Die Lücken (Shida Bazyar)

Rund zweihundert Romane werden alljährlich von der Jury des Deutschen Buchpreises gesichtet, zwanzig davon werden anschließend für die Longlist und danach sechs für die Shortlist nominiert. Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse schlägt dann der Gong und eine Autorin oder ein Autor darf sich über ein Preisgeld von fünfundzwanzigtausend Euro freuen und über das Siegel „Bester Roman des Jahres“. Gleich zweimal habe ich in diesem Jahr Shida Bazyar auf der FBM in Interviews erlebt, mich danach entschieden mir ihren Roman in der ungekürzt verfügbaren Hörbuch-Fassung vorlesen zu lassen von:

Banafshe Hourmazdi, geboren 1990, aufgewachsen im Ruhrgebiet und ich muss leider sagen, den Roman zu lesen wäre für mich abschließend die bessere Wahl gewesen. Die Sprecherin kämpfte für mich zu sehr mit den Hunsrücker Dialekteinwürfen, mit denen Bazyar ihren Roman abgeschmeckt hat, was nur mich stören mag, weil auch ich diesen Dialekt, zumindest einen ähnlichen aus der Nachbarschaft spreche, aber so ist es eben. Die Multiperspektiven grenzt Hourmazdi sehr gut ab. Ihre sehr reduzierte und stark pausierende Art des Vortragens, ihr Betonen, das abgehackt wirkte, damit haderte ich allerdings auch, vergessen hatte ich, dass sie mir seinzerzeit schon bei den Drei Kameradinnen nicht gefiel. Aber lasst uns mal in den Text starten:

„Und ich bin hier oben und denke, dass alle, die gingen, immer geblieben sind und falls sie zurückkamen, dann kamen sie verändert zurück, und wenn man sie ermordet hatte, dann war der Ort der Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“

Textzitat Shida Bazyar – Die Lücken

Heimesbach, so heißt der fiktive Handlunggsort in dieser Geschichte. Gemeint aber ist, und daraus macht Shida Bazyar keinen Hehl, ihr Geburtsort, Hermeskeil im Hunsrück.

Wie wenig man doch weiß, dachte ich, als ich Shida Bazyar auf der Messe zuhörte. Wie wenig ich über diesen Ort, der nur vierunddreißig Kilometer Fahrtstrecke von meinem Wohnort entfert ist wusste.

Was ist Heimat und für wen ist wo Heimat? Wie kommt man an, dort wo man nicht hat hin wollen? Wie kann man das Vermissen vergessen, dass sich einem an die Fersen heftet?Warum erinnert man was gut war und vergisst so schnell was wehgetan hat? Körper und Geist schützen sich, sagen sie. Aber die Bilder von Blut und Tod verschwinden nicht, nur weil man das will.

Die eigene Sprache ablegen und eine neue lernen. Die, die zu diesem Ort gehört, an dem man angekommen ist. Plötzlich versteht man keine Zwischentöne mehr und das was in dieser neuen Sprache gesagt wird. Das auch nicht. 

Entwurzelt. Verloren. Wurzellos. So kann man nicht leben. Kann man denn überhaupt in zwei Kulturen Wurzeln schlagen?

St. Martin und ein Entrümpler, der mehr erinnert über die Bewohner deren Besitz er entsorgt als ihm lieb ist. Der ein Hakenkreuz findet und verschwinden lässt. Eine Friedhofsschändung und jugendliche Straftäter, ein Enkel interviewt den Großvater: Was wussten die eigenen Eltern, Oma und Opa, was hatten sie akzeptiert und mitgetragen von der Ideologie des Nationalsozialismus, hatten sie sich gar aktiv beteiligt?

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, jüngstes Kind iranischer Eltern, die 1987 nach der islamischen Revolution aus ihrer Heimat geflohen sind. Bazyar studierte in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, zog nach Berlin, arbeitete Teilzeit als Bildungsreferentin und begann zu schreiben. Veröffentlichte zunächst Kurzgeschichten, dann 2016 ihren Debütroman Nachts ist es leise in Teheran, der von der Kritik begeistert aufgenommen und mit dem Ulla-Hahn-Autorenpreis und dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet wurde. 2021 erschien Drei Kameradinnen, mit diesem Titel schrieb sie sich erstmals auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. 2025 wurde dieser Roman verfilmt. Die Lücken ist ihr dritter Roman, mit ihm gewann sie in diesem Jahr nicht nur den Deutschen Buchpreis, sondern auch den Bayrischen.

So bitter. Ist der Ton dieses Romans bisweilen. So bitter, wie die Vergangenheit.

„Gleichgültigkeit wird als Beleidigung unterschätzt.“

Textzitat Shida Bazyar – Die Lücken

Bazyar schreibt Sätze wie Faustschläge, sie treffen meine Magengrube mit kurzem Takt, Schlag folgt auf Schlag.

Die Frage, wie es dazu kommen konnte, das Nachbarn die sich gestern noch am Gartenzaun unterhalten hatten, ihre Nachbarn verrieten, ihnen Steine in die Fenster warfen, sie vertrieben, das habe sie nicht mehr losgelassen, sagt Shida Bazyar.

