Vielleicht ist sie eine der bekanntesten Kindergeschichten überhaupt, die Geschichte von dem Jungen, dessen Nase immer dann wächst, wenn er lügt. Erstmals 1883 wurde Pinnochio aus der Feder von Carlo Collodi als Buch verlegt. Zuvor war sie in 36 Episoden in einer italienischen Zeitschrift erschienen. Unzählige Male wurde sie danach adaptiert und mehrfach verfilmt und ich habe mich gefragt, ob sie noch einen Aufguß verträgt, als ich diesen Roman auf der Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises entdeckt habe.
„Im Holz fand die Angst keinen Weg sich zu äußern. Kein Herzschlag, der sich erhöhen konnte, keine Schweißausbrüche. Sie steckte starr wie ein Nagel in seiner Brust.“ Textzitat Giuliano Musio
Aus anderem Holz von Giuliano Musio
Das Zucken und Krampfen war wieder da. Seine Glieder fühlten sich schwer und steif an. Sein Gesicht gefror ihm immer häufiger ein. Er brauchte seine Elektroden. Erst wenn der Strom durch ihn floß, entspannten sich Haut und Fleisch und er wurde wieder mehr zu dem Menschen, der er für Gepetto sein musste. Der er für ihn sein wollte. Denn der Vater brauchte ihn. Jetzt mehr noch als zuvor. Nach diesem Katastrophentag, an dem der Friedhof ihres kleinen Ortes, große Teile davon, ins Meer abgerutscht waren. Der Vater war einfach hinterher gesprungen.
Herausgezogen aus dem Wasser hatten sie ihn mehr tot als lebendig. Pinò hatte ihn dann zwar aus dem Krankenhaus mit nach Hause nehmen dürfen, aber der Vater saß nur noch da, in seinem Sessel, schaute Serien und sprach nicht.
Auch dann nicht, als der Pfarrer kam und ihm die Urne brachte. Sie hatte auch aus dem Meer geborgen werden können. Die Urne mit der Asche seines Sohnes.
Die Tage kamen und gingen und es trat keine Besserung ein. Der Vater blieb stumm. Pinò verlegte seine Schichten bei einem Spediteur, fuhr in der Nacht, umsorgte ihn am Tag. Eine Nachbarin half.
Vielleicht, so dachte Pinò, würde dem Vater helfen, dorthin zurückzukehren, wo er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn Pinucchio glücklich gewesen war. Vielleicht würde dort heilen, was in ihm zerbrochen war. Doch so sollte es nicht kommen …
Giuliano Musio, geboren 1977 in Burgdorf in der Nähe von Bern, studierte Germanistik und Anglistik, in seinem Roman „Aus anderem Holz“ deutet er die Grundidee des Pinnochio zu einer, wie ich finde, ganz besonderen Neufassung um. Erschienen ist sein Roman in dem kleinen Schweizer Indiependent Verlag Luftschacht, ganz lieben Dank für das Besprechungsexemplar. Wunderbar finde ich, das die Erstauflage unmittelbar nach der Nomminierung vergriffen war und gleich eine zweite Auflage an ungeduldig wartende Lesende rausgehen konnte.
Die Berliner Zeitung schrieb über Musio: „Diesen Autor interessiert das Naheliegende nicht„, das unterschreibe ich nach dieser Lektüre, unterstreiche es doppelt und möchte jetzt mehr. Die Romane Scheinwerfen (2015) und Wirbellos (2019) sowie Da ist ein Riss (2025) stehen zur Auswahl.
Giuliano Musios Roman „Aus anderem Holz“, startet mit einem starken Bild. Das ausgerechnet ein Friedhof – also ein Ort, an dem Menschen ihre Vergangenheit bewahren – zerstört wird, festigt früh eines der für mich zentralen Motive seiner Geschichte: Erinnerung ist niemals so stabil, wie wir glauben.
Was macht einen Menschen eigentlich zum Menschen?
Körperlichkeit genügt nicht. Auch die Beziehung zu den Eltern nicht. Pinò, die Hauptfigur muss erkennen, dass Identität etwas Zerbrechliches ist, etwas, das sich zwischen Erinnerung, Fremdzuschreibung und eigener Entscheidung bildet.
