Die Gipfel des Himalaya, das Taj Mahal in Agra, der Palast der Winde in Jaipur, eine fünftausendjährige Geschichte, mit rund 1,426 Milliarden Einwohnern gilt Indien seit 2023 vor China als der bevölkerungsreichste Staat und mit seinen 28 Bundesstaaten auch als die bevölkerungsreichste Demokratie unserer Erde. Ein Land der Gegensätze, nicht nur geographisch von den höchsten Höhen des Kangchenjunga, mit seinen 8.586 Metern und drei Nebengipfeln, die ebenfalls die achttausender Marke überschreiten, bis hinunter ins Tiefland, dem der Monsun und seine Flüsse Ganges und Brahmaputrains alljährlich schwere Überschwemmungen bescheren, sondern auch wegen seiner so immens kontrastierenden Lebenswelten. In Dharavi, dem Slum von Mumbai, leben rund 1 Million Menschen auf engstem Raum. Er wird zuerst genannt, wenn vom größten Slum der Welt die Rede ist. Wenn es um die Anzahl seiner Milliardäre geht, hält Indien mit 229 den dritten Platz in der Welt.
Was verschlägt einen britischen Bibliothekar in seiner Lebensmitte ausgerechnet hierher? Und nein, ja ich weiß, jetzt aus der Kolonialzeit zu erzählen, wäre einfach, diese bemerkenswerte Autorin aber hat einen anderen Plan, allerdings kommt auch sie nicht an den Spuren vorbei, die diese Zeit einem Land eingekerbt hat …
Das Pfarrhaus von Carys Davies
Hilary Byrd steckte in der Krise, eine depressive Stimmung hielt ihn im Klammergriff und jetzt war er hier. In Indien.
Für einen Glücksfall hatte er es gehalten in Mettupalayam das gleiche Zugabteil bestiegen zu haben wie dieser Pfarrer. Ohne Zögern hatte er dessen Einladung angenommen, in einem Bungalow, der in einem hübschen verwilderten Garten unweit dessen Pfarrhauses und inmitten von Teeplantagen gelegen war, zur Miete unterzukommen. Byrd war in einem Anflug von Verzweiflung, aus England geflohen und seit Wochen im indischen Tiefland bei drückender Hitze unterwegs gewesen. Seine Entlassung, die Nerven und seine fünfzig Lenze beschwerten ihn auch hier noch immer und sein Aufbruchsversuch zu neuen Ufern hatte den Bibliothekar schon zu reuen begonnen, seine Schwester musste Recht haben, sie war gegen diese Reise gewesen, als er in der Bergbahn auf den Gottesmann traf.
Unerklärlich für Byr, aber wohltuend, hier fand er Anschluß, was ihm Zuhause ausgesprochen schwer fiel. Jamshed, Rikschafahrer hatte sich ihm angedient. Der alte, lebensweise Mann, unterschied seine Kunden in Touristen und Weltverbesserer, letztere kamen hierher um im Waisenhaus oder anderswo zu helfen und obwohl Byrd alles andere als auf der Suche nach Kontakt war, gehörte dieser Alte jetzt so zu seinem Tag, wie der, das musste er eingestehen, hervorragende Tee der Gegend und die Schokolade mit Nüssen und Rosinen, die es hier tatsächlich auch gab.
Byrd begann sich zum ersten Mal seit Monaten zu entspannen. Hatte er doch hier in der Fremde ein Stück Heimat gefunden. Nicht zuletzt waren es die Gespräche, die er mit Jamshed führte, die seltenen immer passgenauen Einwürfe seines Gegenübers, der sein Englisch seit Jahr und Tag übte um sich im Wettbewerb mit den jüngeren Rikscha-Konkurenten abzusetzen.
Mit ihm traf er sich täglich am Fuß der Betontreppe des Anwesens. Das war an den guten Tagen.
Doch, hier oben, zwischen Teeplantagen und Nebelschleiern gefiel es ihm. Hier war es bunt, ungestüm und lebendig, auch wenn es Vielen an Allem fehlte.
