Es gibt Geschichten die sind unfassbar. Unfassbar, für mich, weil ich mich frage, wie man so schreiben kann. Sätze fließen, weil es kaum einen Punkt hat der ihnen ein Ende gebietet. Satzenden werden köstlich hinausgezögert. Auf engstem Raum passiert ganz viel und man staunt. Folgt atemlos Satz um Satz. Nickt und denkt, genau. So ist das.
So ist das bei mir und Marlen Mairhofer. Sie hat mich überrumpelt, überrascht und begeistert. Mit dieser Geschichte von ihrer Alice. Einer Geschichte, die hinter einem Cover steckt, das jetzt mal ehrlich, das wohl schönste dieser Saison ist und das mich und wahrscheinlich nicht nur mich, an eine andere Alice erinnert. An Alice im Wunderland. Eine meiner liebsten Geschichten von Lewis Carroll, erschienen 1865. Nicht nur ich bin Fan von Alice im Wunderland, sie ist und war ein Bestseller, verehrt unter anderen von Königin Viktoria und Oskar Wilde. Als teuerstes Kinderbuch wurde 1998 eine Erstausgabe von Lewis Carrolls Alice für 1,5 Mio US-Dollar versteigert.
Dieses Assoziieren mit Alice im Wunderland ist, wenn man auf das Debüt von Marlen Mairhofer schaut kein Zufall. Wer aufmerksam liest, wird einiges entdecken, was an Carrols Alice erinnert. Allerdings halten wir mit diesem Roman viel mehr in Händen als eine Adaption oder Nacherzählung. Frisch, modern und leicht schrägt, steht auch bei Mairhofer ein Mädchen im Zentrum, eines das wir beim Erwachsenwerden begleiten und das, in dem wir vom Hunderstel ins Tausendenstel kommen. So herrlich kleinteilig und mit großer Liebe zum Detail wird hier erzählt und wenn es eine Meisterschaft für Bandwurmsätze geben sollte, dann ist diese Autorin konkurrenzlos. Sie überschreibt ihr erstes Kapitel mit Alice fällt und dann geht es auch schon los, dieser erste Satz, aus dem ich gleich einen Auszug zitiere endet erst mit Beginn von Kapitel zwei …:
…, Alice fällt in die Liebe hinein und aus der Liebe heraus, Alice fällt ins Bett, Alice fällt in Arme, Alice fällt und steht wieder auf, Alice rollt eine Wiese hinunter im Sommerkleid, man kann ihre Strümpfe sehen, Alice fällt etwas ein, Alice fällt etwas auf, Alice fällt über ein Stück Kuchen her unter einem wohlwollenden und einem mahnenden Blick, Alice fällt hart und landet weich, Alice fällt in einen Roman, nein, eine Zeitschrift, Alice stolpert über die Teppichkante und reißt mit dem Tischtuch den Wecker, die Teekanne, die Teetassen, das gute Geschirr, eine Cremetorte, eine Maus. das Silberbesteck mit sich, …
Mairhofers Alice mochte ich wie Keine, spontan und sofort. So oft habe ich mein Nicken gespürt. Sie macht und tut, oft ist es nicht das, was man von ihr erwartet. Sie mag das Schwimmen nicht lernen, ein Tag am Meer endet ohne Schwimmärmchen dafür mit einem unstillbaren Weinkrampf. Sie kämpft und verliert, klettert auf Bäume, den Kompost, muss Mädchendinge aushalten und erleben, ihr wisst was ich meine, sie liebt und schimpft, rennt und schreit. Findet und verliert Freunde und Freundinnen, entscheidet falsch und dann wieder richtig. Schaut auf ihr Spiegelbild in einem stillen Gewässer, zögert und wirft und dann kommt eines der schönsten Romanenden, das ich je gelesen habe und fasst in einem einzigen Satz zusammen, was die Essenz dieses wahrhaft virtuos, traumwandlerisch sicher komponierten Textes ist.
Marlen Mairhofer, geboren 1991 in Steyr, hat Germanistik studiert und lebt in Salzburg. Für ihr Manuskript von Alice wurde sie mit dem Theodor Körner Förderpreis ausgezeichnet wir dürfen jetzt, ihren wunderbaren Debütroman lesen, erschienen ist er im Verlag JUNG UND JUNG, ich bedanke mich für dieses Besprechungsexemplar. Unerhört und frech und klug ist er, Mairhofer schreibt für uns Mädchen meint ihr Verlag, für alle Mädchen, ich meine, so habt ihr über das Kindsein noch nicht gelesen. Also ich jedenfalls nicht. Mich hat sie mit dem Katapult zurück geschossen in die Zeit des Wachstumsschmerzes und des Abstandes zur Welt der Großen. Als es noch so war, das man nicht werden wollte wie sie. Warum auch.
Marlen Mairhofers Aufzählungen haben mich vorwärts getrieben, atemlos vor Staunen über ihr Sprachkunstwerk, das es versteht seine Handlung auf nur 128 Seiten zu verdichten, ist mit der Mund offen geblieben.
Sie muss die Wörter auf der Füllerspitze ausbalanciert haben um diese funkelnden Sätze ans Licht zu befördern. Dieses Erzählen, diese reine, unverfälschte Formulierlust, steht so für sich allein, ich fand’s einfach nur großartig. Mir gehen die Superlative aus.
Nur zu gerne würde ich Passage um Passage zitieren, damit ihr versteht wenn ich sage, dass sich hier die Sätze verschränken wie Hände, die immer wieder unterstützend und haltend ineinander greifen. Die Gedanken scheinen einander zu überholen und viel zu schnell ist man am Ende von Alices Geschichte angelangt, die zwischen den Sätzen immer wieder auch vor und zurück springt in der Zeit, zurück schaut auf das Kind, das die erwachsene Alice gewesen ist. Dabei bleibt sie leichtfüßig wie ein Bergbach, der fröhlich über die Steine in seinem Bett hüpft. Kristallklar wie sein Wasser ist Mairhofers Sprache und auf den Punkt genau. Sie trifft den Kern der Dinge mit nur wenigen Worten und mich mitten in mein Leseherz.
Ihre Anleihen bei der anderen Alice, der von Lewis Carroll, sind feinsinnig eingewoben, herrlich zwischenzeilig, immer wieder blitzen Figuren und Parallelen auf und auch dafür habe ich diesen außergewöhnlichen und bemerkenswerten Text gefeiert. Das ist großes Kino, ehrlich! Liebe Buchpreis-Jury, dieser Titel fehlt auf Eurer Longlist!

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