… was wir auch am Tage
John Milton, Das verlorene Paradies
wegbrechen, schneiden, stützen oder binden, in ein, zwei Nächten spottet üppiger Wuchs, zu Wildem strebend.
Unsere Erde könnte eine Scheibe sein oder hohl. Letztere Theorie vertrat der 1656 bei London geborene Astronom und Mathematiker, Kartograph, Geophysiker und Meteorologe Edmond Hailey. Die moderne Geowissenschaft hat diese Annahme mittels seismischer Messungen längst widerlegt, wie schräg, wenn man dieser Tage auf jemanden trifft, der im Brustton der Überzeugung davon berichtet, dass es in einer Höhle einen Übergang zwischen Innen- und Außenwelt gibt und das Berichte, der eines Pastors sogar, der auf der Suche nach seinem Hund in die Innenwelt und zu deren freundlichen Bewohnern gelangt sei, dies belegen täten. Ich sehe Euch den Kopf schütteln und ich tue es auch. Wie würden wir wohl reagieren, wenn wir auf eine Gemeinschaft träfen, die diese These als Wahrheit angenommen hat? Daniel Mason lässt in seinem neuesten Roman, seine Hauptfiguren, im Herzen von Vermont auf Menschen treffen, die daran, die an eine andere Wahrheit glauben und auf solche, die einer Miliz gleich durch die Wälder streifen, auf Apfelbauern, die vermeintlich biologisch wirtschaften, deren Ehefrauen, dies aber geschickt unterminimieren.
„Das könnte alles mehr als mitleiderregend klingen, aber dazu liebte er die Bücher zu sehr, die Geschichten darin und die Pfade, auf die sie ihn führten, das Kurzweilige, das Überlebensgroße, das Unmögliche.“ Textzitat Daniel Mason
Landleute – von Daniel Mason
Als wenn das so einfach wäre. Sich auf das Thema einer Doktorarbeit festzulegen. Für Miles ist es alles andere als das. Ein Blick auf Züge, die in den Arbeiten von Tschechow vorkommen lohnten einen umfassenden Blick oder vielleicht doch eher Tolstoi, nein lieber doch die Bauern und Landleute in russischen Volksmärchen.
Bis er darüber Klarheit hat, ist Miles eben Hausmann und Vater und jetzt hier. In Vermont. Auf dem Land. Nacht für Nacht erfindet er die absonderlichsten Kreaturen und kleine Monster für die Gute-Nacht-Geschichten seiner Kinder und mit einem unbedarften Satz löst er bei seinem Sohn eine Angststörung aus, die sich so leicht nicht wieder einfangen lässt.
Der bevorstehende Vermonter Winter ist mit seiner Dunkelheit semihilfreich, diese abzuwenden, Die Idee, alle lernen, weil es sonst nichts zu tun gibt, das Skifahren. Oder auch nicht, denn Miles verletzt sich prompt sein Knie. Ist über Wochen lahmgelegt.
Das Schnee auch jegliche Spuren verwischen kann, lernen Miles und seine Frau schmerzlich, als an einem dieser Winterabend ihre kleine Tochter verschwindet …
Daniel Mason, geboren 1976, studierte Biologie und Medizin in Havard und arbeitet als Schriftsteller, Psychiater und Assistenzprofessor für Psychatrie am Stanford Hospital und lehrt Literatur an der Universität Stanford. Noch im Medizinstudium schrieb er seinen Debütroman Der Klavierstimmer ihrer Majestät. 2020 erschien Der Wintersoldat, der mit dem Joyce Carol Oates Literary Prize ausgezeichnet wurde. Autorenkollege Mick Herron und die Schauspielerin Sarah Jessica Parker, sind wie das amerikanische Feuilleton begeistert von seinem aktuellen Roman, loben ihn als einfühlsam und lebensfroh. Für mich ist es der vierte Roman von Daniel Mason, meine Besprechungen zu den Vorgängertiteln erreicht Ihr wie gewohnt über ein Klick auf die eingefügten Cover am Ende dieses Beitrages.
Mir hat es dieser Roman nicht leicht gemacht. Ein erfolgloser Apfelbauer, ein zielloser Autor, die Auswirkungen einer Superrattenlinie, eine immerwährende Radiosendung, Verschwurbelungstheorien und skurrile Begegnungen. Normalerweise mag ich fragmentarisches Erzählen, auch solches über besondere Gemeinschaften und Zusammenhalt, aber in diesem Fall türmt sich einfach nur Merkwürdigkeit auf Merkwürdigkeit und die Protagonisten blieben zu mir auf Abstand.
Masons Hauptfigur Miles irrt orientierungslos zwischen all den Erzählfetzen hin und her. Verzweifelt suche ich nach einem emotionalen Anker in dieser Geschichte. Die Handlung wirkt zerfasert und unzusammenhängend, nimmt mir mit ihren vielen Nebenästen den Lesefluss.
Immer wieder habe ich an ihn denken müssen, an Herrn Rossi und seine Suche nach dem Glück. Kennt ihr Herrn Rossi noch? Die italienische Zeichentrickserie von Bruno Bozzetto aus den 1960er- und 1970er-Jahren in der Herr Rossi von einer Fee eine Trillerpfeife erhält, mit deren Hilfe und mit seinem Hund er durch die Zeit reist, um das wahre Glück zu finden.
