Mit beiden Händen den Himmel stützen (Lilli Tollkien)

Genau weiß ich es nicht mehr. Wann ich Wir Kinder vom Bahnhof Zoo gelesen habe. Ich muss sechzehn oder siebzehn gewesen sein. Was ich noch weiß, ist, dass ich danach nie wieder achtlos an U-Bahn Haltestellen oder Bahnsteigen vorbei gehen konnte, dass ich es plötzlich verstanden hatte, was es bedeutet, wenn einen eine Sucht im Klammergriff hält und was, wenn man buchstäblich angefixt wird. Was Heroin für eine Bitch ist und wie unfassbar schwer es sein muss wieder davon loszukommen.

Lale ist ein Heroin-Baby, kaum auf der Welt, muss sie einen Entzug machen und als wäre ihr die Sucht im Mutterleib auf die Seele tätowiert worden, wird sie ein Leben lang mit Süchten und dagegen zu kämpfen haben. Das hier ist ihre Geschichte und die, die uns Lilli Tollkien in ihrem Debütroman erzählt, mit dem sie den Sprung auf die Longlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat und ich wollte wissen warum.

Den Vergleich zu Christiane F. habe ich bewusst gewählt, um all denen unter Euch eine Warnung zu geben, was inhaltlich hinter diesem Titel steckt der impliziert, dass einem der Himmel auf den Kopf fallen könnte, auch wenn die titelgebende Geste in der Geschichte einer Qi Gong Bewegung entlehnt ist …

Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien

Zahlreiche Versuche clean zu werden hatte ihre Mutter hinter sich. War gescheitert. Regelmäßig und das Heroin war über die Nabelschnur auf ihr ungeborenes Kind übergegangen. Jetzt gerade ist sie über einem Schuss eingeschlafen und ihre zweieinhalbjährige Tochter krabbelt arglos am Boden, entdeckt ein Tütchen mit Rohypnol Tabletten und schluckt alle. Lale überlebt, der Mutter entzieht man das Sorgerecht, gibt die Kleine in staatliche Obhut. 

Immer hungrig und ausgesprochen schüchtern. Grobmotorisch und ungelenk, mit Beinen so lang wie die einer Giraffe, so holt man sie aus dem Kinderheim. Jetzt lebte sie hier. In der Männer-WG von Karl-Heinz, einem Freund ihres Vaters. Ihr Vater war nach einem missglückten Bankraub, man eiferte den Aktionen der Baader-Meinhof-Bande nach, was manchmal klappte, also eine Bank überfallen und manchmal eben nicht, eingefahren. In den Bau.

Nichts war verboten in dieser Wohngemeinschaft von Karl-Heinz und Marianne. Es gab Fanta und Nutellabrote bis zum Abwinken, aufbleiben durfte Lale immer solange sie wollte. Was klingt wie das Paradies für ein Kind ist alles andere als das.

In dieser Welt wird links gedacht und gehandelt. Man feiert Revolution und erklärt sich solidarisch, plant ein Schulprojekt in Nicaragua. Bricht auf. Lale kommt mit. Sie ist fünf da begegnet sie Vogelspinnen und Skorpionen, hat Ameisen im Pfefferminztee, erlebt Waldbrände und eine andere Welt.

Wieder zurück wird ein Kasettenrecorder Lales Welt. Sie startet ein Interviewprojekt, will die Mutter, von der sie getrennt ist beschenken.

Rio Reisser hallt durch die Wohnung. Ein moosgrünes Sofa wird zum Tatort. Anleitungen für Sprengsätze, Tschernobyl und saurer Regen. Drogen bestimmen die Stimmung. Lale balanciert auf dünnem Eis.

Haschisch, stockfleckige Bettwäsche, der Geruch nach Bier und Überbackenem. Mann teilt sich das Badewasser und die Frauen, wusste besser wie es zu laufen hatte, während Lale nach Unbeschwertheit und Leichtigkeit sucht.

Liebesbriefe zum Ankreuzen, Schulschwänzen, Schnaps, Joints und Pilztrips mit dreizehn, der Wechsel vom Gymnasium auf die Hauptschule und ein Besuch bei der Psychologin. Ändern nichts. Lale fängt sich nicht. Lale fällt. Niemand fängt Lale auf.

