Tod der Autorin (Nnedi Okorafor)

Viel zu selten gelingt es Autorinnen und Autoren gleich mehrere Genregrenzen mühelos zu überspringen ohne ihre Figuren, uns Lesende und ihre Geschichte zu überfordern, ohne unglaubwürdig zu werden. Findet Ihr nicht auch? Viel zu selten hat es einen Plot, der noch zu überraschen weiß. <Diese Geschichte hat alles>, mit diesem Satz wird kein geringerer Fürsprecher für diesen Roman zitiert als, George R.R. Martin und tatsächlich, jetzt greife ich vor, finde ich auch, er passt in keine Schublade und es steckt jede Menge drin. Eingeschlossen: Ein excellenter Twist am Ende.

Es geht um Zelu, die ein Wagnis und ein Experiment eingeht um wieder laufen zu können. Ein renommierter Professor hat sie angesprochen, er forscht im Bereich der Exoprotetik und ich habe das, was da geschieht schon der Welt der Märchen zuschreiben wollen, dann aber habe ich recheriert und gestaunt. Wie weit inzwischen die Forschung ist, wenn es um Prothesen geht, die ihre Träger intelligent unterstützen. Aber kommt, lasst uns am Anfang der Geschichte beginnen:

Tod der Autorin von Nnedi Okorafor

Ausgerechnet heute. An dem Tag an dem eine ihre Schwestern heiratet, wird Zelu gefeuert. Der Anruf ihrer Chefin erreicht sie just in dem Moment, als sie sich wehrt Make-up zu tragen. Was niemanden hier wundert, machte die kratzbürstige Zelu doch schon immer ihr eigenes Ding. Seit fünf Jahren war sie jetzt Lehrbeauftragte für Kreatives Schreiben an ihrer Uni, nebenbei arbeitete sie an ihrem eigenen Roman und offenbar hatten jetzt Beschwerden von Studierenden dafür gesorgt, gut sie hatte zu Gunsten ihres eigenen Schreibprojektes ein paar Stunden ausfallen lassen, aber hey, dass mussten doch gerade die Studenten aus ihrem Fachbereich verstehen. Wenn eine Geschichte nach einem rief, musste man sie schreiben. Als wäre das nicht genug, trudelte auch noch eine E-Mail ihres Literaturagenten ein: Ihr Manuskript war jetzt zum zehnten Mal abgelehnt worden. Niemand wollte lesen was sie schrieb.

Aufgewühlt und verzweifelt angesichts ihrer Fehlschläge passiert Zelu dann noch in der Nacht dieser Hochzeit diese Geschichte. Sie springt sie förmlich an und sie beginnt zu schreiben bis zum Morgen. Schreibt auch die folgende Nacht durch. Kehrt heim nach New York, geht Pleite, kriecht bei den Eltern unter und schreibt weiter. Auf einmal waren sie da. Die rostenden, humanoiden Roboter und die körperlosen KIs, die unseren überhitzten, erschöpften Planeten bevölkerten, nachdem die Menschheit ihn hatte verlassen müssen. Künstliches Leben konnte inzwischen alles was Menschen konnten, mit einer Ausnahme: Wahrhaftige Geschichten erschaffen.

Und da wären wir dort angekommen, was im Kern diesen Roman für mich ausgemacht hat. Genau diese Kunst thematisiert er auf fantasievolle Art und Weise: Die Kunst des Erzählens. Das diese eine, im Roman vielfach und in Auszügen zitierte Roboter Geschichte, Zelu berühmt macht, ist dabei für den weiteren Verlauf nicht unwichtig. Es hätte ihr Weg in die Selbstbestimmung und Selbstbefreiung werden können und das Vehikel der Genre- Überschreitung, das die Autorin dabei nutzt ist kreativ und ungewöhnlich, aber es bringt die Geschichte für mich nicht über den Punkt hinaus, als das sie rein unterhaltsam ist. Tatsächlich habe ich mich oft gefragt, ob es nicht überflüssig ist und es der Figur und dieser Familiengeschichte mehr Tiefe gegeben hätte, wäre dieser Erzählast nicht so prominent ausgestaltet worden.

Nnedi Okorafor, geboren am 8. April 1974 in Cincinnati, arbeitet als Autorin und Professorin für Creative Writing an der University of Buffalo. Ihr Roman „Death of die Autor“ landete 2025 auf der Liste der 100 Must-Read Bücher des Time Magazins. Zuvor wurde sie mit ihren Veröffentlichungen u.a. mit dem World Fantasy und dem Nebula Award ausgezeichnet. Okorafor verbindet in ihren Romanen stets Sci-Fi-Elemente mit einer afrikanischen Perspektive, das tut sie für mich in diesem Fall sprachlich plakativ mittels einer Protagonistin die es mir allerdings schwer gemacht hat. Sie ist eine echte Kratzbürste, was vielleicht ihrem Schicksal und ihrem Handicap geschuldet ist, ein Unfall hat sie mit zwölf Jahren als Querschnittsgelähmte in den Rollstuhl gebracht. Sich da zu behaupten, ist sicher kein Spaziergang.