Ob sich Daniel Mason von Bozzetto hat inspirieren lassen, das hätte ich ihn gerne gefragt. Wenn ich seinen Roman durch diese Brille lese, dann kann ich ihm das als positiv zuschreiben, seine Hauptfigur scheint mir auch auf der Suche nach dem Glück zu sein, auf der Suche danach, wie es gelingen kann herauszufinden was man wirklich will.
Wie es auch ist, zu viele Seiten dieser Geschichte habe ich am Ende quer gelesen, immer weniger gerne bin ich zu Masons Roman zurückgekehrt, hatte ich ihn einmal zugeschlagen. Das war, not my cup of tea würde ich am Ende angekommen sagen. Diesmal hat Daniel Mason mein Lesen nicht bereichert.
Dabei wird sein aktueller Roman vom amerikanischen Feuilleton als großer erzählerischer Wurf gefeiert. Sprachlich humorvoll packe er die Hohlwelttheorie in eine Familiengeschichte. Seine Protagonisten, zu Beginn namenlos, das fand ich noch originell, begleiten wir beim Umzug von Kalifornien in ihr neues Zuhause in Vermont. Mit dabei, Giuseppe, ihr hypoallergener Hund, angeschafft unter Mühen, während der Corona Pandemie. Als dieses Adjektiv fällt, hätte ich es schon ahnen können, dass das mit mir und diesem Humor nichts wird.
Familienvater Miles, will wie wir erfahren, jetzt und endlich, nach zwölf Jahren, seine Doktorarbeit beenden und Kate, seine Frau, hat eine Gastprofessur für ein Jahr zugesagt und weil sie nicht im Gästehaus des Colleges, das ein namhafter kolumbianischer Avantgarde Architekt entworfen hat, einziehen wollen, dort hatte sich zuvor Gerüchten zufolge im Winter eine Bewohnerin schwere Erfrierungen zugezogen, sagen sie einem Wohnen auf Zeit als Housesitter zu. Was, wie sich herausstellen sollte, ein weiterer sprichwörtlicher Haken ihrer geplanten Auszeit werden soll.
„Vergänglichkeit ist der Stoff, aus dem Geschichten sind; glaubt nicht den Wichtigtuern, die behaupten, dass Literatur ewig lebt.“ Zitat Daniel Mason – Landleute
Die satirische Überzeichnung die Mason für seine Landbevölkerung wählt, die er für mich als eher „unterbelichtet“ und total schräg präsentiert und die seiner Akademiker, die abgehoben und nicht minder schräg wirken, muss man mögen. Seine Geschichte, dann auch noch unnötiger Weise wiederkehrend mit Auszügen aus einer Radiosendung zu garnieren, die bis zum Schlußkapitel so überhaupt gar nichts mit der Handlung zu tun hat, fand ich noch unnötiger. Dazu kommt beständig Beschreibendes und Betonendes, es brauchte dieses Wiederholte einfach nicht, damit man als Lesende versteht wer wie tickt. Mich hat das gewundert, stilistisch hat Mason das sonst gar nicht an sich, seine Leserschaft zu bevormunden. Besonders mit seiner sehr empatischen Figurenzeichnung konnte er bislang bei mir punkten und mag ich ansonsten eher fragmentarische Romanstrukturen, habe ich sie in diesem Fall eher als Zumutung empfunden und meine Bereitschaft die Längen dazwischen auszuhalten schwand von Kapitel zu Kapitel.
Dann ist da noch diese Da-ist-eine-Welt unter-der-Welt-Theorie, die dem Roman eine eindeutige Genrezuordnung verweigert. Was will diese Geschichte sein? Familienroman, Dorfsatire oder Märchen? Schnell passiert es da, dass weder das Eine noch das Andere funktioniert und auch wenn ich grundsätzlich Bücher mag, in denen Menschen etwas anderes suchen, als sie am Ende finden, ist mir am Schluss dieser Geschichte nicht klar, ob die Hauptfigur überhaupt irgendetwas gefunden hat. Ordnung ist in ihr Leben noch immer nicht eingekehrt und das ich ihr über so viele Seiten hinweg beim Scheitern habe zusehen dürfen, hat sie mir auch abschließend nicht sympathisch gemacht.
Sorry, not sorry, aber diese Hohlwelttheorie, die Mason zunächst wie Unsinn und die er dann plötzlich wie eine Möglichkeit erscheinen lässt, die man zumindest literarisch ernst nehmen möchte, das war für mich einfach nicht seine beste Idee für einen Roman.
Lieber verweise ich da noch einmal auf seine anderen Romane und das gerne, allen voran auf Der Klavierstimmer ihrer Majestät, ein Klick auf das jeweilige Cover öffnet Euch meinen Beitrag:
Für uns ins Deutsche Übersetzt hat, Country People, wie der Titel im englischen Original heißt, Cornelius Hartz. lieben Dank für das Besprechungsexemplar an das Team des C H. Beck Verlages.



Schreibe den ersten Kommentar