Der Wunsch dazuzugehören scheint mir die Überschrift über allem in Lales Welt. Empathisch bleibt Lilli Tollkien nah bei ihrer Protagonistin, während ich aus dem Kopfschütteln, dem Mitfühlen nicht mehr herauskomme. Alles scheint ausweglos. Wo wird mich das in der Geschichte, wo wird Lale das hinführen? Ihrem jungen Leben fehlt jeglicher Halt, vielleicht kann ihr ja die Punkszene das geben wonach sie so verzweifelt sucht? Nach Verbundenheit. Tatsächlich denkt Karl-Heinz, der patriarchale Boss der WG die Homöopathie könnte helfen, als die guten Noten ausbleiben und das Jugendamt sich einschaltet. Lale verliert sich mehr und mehr und als ihre Mutter an ihrer Sucht stirbt, die Wurzeln und die Hoffnung. Die Hoffnung, dass es zu schaffen ist, sich zu befreien.

Depressiv und voller Verlustängste, immer verliebt in die Falschen und zu sehr, schafft sie dann doch noch ihr Abitur, beginnt ein Medizinstudium, schmeißt hin, muss eine Abtreibung aushalten, Yoga wird zur Obsession, dann Kunst.

Es wogt hin und her, in Lales Leben und auch in diesem dicht gewobenen Plot. Intensiv und aufwühlend kehrt Lilli Tollkien Lales Innerstes nach außen. Fügt Songtexte ein, deutsche und englische, die ihre Hauptfigur begleiten wie eine allgegenwärtige Playlist. Nirvana, Ton Steine Scherben, David Bowie. Sie trösten und helfen die Wut auszuhalten. Wenn die Betäubung durch Alkohol und Tabletten nachlassen.

Da ist viel Gefühl. Immer. Weil die Furcht nah beim Herzen sitzt, der Ekel in der Kehle und die Scham um die Augen, schreibt die Autorin. Das ist Lale auch von damals geblieben. Das und die Besuche bei der Mutter. Bei der Großmutter, bei ihr und ihrem zweiten Mann lebt ihre Halbschwester, auch sie konnte nicht bei der Mutter bleiben.  

Lilli Tollkien, geboren 1980 in Berlin, studierte Regie und Musiktherapie, arbeitete u.a. als Suchberaterin in einer JVA und lebt mit ihren beiden Kindern in Leipzig und nein, wenn ihr denkt was ich denke, sie ist nicht verwandt oder verschwägert mit DEM Tolkien. Sie hat ja auch ein paar Ls mehr im Namen als der Herr-der-Ringe-Autor und Ur-Vater der High-Fantasy.

Diese ihre Geschichte hat nichts mit Elben und Zwergen gemein, sie hat Wucht und Lilli Tollkien erzählt sie so, dass man mehr als einmal nach Luft schnappt. Das tut sie mit leichter Hand, was mich verblüfft und begeistert hat. Ihre Hauptfigur fungiert von Beginn an als Sympathieträgerin. Tollkien lässt sie als Kind zu Wort kommen, erzählen was sie noch erinnert, diese Erinnerungsbilder fügt sie zusammen mit dem, was man ihr von früher erzählt. So entsteht ein Mosaik, das Lilli Tollkien in einen politischen Kontext der Siebziger und Achtziger Jahre stellt.

Ihre Sprache ist bildhaft und eindrücklich, sie erzeugt Betroffenheit und immer wenn man als Lesende meint schlimmer geht es nicht, legt Tollkien nach und eine Schippe drauf. Bis ich am Ende mit diesem Zitat dastehe und das Blatt sich zu wenden scheint. Tut es das?

„Die Versatzstücke fremder Leben türmen sich vor mir auf wie ein Wäscheberg und ich bin bloß noch ein Echo. Es bleiben nur Worte. Das Schreiben wird ein Zuhause sein.“

Textzitat Lilli Tollkien

Der Sprung auf die Shortlist ist leider nicht gelungen. Das wissen wir seit Dienstag dieser Woche. Was nichts daran ändert, das man hier einen richtig guten Roman in Händen hält oder ihn auf den Ohren hat.

Sehr gerne empfehle ich allen, die lieber hören wollen, die Hörbuch-Fassung gelesen von Aileen Wrozyna. Die in Braunschweig geborene Theaterschauspielerin liest mit Leib und Seele und wird mir als Lale im Ohr und im Herzen bleiben.

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