This changes everything – (m)eine Messe-Nachlese

„Aufmerksamkeit ist heute umkämpft. Zwischen einem Buch und seinen Leser*innen stehen immer mehr Plattformen, Empfehlungen und Algorithmen. Die Antwort darauf beginnt mit
Begegnung
“, sagt Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. „Die Frankfurter Buchmesse bringt Menschen zusammen, die Bücher schreiben, übersetzen, verlegen, verkaufen und lesen.“ Meint Boos weiter, ich zitiere aus der zur Verfügung gestellten Pressemappe und wie gewohnt hat auch diese 78. Frankfurter Buchmesse ein Motto:

This changes everything. Ob damit nur das neue Hallenkonzept gemeint ist, das profilschärfend und ordnend wirken soll, so erhalten u.a. die Genres Krimi, Romance, Fantasy und Kinderbuch eigene, deutlich erkennbare Bereiche, konnte ich für mich bei meinem Besuch nicht auflösen, gleichwohl mochte ich die Doppeldeutigkeit dieses Mottos. Denn abseits einer neuen räumlichen Ordnung besteht für Besucher immer die Gefahr, dass ein Besuch dieser Messe die eigene Perspektive nachhaltig verändern kann.

Große Namen haben sich angekündigt, die meisten davon, wie der Autor Colson Whitehead oder der Filmemacher Volker Schlöndorff für das besucherstarke Messewochenende. Auch für die Cosplayer heißt es dann wieder „Herzlich willkommen“, ihnen und den Manga Fans steht eine eigene Halle nebst Bühnen zur Verfügung. Insgesamt bietet die Messe auf 10 kurartierten Bühnen ein wechselndes Programm und mehr als 120 Veranstaltungen an 11 Orten beziehen die Stadt Frankfurt in die Messe ein. Will man ein zentrales Thema für diese Messe benennen, das in Fachkreisen diskutiert wird, mit seinen Auswirkungen auf die Literaturbranche, dann ist es die ohnehin in aller Munde befindliche KI-(Angst).

Die langen Wege und ich, was mich nervte, war dann nicht der Stau vor den Toren der Stadt, der war nicht der Messe und seiner Besucherflut geschuldet, sondern einer Baustelle, wie im Vorjahr spuckten die Pendelbusse der Messe Fahrgäste wie mich, die ihre Fahrzeug in den Parkhäusern am Rebstock abgestellt hatten, wieder, Verzeihung, am A… der Heide aus. Irgendwie hatte ich gehofft, dass sich das mit dem diesjährigen Messemoto wieder ändern ließe und das der City Eingang dann doch wieder angesteuert würde, aber Nein. Alle, die mit dem PKW anreisen, lässt man an der Galeria Nähe Portalhaus aus- und einsteigen und man hat noch vorbei am Torhaus und der Halle 8, das Messegelände erst einmal von hinten aufzurollen, bevor man zum eigentlichen Ort des Geschehens kommt.

An diesem Donnerstagmorgen im Oktober 2026 regnet es nach Wochen das erste Mal als ich nach Frankfurt aufbreche. Erleichtert darüber mit nur 20 Minuten Stauverzögerung angekommen zu sein wundere ich mich, dass mir auf meinem Fußweg von der Pendelbushaltestelle bis zum Pavillon des Gastlandes ganze Heerscharen von Menschen entgegenkommen. Man könnte meinen, man laufe in die falsche Richtung, zu leicht vergisst man wie viele in dieser Woche auch hierher zum Arbeiten kommen. Ein internationales Stimmengewirr umgibt mich, ein Summen wie in einem Bienenstock erinnert mich daran, dass diese Messe nicht zuletzt für die Vielfalt der Buchbranche steht.

Das literarische Herz der Messe schlägt in Halle 3, so war das auch in all den Jahren zuvor. Ebenerdig waren da verlässlich die großen Konzernverlage und im Obergeschoss die Unabhängigen verortet. In diesem Jahr also erfindet sich die Messe neu und man hat sich dafür entschieden, Teile der Konzernvorlage in Halle 5 auszuquartieren, alle Publikumsbereiche sollten jeweils ebenerdig und von der Agora aus erreichbar sein, um denen, die nicht zu ihrem Vergnügen hierher kommen, eine ruhigere Arbeitsatmosphäre in den jeweils oberen Etagen in allen Messehallen zu verschaffen.

Zielgruppengenau sollen Besuchende zu ihren Interessensbereichen geroutet, der Messebetrieb so entzerrt werden.

An diesem Messedonnerstag habe ich die Messe so voll wie selten erlebt, wohl gemerkt, einer der Fachbesuchertage, von einer Entzerrung in Halle 3 keine Spur, mich empfängt eine Lautstärke und eine Wärme als ich die Tür zu diesem Bereich aufstoße, die mich zurückprallen lässt.