Wer nicht den Erwartungen entspricht, aus dem „falschen“ Holz geschnitzt ist, muss seinen eigenen Maßstab finden. Das Märchenhafte wird bei Musio zu einer Metapher für all jene Formen von Fremdheit, die Menschen innerhalb von Familien und Gesellschaften erfahren können.
Nach und nach schleicht sich eine bemerkenswerte Spannung zwischen Vertrautem und dem Unheimlichen ein. Italienische Landschaften, familiäre Beziehungen und alltägliche Situationen bilden die Oberfläche, unter der sich etwas Irrationales bewegt. Man liest nicht das klassische Märchen weiter, sondern hat das Gefühl, als würde man sich in dessen Schatten bewegen.
Musio verweigert sich zudem einer einfachen Auflösung. Auch als er alle Karten aufdeckt, die er zuvor vor uns umgedreht auf dem Tisch verteilt hat, wird deutlich, die Vergangenheit ist keine abgeschlossene Wahrheit, die man nur mühsam freilegen muss. Sie besteht vielmehr aus Lücken, Erinnerungen und Perspektiven. Steht bei Collodi die Verwandlung von der Puppe zum Menschein im Zentrum, so setzt Musio danach an. Was geschieht, wenn die Verwandlung stattgefunden hat – und die eigentliche Unsicherheit erst dann beginnt?
Was macht uns Menschen aus, wenn nicht die Fähigkeit Mitgefühl zu empfinden? Aus dieser Empathie heraus zu handeln und zu lieben ohne Bedingungen zu stellen? Was wenn wir erkennen müssen, dass wir betrogen wurden? Belogen? Getäuscht?
Sprachlich klar, feinfühlig und klug und mit der Übertragung der metaphorischen Bilder auf diesen jungen Mann, der einst „hölzern“ gewesen ist und der nach seinem Platz im Leben sucht, hat mich dieser Roman mit seiner Zwischenzeiligkeit herausgefordert.
Eine tiefe Religiosität kann nicht ersetzen was erinnert werden muss. „Wer glaubt, stellt keine Fragen“. Dafür, für das Fragenstellen nach seiner Herkunft, gibt es vom Vater Ohrfeigen. Offen und unbeantwortet bleibt, ob es andere gibt wie ihn. Andere, die ihm ein Gefühl von Zugehörigkeit geben können.
Er muß sich fühlen wie ausgehölt, dieser Pinò, denke ich. Wer ist man, wenn man mit den Erinnerungen eines anderen lebt? Wenn es Lücken im eigenen Leben, im Leben der Eltern gibt, die sich nicht schließen lassen?
Mehr und mehr verdüstert sich die Geschichte, es fühlt sich an als zöge eine unsichtbare Hand einen Vorhang vor jedes Fenster. Musio stellt Vertrauen auf die Probe, macht seinen Pinò zu einem Suchenden, der am Ende die bedingungslose Liebe zu dem Mann in Frage stellen muss, der ihn erschaffen hat. Zu dem Mann, den er Vater nennt. Der nicht sein Vater ist.
Bevor ein dunkles Familiengeheimnis ans Licht kommen darf, ich ahne längst, dass die hier gestellte Schuldfrage sich nicht wird wegwischen lassen, verstehe ich, warum eine Jury diese so besondere Geschichte für einen der bedeutendsten Buchpreise nominiert hat. Spannend wie ein Krimi liest sie sich, gewünscht hätte ich ihr, dass sie den Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr geschafft hätte.
Wer von Euch nach einem Roman sucht, der so ganz anders ist, als alles was man sonst so liest. Der Denkräume öffnet, nachdenklich macht, der die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die uns alle treibt wunderbar einfängt und der außergewöhnlich ist. Here we go. Schnappt Euch Aus anderem Holz und lest los. Diese Geschichte ist wie gemacht für den nahenden Herbst, mit seinen Nebeln, der aufziehenden Stille und Dunkelheit. Er bietet großes Erzählkino, möchte Toleranz stiften und Mut. Den Mut, dazu zu stehen, anders zu sein.

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