Das eiserne Herz des Charlie Berg (Sebastian Stuertz)

Freitag, 01.05.2020

Wie mache ich das jetzt? Ein paar einleitende Wort zu dieser Geschichte hier schreiben. Eine Geschichte, die wie ein kunterbunter Strauß ist, wie ein wilder Ritt durch die Neunziger. Vielleicht fange ich so an: Was fällt mir als erstes ein, wenn ich an sie zurück denke? Hirschgulasch. Ja, genau. Charlies Oma kochte es immer dann, wenn jemand von einer Reise zurück kam. Sie die Kräuterfee, deren Herz dem Wald gehört. Die verheiratet ist mit einem Trunkenbold von Förster, der Charlie heimlich das Schießen beibringt und die für mich das schlagende Herz dieser Geschichte ist, aber immer der Reihe nach, ich greife schon vor …

Das eiserne Herz des Charlie Berg (Sebastian Stuertz)

Charlie war ein guter Schütze. Wenn er mit dem Opa auf dem Schießstand war, hatte er immer alles getroffen. Den Hirschen aber, der jetzt schnaufend vor ihnen lag, hatte er nur mit einem Streifschuss erwischt. Charlie hob seinen Blick auf, es raschelte in einem nahen Busch. Hatte er etwa noch ein Tier erwischt? Nein, kein Tier. In einer weiteren Blutlache lag ein Mann in Tarnkleidung. Es war Opas Wald, was hatte der hier verloren? War er ein Wilderer? Tat er sich hier am Wild gütlich, wie die Wölfe, die mittlerweile auch hierher zurück gekommen waren?

Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihm nicht. Als der Opa anlegt um ihrem Hirsch den Gnadenschuss zu geben, echot ein weiterer Schuss durch den Wald und sein Opa sackt leblos zu Boden …

Sebastian Stuertz, geboren 1974, Medienkünstler, Autor aus Hamburg, Musiker, Grafiker mit eigenem Podcast. Hier interviewt er mit einem Partner Schreibschaffende. Am Cover seines Romans und auch am Titel hat er selbst mit Hand angelegt und der Verlag hat es dankenswerter Weise zugelassen. Das die Buchstaben des Titels ungleich und schräg liegen ist so konsequent wie passend und haben mich, zugegeben, in diesen Roman gelockt.

Krimi oder Familiengeschichte, oder doch lieber eine Coming of Age-Story schreiben? Warum entscheiden, wenn doch alles in einem geht!

Ein Opa, der sich vom Nazi zum Softi wandelt? Eine wirklich coole Oma. Das ausgerechnet sie der Schlag treffen muss, so ist wohl das Leben. Die Mutter Schauspielerin mit Spleen und recht wenig Familiensinn. Der Papa, na ja, mit Marihuna und seiner Band hat auch er mehr am Hut als mit seinen beiden Kindern Charlie und Frizzi, aber ein lieber Kerl ist er irgendwie schon auch. Supernase Charlie, der mehr Gerüche auseinander halten kann als jeder ausgebildete Spürhund. Hirsche mit telepathischen Fähigkeiten, Charlie, der mit ihnen kommunizieren kann, Musikstücke und Parfüms die den Text begleiten. Hier summt es vor Ideen.

Leichtfüssig erzählt Stuertz. Seine Sätze scheinen ihm förmlich aus der Feder oder den Tasten zu hüpfen. Munter plaudert er die Szenen daher,  die Charlie im Rückblick auf seine Schulzeit erzählt. Gut, emotional ist der Gute vielleicht etwas fehlgeleitet, seine Eltern haben ihm bislang aber auch nicht wirklich viel Aufmerksamkeit geschenkt, und gleich ob Erbkrankheit oder Herzmuskelentzündung, sein Herz hat den Rhythmus verloren, es ruckelt und knockt ihn regelmäßig aus.

Blackouts, Herz- Kopf- und Basisnoten. Charlie ist auch ein wirklicher Connaisseur. Düfte schwirren hier durch die Luft, nicht nur mit exotischen Duftnoten und komponierten Düften ist sie förmlich voll gesogen. Erde, Fichtennadeln, süßes Gebäck, alles was man wahrnehmen kann, wenn man seine Sinne, seine Antennen auf Empfang stellt, füllt hier die Räume zwischen den Zeilen. 

Diese Geschichte ist schräg und kurios und ein wenig auch an den Haaren herbei gezogen. Sie kann in einem aufgehen wie ein Samenkorn, sie kann gute Laune verbreiten. Nicht grübeln wollte ich, über Sinn und Unsinn, sie einfach annehmen, mich treiben lassen. Es hat geklappt, vortrefflich sogar! Sie hat mich wach gehalten, lächeln lassen und den Kopf schütteln und ich bin schon ein bisschen verliebt in sie und in ihn, den Charlie. Dessen Nase stark und dessen Herz schwach ist. Der unbedingt in einen Leuchtturm einziehen will. Nicht der Aussicht wegen, sondern um Vögel zu zählen und um Schriftsteller zu werden. Um sein Buch zu schreiben, das er sich längst schon im Kopf zurecht gelegt hat und das fraglos ein Bestseller werden würde.

