„Im Februar steht alles auf der Kippe, die Haselsträucher blühen und die Amseln singen schon, aber die Böden sind noch nass und kalt und auf den Höfen alle Hoffnungsspeicher leer.“
Textzitat Dörte Hansen *Broder
Broder von Dörte Hansen
Die See, ein Hof, ein manisch depressiver Himmel, ein Flachdach Bungalow, ein abgebranntes Hotel am Deich, das Watt und eine Kleinstadt. Die Magie des Nordens, eingefangen von einer Malerin, die sieht was andere nicht sehen, die hier ihre Bilder findet. Wider Erwarten.
Ein Apotheker, ein Großtierarzt und ein Jim Morrison Doubel auf Sauftour, ich bin ganz vernarrt in dieFragmente, die sich hier zu einer Geschichte, zu einer Lebenswelt fügen. Wer auf dem Dorf lebt weiß, das man sich kennt und auch wieder nicht und wie erstaunt man bisweilen ist, was andere über einen wissen oder zu wissen glauben. Es ist hart wenn man anders lebt als der Rest. Dazu gehören wird man nie. Auch das weiß man.
Henning Bahnsen war auf dem Hof des Vaters geblieben und sein Zwilling, der Tierarzt, den sie nie bezahlten, war gegangen. Vor zwanzig Jahren. Nach Frankreich. Jetzt lebte er wieder hier. Mit Marie Claude, die mit ihm zurück gekommen war, in ihrem Glashaus, am Ende einer Kopfsteinpflasterstraße in der Nähe des elterlichen Hofes.
Wer hat Schuld wenn ein Kind im Kornspeicher erstickt? Zwischen Mutter und Schwiegermutter entsteht ein tiefer Graben. Broder kommt zurück, als seine Nichte verunglückt und bleibt. Nicht, dass sie ihm nicht abgeraten hätten.
Das Dorf sieht alles und benotet streng, so hält man es hier. Einmal heulen mit Anfassen, das gilt auch und dann wenn sich zwei Schwestern gegenseitig den Spiegel vorhalten und sich die Pflaster von alten Wunden abreißen.
„Die Ängste haben freie Bahn. Sie jagen über leere Koppeln, treiben sich auf nassen Äckern und in kahlen Knicks herum und bilden Banden. Seuchenängste, Wetterängste, Schuldenängste rotten sich zusammen und dann stürmen sie die Höfe. Spielen Fangen mit den winterkranken Bauern. Nicht wie Kinder, sondern wie die Katzen mit den Mäusen.“
Textzitat Dörte Hansen *Broder
Wenn einer aufgibt, schreibt Dörte Hansen, dann im Februar. Und aufgeben tun hier viele dieser Tage. Sie erhängen sich an Stallbalken, lassen Anwesen verwahrlosen, gehen Pleite. Man erkennt diese Höfe schon vorher, rauh sind sie, sagt Paul Bahnsen Senior, der auf seinem Hof jetzt vom Altenteil aus beobachtet. Der jeden Tag am Bett seiner Frau sitzt, die nicht mehr aufstehen kann.
Seine Söhne tanzen zu „Tainted love“ auf Schnitzelpartys. Werden Sechzig. Henning, der des Vaters Hof bewirtschaftet und Broder, der Tierarzt. Der hatte den „Kuhverstand“ und Henning den für die Technik.
Liebevoll und warmherzig betrachtet Dörte Hansen in ihrem neuen Roman ihre Figuren und zeichnet deren Lebenswelten so nahbar und authentisch, dass man meint, man könne direkt in sie hinein spazieren. Ihre Dörfer, Häuser und Straßen sind nicht nur Kulisse, sie sind ein Zuhause. Die Bewohner haben Ecken und Kanten, reiben und stoßen sich aneinander, halten zusammen streiten, zanken und lieben sich. Wenn man Broder liest oder hört könnte man zudem meinen, die Autorin habe mindestens ein Praktikum bei einem Großtierarzt absolviert, ist auf Melkschemeln gesessen und hat selbst Hand an die Kühe gelegt. Dabei hat die 1964 in Husum geborene Dörte Hansen studiert, Linguistik und danach als Redakteurin für den NDR gearbeitet.
Sie lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland und hat 2015 ihren ersten Roman Altes Land veröffentlicht, der im gleichen Jahr zum Lieblingsbuch des Unabhängigen Buchhandels gewählt wurde. Für Mittagsstunde, ihren zweiten Roman erhielt sie 2018 gleich zwei Preise und Zur See, der dritte, folgte 2022. Drei oder auch vier Jahre lässt sich Dörte Hansen in der Regel Zeit zwischen ihren Romanen, ich habe sie alle geliebt, warte jedes Mal ungeduldig auf das Erscheinen des Nächsten. Hoffe es werden noch viele folgen.