Das der Lagerarzt des KZ Hinzert, der SS-Obersturmbannführer Dr. Theophil Hackethal nach Kriegsende vom kompletten Hermeskeiler Gemeinderat entlastet worden war, damit dieser wieder in der Stadt praktizieren konnte, sowie die erschütternden Berichte des Holocaust Überlebenden Dr. Heinz Kahn aus dem Jahr 2018, legten in Shida Bazyar den Grundstein für Die Lücken. Von den fünfundvierzig jüdischen Gemeindemitgliedern, die Mitte der 1930iger Jahre in Hermeskeil lebten, überlebten nur Dr. Heinz Kahn und Erich Süsskind die Deportation und das Vernichtungslager. Einundzwanzig von ihnen wurden getötet, anderen gelang noch vor den Massendeportationen die Flucht ins Ausland.

QR-Codes an Bäumen und Häusern verweisen heute in Hermeskeil, auf die jüdischen Familien, die hier vor ihrer Vertreibung und/oder Deportation durch das NS-Regime gewohnt oder ihre Geschäfte geführt haben. Zwei Stolpersteine wurden ins Straßenpflaster der Trierer Straße 23 und der Saarstraße 7 eingelassen, sie erinnern an die Ackermanns und Samuels, beide Familien wurden mit insgesamt elf Familienmitgliedern ermordet, elf Messing-Namenstäfelchen zeugen davon.

Einen Stadtrundgang mit vierzehn Stationen hat Shida Bazyar in ihrer Geburtsstadt, im Rahmen des Projektes „Gaumusterdorf Hermeskeil“ mit initiiert, ihn läuft sie mit einem Fernsehteam für die Vorstellung ihres Romans Die Lücken ab. 

„Und ich bin hier oben und denke, dass alle, die gingen, immer geblieben sind und falls sie zurückkamen, dann kamen sie verändert zurück, und wenn man sie ermordet hatte, dann war der Ort der Ort, in dem für immer eine Lücke in der Luft klaffte. Als hätte man der Luft etwas entrissen und deswegen fällt das Atmen vielleicht so schwer wenn man im Ort spazieren gehen möchte, deswegen vielleicht ist jede Stille eine Behauptung, aber niemand ist so ehrlich und sagt es laut.“ Zitat Shida Bazyar – Die Lücken

Jetzt hätte man das Geschehene linear erzählen oder Korrespondenzen Geflohener einbinden können, die Form, die die Deutsche Buchpreisträgerin wählt und die fraglos mit ein Grund für diese Auszeichnung gewesen sein muss, folgt einem anderen Plan.

Bazyar entscheidet sich mittels der Stimme einer Verstorbenen Schlaglichter auf die Leben, die Lebensumstände, der unterschiedlichsten Bewohner von Heimesbach zu werfen, weil eine solche Erzählerin mehr sieht, mehr kann, sagt sie. Im Verlauf des Romans nicke ich diesem Gedanken immer häufiger zu.

Die Geisterstimme spricht in direkter Anrede immer wieder ihre Schwester an, blickt zurück auf ein eigenes Ankommen mit ihr in der Fremde. In eben diesem Heimesbach. Für einen Zeitraum von rund einhundert Jahren, von 1920 bis Heute öffnet diese über den Dingen schwebende Erzählerin uns Lesenden den Blick. Dabei sieht Bazyars Geist mehr, als die Bewohner, aber manchmal auch nicht alles. Die Fragmente dieser Geschichte werden am Ende nicht wie Puzzleteile ineinander passen, jedes von ihnen wirkt wie der Teil eines Mobiles, das nicht durch Fäden, sondern durch diese geisterhafte Erzählstimme gehalten und verbunden wird. Zwischen Mobileteilen hat es immer auch Lücken, was für ein besonderer stilistischer Kniff der Autorin, die allein dafür jede Auszeichnung verdient.

Uns erlaubt sie so ein Blick auf das Erleben Geflüchteter, Heimatloser, auf zündelnde jugendliche Straftäter, auf junge Frauen, die lebenslustig aufbrechen zum Tanz im Posthof, wir hören von heimlichen Küssen auf der Kirmes, von ungewollten Schwangerschaften und von einer Taxifahrerin, die alle Schwangeren des Ortes und auch der Umgebung ins Krankenhaus gefahren hat, derweil die Erzählerin mit uns durch die Zeit springt.

Bazyars Erzählfragmente drehen sich um sich selbst, bilden vielstimmig diese verschiedenen Schicksale ab und unser Geist vermag es, uns mehrere Facetten des gleichen Lebens zu zeigen, dann etwa, wenn ein Enkel seinen Opa nach dessen Kriegserfahrungen befragt und der Opa uns seine Gedanken verrät, seinem Enkel aber nicht.

Was für ein großartiges Beispiel für kollektives Beschweigen, lassen wir jegliche Motivation dafür mal außen vor.

Kurze intensive Kapitel hinterlassen ein Unbehagen und eine Nachdenklichkeit in mir, die sich auch lange nach dem Lesen nicht abschütteln lässt.

Hinter den Fenstern und Türen jeder Stadt stecken hunderte Geschichten. Die Geister der Vergangenheit haben hier ebenfalls ihren Platz. Was für eine fordernde, schmerzhafte Lektüre. Eine, die mich meine Heimat und ihre Vergangenheit völlig neu betrachten lässt.

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