„Ein Traum, im Feuer geboren. Ein Traum, im Feuer verloren.“ Zitat Florian Illies
„Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Inzwischen ein geflügeltes Wort, legte Friedrich Schiller seinem Wilhelm Tell, diesen Satz zwischen 1802 und 1804 in den Mund. Ebenso gut könnte dieser Ausspruch auch auf den Alchemisten und Glaskünstler Johannes Kunckel zutreffen. Auf jenen Mann, dem 1685 der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm, Markgraf zu Brandenburg, die unweit von Potsdam, idyllisch in der Havel gelegene Pfaueninsel zum Geschenk machte.
Nicht ganz uneigennützig wie mir scheint und wie es in der neuesten Geschichte aus der Feder von Florian Illies nachzulesen ist. Hier sollte Kunckel ganz ungestört forschen und nicht nur das, einmal dort mit Mann und Maus, sollte niemand mehr die Insel im Strom verlassen dürfen. Unweit des Potsdamer Hofes lag sie in der Havel, nur mit dem Boot war sie erreichbar. Im Geheimen sollte dort das entstehen was die leere Staatskasse nach Krieg und Krise wieder füllen sollte. Kostbares farbiges Glas und vielleicht – Gold.
Gleich zwei Inseln und ein Bergwerk. Der Kurfürst bedenkt seinen Glaskünstler großzügig, so großzügig, wie er auch die Kinder aus seiner zweiten Ehe begünstigt. Letzteres war nicht selbstverständlich, weswegen seine beiden Söhne aus erster Ehe, insbesondere Friedrich, das nicht sportlich nehmen. Bald soll der schweratmend um sein Leben ringen, er äußert zur Ader gelassen, gar einen Giftverdacht und dieses Gefühl, das des Zukurzkommens wird seine Haltung gegenüber dem Glasmacher nachhaltig beeinflussen und letzterem zum Verhängnis werden …
Ausgesprochen unterhaltsam, lehrreich und kundig, entführt Illies uns Lesende in jene Zeit und an diesen Ort, an dem einst Träume im Feuer geschmiedet worden sind. Zerbrechliche, funkelnde Träume. Aus kostbarem, rubinrotem, kobaltblauem und meergrünem Glas. Ein Glas, das der „Glaskrankheit“, dem Verblassen, widerstand und das bald schon ganz Europa begehren sollte. Den Venezianern den Rang ablaufen, so lautete des Fürsten Auftrag und wenn es nebenbei gelingen sollte, den Stein der Weisen zu finden, warum nicht.
Apropos Weise. Auf für mich unnachahmliche Weise, mit großer Erzählfreude und fein eingesetzter Lakonie, versteht es Florian Illies lehrreich zu unterhalten. Gleich wen er sich vornimmt, ob Caspar David Friedrich oder die Familie Mann, bei ihm wird Vergangenheit lebendig und in diesem konkreten Fall hat sein Text beinahe mehr von einem Roman denn von einem Sachbuch. Aber nur beinahe, denn dafür recherchiert Illies viel zu gewissenhaft, was ein angefügtes Quellen- und Rechercheverzeichnis beweisen. Für das von ihm begründete Genre des erzählenden historischen Sachbuches hat der Mitherausgeber der <Zeit> sich längst und bereits mit seinem Welterfolg <1913> eine feste Fangemeinde erschlossen.
Aber zurück an die Havel, über die im Herbst des Jahres 1686 nicht nur die Nebel ziehen, wir vernehmen neben leisen Ruderschlägen nur allzu deutlich die Stimmen von Kunckels Neidern, zu denen der halbe Hofstaat seines Fürsten und auch dessen ältester Sohn gehören. Letzterer sieht Kunckel als zu Unrecht begünstigt.
Allen Unkenrufen zum Trotz aber wird dem begabten und klugen Kunckel gelingen was ihm gelingen soll. Nur das Glas von der Pfaueninsel, auf der man, übrigens keinen einzigen Pfau finden konnte, dafür reichlich Kaninchen, das Überbleibsel einer fürstlich beauftragten Hege, war von dieser einzigartigen Farbigkeit und Reinheit. Dafür zerrieb Kunckel Gold und ließ die Brennöfen auf seiner Pfaueninsel, in aller Heimlichkeit, Tag und Nacht glühen. Sein Glas, so zerbrechlich, dass man es auf dem Wasserweg transportieren musste weil es eine Kutschfahrt nicht unbeschadet überstehen würde, weckte die Begehr derer die dafür zahlen konnten. Seine Glaskorallen wurden zum Zahlungsmittel in den brandenburgischen Kolonien.
Floria Illies, geboren am 04. Mai 1971 in Schlitz, Journalist, Autor, Kurator und Podcaster des Kunstpodcasts Augen zu von Zeit und Zeit Online, den er gemeinsam mit Kollege Giovanni di Lorenzo betreibt, gewährt uns in seinem neuesten Streich einen Blick durch’s Schlüsselloch auf das bewegte Leben des Johannes Kunckel. Auf einen Mann, den Theodor Fontane und Goethe in ihren Werken verewigt haben, der ganz oben schwamm, solange die Gunst der Herrschenden ihn trug und der tief fiel, als ihm genau die versagt wurde. Auf einen Mann, den man als Hexer verwünschte und der nichts weniger war als ein begnadeter Chemiker, der Versuch um Versuch seine Rezepturen perfektionierte bis das Feuer verzehrte, was dem Feuer gehörte.
„Ja, Johannes Kunckel hat auf der Pfaueninsel das vielleicht schönste Glas des deutschen Barocks ersonnen.“ Zitat Florian Illies
Einhundert Jahre ungenutzt gehört die Pfaueninsel heute, mitsamt ihrer Parklandschaft und ihren aufstehenden Bauwerken, die im Rahmen eines Projektes unter König Friedrich Wilhelm II. ab 1793 entstanden, zum UNESCO Weltkulturerbe. Wenn die älteste Traubeneiche Deutschlands, die noch immer auf der Pfaueninsel steht, doch bloß plaudern könnte …
Die sehr empfehlenswerte und kurzweilige Hörbuch-Fassung des Textes liest Stephan Schad.

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