Zwei Herzen schlagen da in meiner Brust. Einerseits freut mich der Zuspruch für die Messe und die Literaturschaffenden, wird der Abgesang auf das Buch und das Lesen doch jedes Jahr lauter, rückläufige Absätze, immer mehr kleine Verlage sterben, ob es da aber dienlich ist ein kompaktes Angebot der kurzen Wege für diejenigen auseinander zu reißen, die keine drei Messetage zur Verfügung haben oder gar sechs, um sich einen Überblick zu verschaffen und die vielleicht so wie ich, auch nicht mehr die jüngsten Beine, dafür die ein oder andere gesundheitliche Einschränkung haben, da bin ich skeptisch.

In Halle 3 vermisste ich wertvolle Pressebühnen, wie die der Süddeutschen Zeitung, die habe ich auf meinem Heimweg dann schlussendlich in Halle 5 gefunden. Abseits des Trubels, hier war der Besucherstrom doch sehr übersichtlich, waren dort der Verlag der diesjährigen Preisträgerin des Deutschen Buchpreises Kiepenheuer & Witch neben dem Rowohlt Verlag, DTV und den Fischer Verlagen anzutreffen. Letztere stellen in diesem Jahr die Gewinnerin des Aspekte Literaturpreises und verlegen die frischgebackene Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson. Okay, deutsche Ausgaben Carsons erscheinen auch bei Piper, Matthes & Seitz und Wallstein, ich freue mich sehr für die beiden letztgenannten Independent Verlage über die Auszeichnung ihrer Autorin.

War es also diesmal für mich die Messe der langen Wege oder konnte ich mir doch den sehr gewünschten Überblick verschaffen und literarischen Stimmen zuhören, die mir neue Impulse und neue Begegnungen beschert haben? Ich konnte. Auch wenn die Lautstärke und die sich überlagernden Bühnen für Kopfschmerzen gesorgt haben, meine Stimme für eine normale Unterhaltung schon sehr erheben musste.

Schwerpunkte, so lautet das Zauberwort, wenn man für diese umfangreiche Messe wenig Zeit im Gepäck hat, für mich heißt das, ich starte traditionsgemäß im Pavillon des Gastlandes, den ich, da muss ich ehrlich sein, diesmal nicht auf den ersten Blick verstanden habe. „Ein Land an der Küste“, so das Motto Tschechiens, 75 Autorinnen und Autoren waren angereist, mehr als 100 Bücher neu für diesen Anlass ins Deutsche übersetzt worden. Das Motto des Gastlandes kann einen schon wundern angesichts der „Meerlosigkeit“ Tschechiens. Angelehnt hat man es an William Shakespeares Theaterstück Das Wintermärchen, der den ursprünglichen Handlungsort Böhmen gegen Sizilien tauschte und kurzerhand ans Meer verlegte. Ein maritimes Gefühl wollte sich bei mir beim Besuch des Pavillons allerdings nicht einstellen, wenn man die aufblasbaren Skulpturen, die sich einem beim Schlendern durch den Pavillon in den Weg stellten, auch als von der Meeresbrandung glatt geschliffene Felsen hätte annehmen können.

Was für mich ein Aha-Effekt war, ich kenne dann doch viel mehr tschechische Autorinnen und Autoren als ich dachte (im Beispiel Jarka Kubsova), als das von Vorgänger Gastländern der Fall ist. Gleich zwei Titel, einer davon signiert, der andere nach einer beeindruckenden Kurzlesung, durften dann auch mit nach Hause. In ihrem Roman Schokoladenblut hat Radka Denemarkowá ein Wort geschöpft, das für Wertschätzung steht, sie bezeichnet Menschen, die als Mentoren unterstützen und fördern, als Safranmenschen, was ich das gerne mochte! Die Kugel von Klára Vlasáková ist der zweite Roman den ich mitgenommen habe. Die beiden ausgewählten Titel versprechen eine hellsichtige Dystopie und Gesellschaftsstudie und eine ganz besondere Zeitreise, die Bezüge des 19. Jahrhunderts für unsere heutige Zeit aufdecken soll. Prag Noir, eine kuratierte Kurzgeschichtensammlung, habe ich auf meinen Merkzettel genommen, will ich doch diese Stadt noch besuchen, das scheint mir die perfekte Reiselektüre.

