnen, Rebellen, Zauderern und Anführern, indigenen Traditionen, von Sanftmütigen und Bewahrern. Alle haben ihren Platz, ihre Rolle und das Schicksal weist sie ihnen zu. Das ist, finde ich, großes Erzählkino, das einen mitfiebern lässt.

Mit diesem Roman schlägt sie ein Kapitel der Weltgeschichte, des Weltgeschehens auf, dass in Vergessenheit geraten ist und einmal mehr beweist sich, dass sich der Kreis der Geschichte offenbar immer wieder auf’s Neue und aus den gleichen Motiven schließt. Geld regiert die Welt. Kein Zweifel daran. Damals wie heute.

Das farbenfrohe, das Paradiesische der hawaiianischen Inseln fängt Sabrina Janesch perfekt und stimmungsvoll ein. Ihre Landschaftsbeschreibungen haben etwas Soghaftes. Man riecht beinahe die tropische Vegetation, spürt Hitze und Feuchtigkeit, sieht das Meer. Doch diese Schönheit wird nie zur bloßen Postkartenkulisse. Im Gegenteil: Je schöner die Landschaft erscheint, desto stärker empfand ich die Bedrohung, die über ihr liegt.
Das Paradies bekommt Risse.
Und irgendwann wird klar, dass es vielleicht immer schon eine Illusion gewesen ist – zumindest für diejenigen, die von außen auf Hawai‘i blickten.

Die Haptik und Ausstattung dieses wunderbaren Romans aus dem Rowohlt Verlag, lieben Dank für dieses sehr gewünschte Besprechungsexemplar, liebe ich sehr. Antiquarisch angehaucht ist das Papier nicht blütenweiß, es wirkt wie aus einer anderen Zeit und auch die Karten, die auf den Vorsatzpapieren abgedruckt sind, sprechen diese Sprache. Sie umfangen die Geschichte so herrlich passgenau und stimmig, dass sie neben der goldenen Stadt einen Regalehrenplatz in meiner Bücher-Apotheke erhalten wird.

Bemerkenswert ist auch, dass Janesch mit Gertrude Wolf eine deutsche Figur in diese Geschichte einführt. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Blick auf die europäischen Verflechtungen des hawaiischen Königreichs und auf eine deutsche Gemeinschaft, die selbst zwischen Loyalitäten, Interessen und politischen Umbrüchen steht. Die Geschichte Hawai‘is erscheint dadurch nicht als isolierte Inselgeschichte, sondern als Teil einer globalen Geschichte von Migration, Handel, Kapital und Imperialismus.
Vielleicht ist das die größte Leistung dieses Romans: Janesch holt ein historisches Geschehen aus der scheinbaren Peripherie ins Zentrum. Sie zeigt, dass „Randgebiete“ nur aus einer bestimmten Perspektive existieren. Für die Menschen, die dort leben, ist ihr Land niemals Rand, sondern Mittelpunkt. Das Territorium, um das politische Mächte ringen, ist für sie Heimat.

Ich habe beim Lesen immer wieder über die Diskrepanz zwischen dem touristischen Bild vom Inselparadies und der Geschichte dahinter nachgedacht. Palmen und Meer sind eben nicht die ganze Geschichte. Hinter der schönen Oberfläche steht ein Land mit einer eigenen Kultur und einer eigenen politischen Geschichte – und mit dem schmerzhaften Wissen, dass diese Geschichte von anderen Mächten geprägt und teilweise überschrieben wurde.
Das hat mich noch nach der Lektüre beschäftigt.
Ihre sinnliche, beinahe poetische Beschreibung einer Welt auf der einen Seite und die zunehmend bedrückende politische Entwicklung auf der anderen habe ich sehr gefeiert.

Meine klare Empfehlung geht an alle, die historische Romane mögen, die mehr wollen als Kostüme, Kulissen und vergangene Liebesgeschichten. Territorium erzählt großartig! Von Macht, Heimat und Verlust – und davon, wie schwer es sein kann, die eigene Geschichte zu bewahren, wenn andere längst begonnen haben, sie umzuschreiben.

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