Der nicht mehr der sein will, der die Ordnung in seiner Familie aufrecht halten muss und dessen Schwester Fritzi, sieben Jahre alt, inselbegabt und autistisch, das “Buchverücktsein” auf eine ganz neue Ebene hebt, schafft sie doch mehr als 300 Bücher im Jahr! Seine Mutter, auf dem Karrieretripp, zieht just in dem Moment aus, als er in die Selbstständigkeit aufbrechen will und dann ist auch noch sein Opa tot. Erschossen.

Mörder wider Willen. Eine Flucht aus dem Krankenhaus, wenn das mal gut geht. Beste Freunde, Wetten und Schwüre. Eine hartnäckige Kommissarin hat sich hier ebenfalls eingenistet und die Frau ist gut, den von Charlie ausgelegten Spuren folgt sie akribisch, spinnt daraus ihr eigenes Garn.

Vom Erwachsen werden und Erwachsen sein, derweil sich die Fantasien Pupertierender überschlagen und die Hormone überkochen. Lockende Zwickmühlen inklusive. Einen Abzug in der B-Note vergebe ich für nach meinem Geschmack allzu viele “Penisabenteuer” inklusive zu erschnüffelnder Körpersäfte und was sich hier Backstage so alles abspielt wollte ich gar nicht so genau wissen. Die Derbheit dieser Späße war nicht so wirklich mein Fall, diese Hormonräusche wurden für mich zu häufig thematisiert. 

In einem Atemzug alles gewinnen und alles verlieren. Das Herz aus Fleisch und Blut ersetzt durch eine Pumpe aus Titan, verkabelt und verdrahtet. Was ist man ohne ein Herz? Wo sitzt das Herz eigentlich? Das Ding mit dem wir fühlen? Was ist man ohne sein eigenes Herz? Wer ist man ohne sein Herz? Warten bis jemand stirbt, um selbst leben zu dürfen. Für Charlie kommt es nach einer letzten Ohnmacht knüppeldick und unter den humorvoll, bissigen Grundton der Geschichte mit den vielen Seitensträngen mischt sich ein Hauch Nachdenklichkeit. Schön!

Von Pilzen und Pillen. Von unglaublichen Geschichten, Traumdiktaten und was weiß ich noch für Kopfschüttlern. In ein Baumhaus in einer Buche, hoch oben über den Dingen, entführt mich dieser Roman. In eine Art Traumreich, in dem ich mir um meinen Alltag einmal keine Gedanken machen musste. Auch dank Charlies grandioser Oma, sie mochte ich dann vielleicht doch am liebsten? Nein den Charlie, oder doch seine feurige, wehrhafte, ganz und gar nicht zimperliche Freundin? Ach, egal. Ich muss mich ja nicht entscheiden, ich darf sie alle mögen und verzeiht mir meine flatterhafte Rezension, meint Herz flimmert nämlich immer noch etwas nach dem Genuss dieses Debütromans. 

Der wie Rock ‘n Roll ist, ausgestattet mit einem sympatischen Antihelden der auch ein Duftkomponist ist. Oh, wie ich das liebe. Seit ich mein eigenes Geld verdiene, treibe ich mich mindestens so oft in gut sortierten Parfümerien rum, wie in Buchläden. Herrlich diese Kombination einmal so in einer Geschichte vereint zu finden.

Man hätte sie auch mit weniger Sätzen und weniger als 700 Seiten erzählen können, muss man aber nicht und ich finde ja auch, diese Geschichte kann man eigentlich nur hören. Ja, ehrlich. Denn die Musik von der Stuerz schreibt ist im Hörbuch auch tatsächlich zu hören. Keine Ahnung in welche Schublade sie gehört, ich sag mal “sphärischer Swing” dazu und er ist DER denkbar beste Interpret dafür, zum Niederkien liest die Hörbuch-Fassung:

Shenja Lacher, deutscher Schauspieler, geboren 1978 im Erzgebirge, das in 19 Stunden und 18 Minuten (gekürzt) aber grandios. Zuletzt hatte er mir noch im “Haarmann” von Dirk Kurbjuweit eine gehörige Gänsehaut beschert, so nah war er da dem Wahnsinn in der Haut der Hauptfigur gekommen. Hier darf er einmal ganz andere Facetten zeigen, humorvolle, augenzwinkernde und diese Wandlung gelingt ihm perfekt. So perfekt, dass ich seine Stimme auf Anhieb erstmal nicht wieder erkannt habe. Zwei grundunterschiedliche Geschichten, zwei ganz und gar verschiedene Interpretationen.

Lacher flüstert verschwörerisch, ist empört, amüsiert, singt und swingt. Einen Sprechgesang à la Barry White hat er tatsächlich auch drauf und wie sie seine Stimme im Show-Down hier mit Musik unterlegt haben, ich denke mal auch die hat Stuertz von Hand gemacht, genial! Meditative Töne erklingen und Lacher bespricht sie so, als schwebe er im Bardo. Was für eine Traumbesetzung für diesen Stoff man mit ihm gefunden hat!

Mein Dank geht an @Der Hörverlag für dieses Rezensionsexemplar.

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