Man muss nicht jede Protagonistin mögen. Man darf sich auch an ihr reiben. Mit Zelu und mir war das so eine Sache, anfangs hätte ich sie schütteln mögen. Vielleicht haben mich auch die ständigen Absprünge in ihre erdachte Romanwelt, zu ihr auf Abstand gehalten. Die Autorin eröffnet hier eine eigene Erzählwelt, wir rücken zu dem auf, was in Zelus Kopf arbeitet, erkennen Sinnbilder und Metaphern. Ergänzt wird dieser Kosmos durch das Tohuwabohu einer nigerianischen Familie, die seit Zelus Kindheit offenbar genau weiß was gut und richtig für sie ist und aus deren Bevormundung sie sich auch dann nicht lösen kann, als sie die finanziellen Mittel dazu hat. Die Geschwister, die allesamt die perfekten Partner und Jobs zu haben scheinen und die immerzu hinter ihr aufräumen, die, als sie die Möglichkeit hat mittels eines besonderen Skeletts wieder zu Laufen, das für sie ablehnen, ist schon arg. Würde man sich das gefallen lassen, ohne einen einzigen Versuch?

„Geschichten enthalten unser Dasein. Sie sind wie Götter und wir erschaffen sie allein daraus, dass wir leben, erleben, zuhören, denken, fühlen, geben.“

Textzitat Nnedi Okorafor

Niemand in ihrer Familie scheint ihr Buch vorab lesen zu wollen, man traut ihr schlicht nicht zu, dass es gut sein könnte. Rezensenten, Journalisten aber erkennen sie, die Verbindung zwischen der Körperlosigkeit ihrer KI-Protagonisten und ihrer eigenen körperlichen Einschränkung, ihrem Sehnen danach wieder laufen zu können. Das zu erkennen ist keine Raketenwissenschaft und als der Erfolg sich einstellt, lesen es schließlich alle Geschwister und die Eltern, aber ob auch sie verstehen?

Die sozialen Netzwerke explodieren und ein Professor der Exo-Prothetik meldet sich. Er hat verstanden. Ihre Meerliebe, die Sehnsucht danach wieder auf den eigenen Beinen stehen zu können. Gehen zu können. Er schlägt ein riskantes Experiment vor und Zelu entscheidet sich. Gegen alle Widerstände …

Jetzt erreicht sie mich. Etwa ein Drittel des Romans habe ich abgelauscht, eher weniger als mehr begeistert von seiner Protagonistin und dann hat die Autorin mich am Haken. Sie holt aus, erzählt von Zelus Unfall, macht sie nahbar, ihr Vermissen der eigenen körperlichen Verlässlichkeit, ihr verzweifelter Wunsch nach Unabhängigkeit. Gefallen hat mir Okorafors Grundidee, ihr Twist am Ende und wenn Romane, das Storytelling als solches hochleben lassen, das erobert mein Herz immer ein Stück weit.

Eine provokante Frage in einem Fernsehinterview und eine falsche Antwort und Fans werden zu Hatern. Der plötzliche Tod ihres Vaters bringt Zelu noch mehr ins Wanken. Okorafor lässt ihre Figur nach ihren Wurzeln, nach Antworten suchen, danach wer sie ist, wer sie sein könnte, was der Erfolg mit ihr macht. Es geht um den Klammergriff einer Familie, um Traditionen und Selbstbestimmung, um Schuldgefühle und eine Entführung. Dabei hatte es doch eine versöhnende Spurensuche werden sollen.

In Interviews erzählen Familie und Freunde uns von sich und von Zelu. Von Herkunft, Stammesriten, Prinzessinnen und Stolz. Denken wir. Also ich. Bis mich am Schluss das Ende dieses Romans komplett aus den Socken hebt. Mensch, ist das clever gelöst! Wer erzählt hier eigentlich wessen Geschichte? Was für ein Twist. Wundertütenartig öffnet sich eine Idee, mit der ich so überhaupt nicht gerechnet habe. Das lieb‘ ich ja. Wenn es erstens anders kommt und zweitens als man denkt.

Dieser Roman hat alles. Sagt, ihr wisst schon wer. Ich finde, er hat jede Menge Fantasie, lässt unterschiedliche Lesarten zu, hat einen polarisierenden Weltenbau, ein überraschend temperamentvolles, nigerianisches Timbre und einen Schluss der alles auf den Kopf stellt. Diese Geschichte hat mich sauber an der Nase herumgeführt, den Duft dieser gebratenen Bananen krieg‘ ich so schnell auch nicht mehr aus der meinen und Jollof Rice muss ich unbedingt probieren. Ehrlich.  

Aus dem Englischen übersetzt hat „Death of die Autor“, wie der Roman im Original heißt, Corinna Rodewald. In der Hörbuch-Fassung, des Romans, die vielstimmig inzeniert ist, erwarten Euch rund 18 Stunden Hörzeit, wer lesen mag blättert sich durch 528 Seiten.

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