Man muss nicht lügen um nicht die Wahrheit zu sagen. Es genügt zu Schweigen und schon füllen sich die Lücken. Es wird spekuliert und gedeutet und manchmal ist Schweigen eben nicht Gold. Es wirkt wie ein Gift, das langsam und schleichend das Vertrauen erstickt, Bindungen zerstört und nichts ist mehr wie zuvor, wenn man es bricht. Das Schweigen.
„Wenn sich ein Geheimnis löst, beginnt die Geschichte von Neuem. Als zweite Fassung. Jeden von uns gibt es ab dann in der einen und in der anderen Version.“
Textzitat Anousch Müller
Lori von Anousch Müller
Heißt in einem Bahnhof zu leben auf der Durchreise zu sein? Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges fuhr diesen Bahnhof kein Zug mehr an. Ein Bombenkrater, verursacht durch eine verirrte Fliegerbombe, hatte die Gleise davor geteilt und eine Lücke hinterlassen, die niemand mehr hatte schließen wollen. Die Dörfer entlang dieser Versorgungsader verwaisten. Im Thüringischen, abgelegen am Rand eines dieser Waisendörfer, lebten in diesem Bahnhofsgebäude, auf dem Abstellgleis, seit Jahren die, die etwas auf dem Kerbholz hatten. So hieß es. Diejenigen, die etwas zu verbergen hatten. Diejenigen, die nicht gekommen waren um zu bleiben. Die, die nicht dazu gehörten. Das galt auch für Sie. Obwohl ihr Vater, der Rettungssanitäter war, im besten Wortsinn sehr verbindend, daran arbeitete. Dazu zugehören.
Für die Kinder des Ortes, waren dieser Bahnhof und die Familie die jetzt dort lebte, waren Leni und ihre Geschwister, Anziehungs- und Fluchtpunkt. Das Verbotene hat immer einen ganz eigenen Reiz. Das wissen wir. Was wir nicht wissen ist, was diese Familie verbirgt. Was diese Eltern vor ihren Kindern verbergen. Was wir nicht wissen ist, was mit Lori geschah. Einem der Geschwisterkinder. Das nicht mehr lebt.
Eine Rebellin an der Nähmaschine und an der Färbetablette. Das war ihre Mutter gewesen. 1973, bevor sie mit Robert, ihre ersten beiden Kinder bekam und nachdem sie für Werner, ihren Chef und für die Stasi spioniert hatte.
1989. Scham und Begrüßungsgeld. Willkommen. Im Westen. Verlust, Schweigen, Schmerz, Trauer und Trost.
Anousch Müller, geboren am 8. Dezember 1979 in Erfurt, schrieb u.a. für die Welt und die Süddeutsche Zeitung und arbeitete am Literarischen Colloquium Berlin. Für ihren Roman „Brandstatt“ der 2013 erschien wurde sie mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste deutschsprachige Debüt des Jahres ausgezeichnet. Zuvor hatte sie mit einem Auszug aus diesem Text am Ingeborg Bachmann Wettbewerb teilgenommen. „Lori“ ist nach einer engagierten Sachbuchveröffentlichung aus dem Jahr 2016, in der die Autorin sich kritisch mit dem Beruf des Heilpraktikers auseinander setzt, Anousch Müllers zweiter Roman.
Intensiv und eingängig zugleich hat mich die Geschichte von Lori und Leni, hat mich die Sprache, die Erzählart von Anousch Müller am Kragen gepackt und auch dann nicht losgelassen, nachdem ich die letzte Seite umgeblättert hatte. Müller setzt Leni, eines der Kinder dieser Familie, als Erzählerin ein. Ein Kind, das eine Mutter erinnert, die quasi immer schwanger war, die sich verlässlich den Neugeborenen zu- und dann wieder abwandte, wenn erneut eine Niederkunft anstand. Der Kümmerer in ihrer Familie war der Vater. Quasi von Berufswegen klebte er die Pflaster, tröstete und verband. Die großen und die kleinen Wunden. Der Tod von Lori, Lenis Schwester, hat eine Wunde hinterlassen, die noch immer nicht vernarbt ist. Eine Leerstelle, die hartnäckig beschwiegen wird. Bis Leni am Schorf zu kratzen beginnt und wie das mit allem ist, was man unter den Teppich zu kehren versucht, irgendwann ist der Hubbel zu groß und man stolpert. Über all das Ungesagte. Über das Bittere und Hässliche.
