Rein geographisch gesehen, sind nur etwa 10% der Fläche der Schweiz besiedelbar. Berge verstellen vielfach den Weg. Zu klein um sich zu verteidigen sei man, daher stets politisch neutral und Meister des Baus von Seilbahnen, sondern auch in Sachen Bunkerbau. Der ist bei einem Neubau verpflichtend, eine Abgabe für den Bau öffentlicher Schutzräume obligatorisch, wenn man denn selbst nicht baut. In dieser Geschichte einer Schweizer Journalistin und Autorin kommt die Bedrohung allerdings nicht von außen und wurde lange vorhergesagt …
„Die Natur kennt keine Schäden nur den Wandel.“
Textzitat Seraina Kobler
Tal der Schwalben von Seraina Kobler
Wenn Berge stürzen gerät die Welt ins Wanken. Erdbeben erschüttern sie in ihren Grundfesten.
Der 14. September war ein strahlender Tag gewesen und der Tag, an dem ein Felsturz alles verändert hatte. Man lebte danach in einer anderen Schweiz.
Die französischsprachigen Kantone dachten laut über eine Verbindung mit dem großen Nachbarn Frankreich nach. In den deutschsprachigen waren Stadt und Land nicht mehr einer Meinung. Das Land stand vor großen Umwälzungen, leere Stromspeicher und ein strenger Sparkurs des Bundes brachten wütende Demonstranten auf die Straße.
Ein Forschungsinstitut am Genfersee. Ein ambitionierter Betonbau in Form einer Doppelhelix. Noch hatte der Teilchenbeschleuniger, von dem wir alle wissen, dass er ein schwarzes Loch produzieren können soll, noch keines hervorgebracht. Die Suche nach der reinen Energie hatte man allerdings noch immer nicht aufgegeben.
Gleich hell und gleich kalt war es in diesem Labor unter der Erde, indem man danach forschte, was unseren Planeten zusammenhielt.
Seraina Kobler, geboren 1982 in Locarno, ist im Tessiner Onsernonetal aufgewachsen. Die studierte Linguistin und Kulturwissenschaftlerin, arbeitete für verschiedene Zeitungen, veröffentlichte 2020 ihren Debütroman mit dem Titel Regenschatten. Im April 2022 folgte der Krimi Tiefes, dunkles Blau, der mehrere Monate auf die Schweizer Bestsellerliste stand. Bereits in ihrem Debüt beschäftigte sich Kobler mit dem Klimawandel, ein Thema, das sie in ihrem aktuellen Roman ebenfalls aufgreift und das sie diesmal mit dystopischen Anklängen verhandelt. Die Mutter von fünf Kindern lebt heute in Zürich.
Stadt und Land sind sich uneins geworden in diesem ihrem Roman. Die Städte sind zur allmächtigen „Metropolitane“ verschmolzen und über die Schweizer Alpen herrscht ein Energiekonzern. Zuwegungen in stille Alpentäler sind abgeriegelt und/oder werden streng kontrolliert.
Es gibt Romane, die eine Zukunft entwerfen, von der wir am liebsten sagen wollen, das wird so nicht kommen. In diesem Fall bin ich mir da nicht so sicher.
Seraina Kobler sät in mir diesen Zweifel. Die Themen, die sie verhandelt, haben für mich eine erschreckende Relevanz und genau da, liegt für mich auch die Stärke ihrer Geschichte. Können wir uns in unserer sich rasant veränderten Welt noch immer schnell genug neu verorten?
Bildhaft lädt Kobler uns ein, Gast zu sein in einer bedrohten alpenländlichen Szenerie, die sie in eine vom Klimawandel geprägte Zeit versetzt. Ihrer Hauptfigur dichtet sie eine verflossene Liebe an und lässt ihn zurückkehren in eine Heimat, die keine mehr ist und die er doch, noch immer nicht abstreifen kann.
Alesch, ist das, ihr Protagonist, er agiert, in dieser aus den Fugen geratenen Welt aus dramatischen Felsstürzen und verlassenen Tälern, das und unser Hunger nach Energie, bleiben bei Kobler nicht nur Kulisse. Das ist ihr gut gelungen, aber …
Abenteuerroman, Heimatgeschichte, Klimafiktion, dieser Roman hätte nachdenklich und spannend werden können. Wie ein Gletscher bei Tauwetter: Schön, bedroht und so mancher Gedanke aus den Erzählsträngen hätte unter seiner Oberfläche weiterfließen könne. Da wäre mehr möglich gewesen für meinen Geschmack. Leider triftet der Plot für mich nach einem gut aufgeschlagenen Anfang alsbald schon in eine Richtung, die ihn gefühlig und vorhersehbar macht.
Im Kern Umweltroman mit dystopischen Anklängen, verwässert seine Botschaft durch eine eingebrachte Beziehungsgeschichte auf die das Spotlight fällt. Beinahe wie in einer Daily Soap renkt sich alles immer wieder, ein jede Skandalbotschaft wird zunächst irritiert, dann gelassen hingenommen. All das ist in eine Sprache verpackt, die für mich einen Hauch zu viel Zuckerguss und Pathos hat und zuviele Dialoge. Die sorgen zwar für Kurzweil, mich hat das aber Summa Summarum nicht abholen können. Schade eingedenk dieses Themas, das reichlich Sprengstoff bietet, besonders wenn man ihm durch das Verlegen in ein nahe Zukunft einen erweiterten Rahmen gibt.
Die Hörbuch-Fassung des Romans liest der 1981 geborene Züricher Schauspieler Jonas Rüegg. Rund 8,5 Stunden erwarten diejenigen, die gerne zuhören mögen, wer lieber lesen möchte, blättert sich durch 352 Seiten. Rüegg, Jahrgang ’81, ist als Schauspieler und Sprecher für Film, Theater und Hörbuchproduktionen tätig. Sein nachdenklicher Ton hat mir gefallen, er schafft es die Geschichte stimmlich wunderbar zu erden.

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