Das vielleicht schönste Cover der Saison habe ich dann bei EditionW gefunden, der Autor Emil Fadel war am Stand, ihn durfte ich fragen, warum Schnittblumen ihn traurig machen, so der Titel seines Debüt-Romans. Weil das bei mir auch so ist, weil mich die Schönheit der Vergänglichkeit traurig macht, musste sein Roman ebenfalls mit und es war mir ganz egal, dass er nicht zu denen gehörte, die man auf der Messe heute so oft und prominent hochgehalten hat wie etwa das neue Sachbuch von Robert Habeck Arctic Meltdown oder auch Die Lücken von Shida Bazyar (die bisweilen angestrengt und leicht genervt auf mich wirkte, das muss ein echter Zirkus für sie sein) und Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle von Valerie Gordeev, die kurzerhand noch die Wand des Messestandes ihres Verlages verzierte, hatte sie ja schon ihr Buchcover selbst gestaltet und ihren Text illustriert.

Der Pendragon Verlag hat sich vorgenommen in jedem Program eine vergessene Geschichte wiederzubeleben. In dieser Saison ist das Albert Nobbs eine Novelle des irischen Autors George Moore, wurde gekauft und beim von mir sehr geschätzten Salzburger Residenz Verlag habe ich mir Verteidigung eines Gartens von Christina Walker gegönnt.

Was mir bei meinen Messerundgängen mehr und mehr auffällt ist, wie viele Verlage sich Fotospots für Tik Toker und andere Content Creator immer wieder neue „Boxen“, Merch und Selbstdarstellungsareale einfallen lassen.

Ich bin ein großer Fan von Buntheit und Vielfalt in der Literatur und in der Verlagswelt und vermisse dieser Tage in den großen Verlagsprogrammen zunehmend Titel, die jenseits der Hauptströmungen nach Lesenden suchen. Gefühlt hat jeder zweite Roman einen Coming-of-Age-Touch oder erzählt von einer Mutter-Tochter-Beziehung. Will ich nur noch davon lesen? Nein. Konnte man auf der Messe auch anderes finden? Zum Glück: Ja und neben spontanen Gesprächen an den Ständen der kleinen Verlage, für deren Sichtbarkeit ich auch weiterhin nur zu gerne eintreten möchte, lassen sich Perlen finden. Die Empfehlungen und netten Gespräche von heute, die ich mir mitnehme sind so zahlreich, dass meine Lesezeit und Lebenszeit nicht ausreichen werden um alle zu erleben. Da wären wir wieder bei den eingangs erwähnten Schwerpunkten angekommen.

Was mir auch diesmal nach meinem Messebesuch bleibt, sind die Begegnungen mit Menschen, die ich das ganze Jahr über nur online begleiten kann und die mich mit ihrer Leidenschaft für das gedruckte Wort, mit ihrer Leseliebe, einige davon schon mehr als zehn Jahre anstecken. Unglaublich, dass wir uns heute teilweise zum ersten Mal persönlich begegnet sind und mindestens genauso unfassbar ist es, dass wir uns so blind verstehen, als würden wir uns jede Woche auf einen Kaffee mit Buch treffen.

Danke Dir, liebe Birgit, dass ich gemeinsam mit Dir der wunderbaren Kerstin Specht beim Lesen aus Ihrem Mittelberge zuhören konnte. So großartig, wenn eine 70zigjährige Romandebütantion bei einem Verlag wie der Stroux Edition eine literarische Heimat findet und was sie für eine Stimme hat!

Ganz wunderbar ist es, wenn man Autorinnen oder Autoren zuhören kann, deren Bücher man schon gelesen hat. Wie sehr sich einen gelesener Eindruck oft so noch vertiefen lässt und wie deutlich man die- oder denjenigen durch die Seiten hindurch doch gehört hat. Andere verstehen es mich für ihre Texte zu begeistern und sie wandern auf meine stetig wachsende Merkliste. So wie diesmal Alexa Hennig von Lange  mit Alte Pfade und wieder einmal Dörte Hansen, wenn ich Broder nicht schon kennen und lieben würde, spätestens jetzt hätte ich mir den Roman geschnappt.

Den Messefreitag genieße ich jetzt von zu Hause aus und mit dem Live-Stream von ARD, ZDF und 3-Sat. Jaroslav Rudiš (Wo die Toten sprechen), Max Czollek (Zweifelssohn), Anousch Müller (Lori), Paul Maar (Das Sams), Andrea Wulff (Der Reisende), Edgar Selge (Juras letzter Winter) und andere, die ich gestern nicht habe hören können, wechseln die Stühle auf der Literaturbühne. Denis Scheck, den ich gestern zweimal vor Ort erleben durfte, ist wieder im literartischen Schweinsgalopp unterwegs, wie er selbst sagt und teilt seine liebsten Bücher der Saison mit uns. Schön, dass man auch auf diese Weise teilhaben kann.

Solange es diese Messe vermag, zu verbinden was zusammen gehört, eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich vorbehaltlos begegnen kann, wo Raum bleibt für Diskurs und Austausch, werde ich meine müden Knochen weiterhin hierher schleppen. Auch wenn es am Ende eines Messetages nicht mehr zum Tanzen reicht und ich einiges und einige verpasst haben werde …

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