Schwer zu sagen, was mir bei Lori besser gefallen hat, Anousch Müllers klare Sprache oder die Tatsache wie sie die Dinge zwischen ihren Zeilen stehen lässt. Was erinnern wir aus Kindertagen wirklich und was wurde uns nur erzählt? Was davon haben wir uns über die Jahre selbst erklärt? Können wir unserem Gefühl, diesen Bildern in unserem Inneren trauen? Was, wenn wir feiern, was, wenn wir verdammen, was so überhaupt nicht gewesen ist?
„Wenn der Staat nicht spionierte, einsperrte oder mordete, war er fürsorglich und pragmatisch.“ Textzitat Anousch Müller
Fragen stellen sich mir beim Lesen in den Weg. Viele davon. Gleichzeitig entsteht da ein Bild der ehemaligen DDR, das wie ein unscharfer Hintergrund in der Geschichte immer präsent ist. Bespitzelung und Abhängigkeiten, festgelegte Rollenbilder, Schweigen und Ausbruchsversuche aus einem System für das Erklärungsversuche unternommen werden. Diese Mischung ist es, die Lori besonders macht und die Müllers Erzählen von anderen DDR- und auch von anderen Familien-Romanen abgrenzt. Das und diese Protagonistin. Helena, Leni ist eine Suchende, bleibt es. Lange. Fühlt sich betrogen. Um die Wahrheit und um ihre Erinnerung. An eine Schwester, die sie fühlt und vermisst, die wie ein Phantomschmerz immer da ist. Ihr Leben, ist geprägt von Filmrissen und Flashbacks. Erst nach einem psychischen Zusammenbruch und auf das Drängen ihres Freundes hin, beginnt sie nachzuforschen was in ihrer Familie so vehement unter Verschluss gehalten wird.
Und spannend ist Lori auch. Unterschwellig baut sich diese Spannung auf. Krallt sich an Andeutungen und an das Ungesagte. Bis die Granate einschlägt und alle in dieser Familie die Splitter abkriegen.
Sprachlich nuanciert Müller fein und sie hat es nicht nötig alles auszuerzählen, wir verstehen auch so. Es ist unglaublich was in diesen schmalen Roman alles hinein passiert. Am liebsten alles möchte ich davon verraten und dann auch wieder nur nicht zu viel. Weil es Euch diesen Moment nehmen würde, den Moment der Klarheit, den Leni in der Geschichte erfährt. Diesen Moment, der alles ändert.
Es gibt nicht viele Bücher, die mich noch nach dem Lesen so beschäftigt haben wie Lori. Man legt den Roman zur Seite, sortiert ihn ins Regal, also ich, nimmt ihn Tage später wieder zur Hand und alles ist wieder da. Sofort. Das ist großartig und wunderbar, wenn man es vermag so zu erzählen, so zu schreiben. Das es bleibt. Das Gefühl, das man beim Lesen hatte. Doch. Lori ist eines meiner liebsten Bücher geworden.
Weil dieser Roman eine Zerreißprobe ist und gleichzeitig der Beweis dafür, was möglich ist, wenn man bereit ist zu verzeihen. Die Schuld wiegt schwer in dieser Geschichte und wie Müller Paukenschläge immer wieder zwischen ihre leisen Töne setzt, ihr Erzählkonstrukt, das hat mich sehr beeindruckt und Leni. Du wirst mir auch bleiben!
Danke, dafür, liebe Anousch Müller und lieben Dank dem Team von C. H. Beck Literatur für dieses Rezensionsexemplar.

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