Entschieden habe ich mich ein jedes Mal für die Hörbuch-Fassung. Mir vorgelesen haben bisher die großartige, leider schon verstorbene Hannelore Hoger und eine grandiose Nina Hoss. Für Broder hat sich Dörte Hansen diesmal selbst ans Mikro gesetzt. Sie hat ihre neueste Geschichte, die wie gewohnt bei Random House Audio erschienen ist, lieben Dank für das Besprechungsexemplar, ungekürzt selbst eingelesen. Rund fünf Stunden und vierzig Minuten hing ich an ihren Lippen und jedem ihrer Sätze nach. Tatsächlich war es so für mich, als habe mir die Autorin die Tür geöffnet, mich persönlich eingeladen Platz zu nehmen um mich in ihrer Geschichte umzuschauen. Man fühlt sich sofort wohl mit ihrem Vortrag, ihrem Personal und sprachlich schafft Dörte Hansen es für mich jedes Mal noch eine Schippe draufzulegen.
Als quasi hörendes Fangirl der ersten Stunde habe ich Euch die Links zu meinen vorhergehenden Besprechungen hinter die eingefügten Cover gelegt. Jede dieser Hörbuch-Produktionen ist für sich ein Volltreffer und ich für meinen Teil hätte rückblickend nicht lieber lesen mögen.
„Der Himmel ist in diesen Tagen seltsam weiß, wie eine leere Leinwand, über flachen Grund gespannt, unendlich Platz für Sätze oder Fragen. Man könnte alles denken, alles schreiben oder malen in den endlos weiten Raum.“
Textzitat Dörte Hansen *Broder
Da ist es, das Highlight meines Leseherbstes! Ganz vernarrt bin ich in diese Szenenbilder und großartig finde ich auch, wie Hansen dieses herb grummelige und leicht verstockte in viele ihrer Figuren packt. In jedem ihrer Romane schafft sie es, dass ich meine, ich gehe aus dem Haus und treffe eine davon beim Bäcker ums Eck, diesmal aber hat ihre Geschichte mit mir noch ein bisschen mehr gemacht.
Eine Szene hat sie geschrieben und einen Satz, der mich schlicht umgehauen hat: „Es zählt nur einer auf dem Hof, das ist der Sohn der bleibt“ und das Gefühl, dass dieser Sohn hat, wenn er wieder in der Küche seines Elternhauses sitzt, wie er sich als Gast und fremd fühlt, das konnte ich so gut nachfühlen. Dörte Hansen fängt es so ein, dass ich mit einem Kloß im Hals innhalte und mir die Tränen wegblinzeln muss. Überhaupt ist es das WIE sie in Broder ihre Szenen einfängt, wie sie mit nur wenigen Wortstrichen Orte und Menschen zeichnet, so empathisch und im Detail, ohne zu überladen, dabei sprachlich zum Niederknien schön. Die Wände möchte ich mir am liebsten mit ihren Zitaten tapezieren.
Dabei geht es manchmal ganz banal nur um eine Wachstuchdecke auf dem Küchentisch, meine Oma Anna hatte auch so eine, gewechselt wurde die erst, wenn sie schon tiefe Schnitte hatte und wenn ganz viel Leben in sie eingesickert war. Solche Bilder sind es, die in mir beim Hören wieder hochkamen und die leise Traurigkeit in Hansens Stimme und die Satzpausen die sie gekonnt setzt, tragen ihren Roman wie auf Händen mitten in mein Leseherz.
Wer sagt eigentlich, das Heimat nicht auch wehtut? Besonders wenn man sie verlässt, aber nicht hinter sich lassen kann. Weil man aus der Rolle, die einem zugeschrieben wurde nie herausgewachsen konnte.
Hinter glänzenden Maschinen und digitalem Herdenmanagement stehen in Broder wirtschaftlicher Druck und alte Verletzungen, die nie wirklich verheilt sind. Aus Geschwisterliebe ist über die Jahre ein kompliziertes Gemisch aus Verbundenheit und Konkurrenz geworden.
Der Hof wird dabei zu weit mehr als einem Schauplatz. Er ist Arbeitsplatz, Erbe und Gefängnis zugleich. Hier werden alte Regeln weitergegeben, oft ohne dass jemand sie ausspricht.
Vater, Sohn und Hof – eine Ordnung, die lange selbstverständlich schien, gerät ins Wanken. Dörte Hansen lässt ihre Figuren in ihren Widersprüchen stehen. Ein kurzer Satz enthält die ganze Vergangenheit zweier Menschen. Ein Schweigen wird zum Vorwurf. Eine beiläufige Bemerkung bekommt das Gewicht einer jahrzehntealten Kränkung. Und dann ist da diese Landschaft. Das hier ist keine Postkartenidylle. Die Böden sind schwer, die Winter kalt, Stallgeruch haftet an Kleidung, diese Höfe sind keine romantischen Rückzugsorte, sondern Orte, an denen gearbeitet, gerechnet und durchgehalten werden muss.
Präzise, schnörkellos und ihre Lakonie immer dann einsetzend, wenn es schwer aushaltbar wird, so schreibt Dörte Hansen. Lange habe ich für die Bahnsens gehofft, das am Ende gut ausgehen wird für sie. Habe mich mit Border gefragt, ob man irgendwann aufhören kann mit der Vergangenheit abzurechnen. Landschaft bietet keinen Trost auf Bestellung, auch dann nicht, wenn es um Schuld geht. Um die, die einen trifft, wenn man sich heraushält. Um die, die sich ergibt, weil man tut was man tut. Man hat mit ihr zu leben.




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