Ihr fehlten beide Daumen. Das war ihm gleich aufgefallen, als sie ihnen beim Abendessen auftrug. Priscilla war die Adoptivtocher des Pfarrers und führte ihm nicht nur den Haushalt, sondern bekochte mit ihm auch Tag für Tag die Bettler, die aus der Stadt für eine warme Mahlzeit bis zum Tor kamen. Aber nicht weiter. Das war wichtig. Seit es nicht mehr einfach war, in diesem Land Christ zu sein.
An den schlechten Tagen, kam Hilary nicht aus dem Bett. Dann wartete sein Fahrer vergeblich, der Pfarrer ein Mann der Geduld, beobachte seinen Gast genau und er scheint einen eigenen Plan diesen dürren, baumlangen Fremden betreffend gefasst zu haben und mit dem rückt er, wenn auch durch die Blume, alsbald schon heraus. Die Andeutung dessen, was er vorschlägt, bringt Byrd komplett aus der Fassung …
Carys Davies, geboren in Nordwales, studierte moderne Sprachen in Oxford, arbeitete viele Jahre als Journalistin in Chicago und New York, lebt heute in Edinburgh. Sie gilt als eine der bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen britischen Literatur und wurde für ihre Romane sowie ihre Kurzgeschichtensammlungen mehrfach ausgezeichnet. Bereits ihre früheren Werke, darunter West (2018 ihr Durchbruch) und Ein klarer Tag, beide von mir sehr gerne gelesen und am Ende dieses Beitrages findet ihr wie gewohnt meine Besprechungen dazu hintern den Covern verlinkt, zeichneten sich durch sprachliche Präzision, psychologische Feinheit und ein besonderes Gespür für Außenseiterfiguren aus. The Mission House, wie dieser Roman im Original heißt, wurde 2020 von der Sunday Times zur „Novel of the Year“ gewählt.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint, eine stille Tragödie bahnt sich an und der naive Blick von Byrd auf diese Lebenswelt wird heftig geradegerückt. Man nimmt sich immer selbst mit, eine Flucht vor inneren Zwängen in die Fremde ist zwecklos, auch das muss er erkennen.
Straßengewirr, bettelnde Armut, die schwüle Hitze des Tieflandes, die nächtliche kühle des Hochlandes. Man ist sofort mittendrin. Faszinierend und begeisternd, wie Carys Davies dies in einer Unaufgeregtheit und mit nur wenigen Szenenbildern schafft, dass der eigene Kopf sofort die Bildlücken füllt. Unnötig zu sagen, wie sehr ich das mochte und damit nicht genug. Nach den ersten dreißig Seiten schon wird deutlich, dass all das was wir wissen und nicht wissen über Hilary Byrd, seine Motive, darüber was geschehen ist und wird, doch wohl nicht gut ausgehen kann. Oder doch? Davies überlagert ihre Handlung mit Andeutungsschatten und treibt mich durch die Seiten voran. Ich schwelge in Buntheit und Lebendigkeit, in Düften und Geräuschen.
Ihre Geschichte entfaltet sich mit bemerkenswerter sprachlicher Zurückhaltung, Davies ist eine stille, sehr genaue Beobachterin, bleibt dicht bei ihrer Hauptfigur Byrd, der verletzlich und orientierungslos in diesem Indien einen Neuanfang sucht, Angst hat vor der eigenen Courage und der dabei an die Grenzen seines eigenen Weltbildes stößt. Seinen westlichen Blick auf die indische Realität zeichnet die Autorin mit großer Feinfühligkeit nach, verzichtet auf übertriebene Tragik, setzt auf unausgesprochene Gefühle und subtile Konflikte, an denen sie uns zwischenzeilig teilhaben lässt.
Besonders beeindruckend, ich wiederhole mich, fand ich die Atmosphäre des Romans. Die nebelverhangenen Teeplantagen, die kolonial geprägte Bergstation und das abgeschiedene Pfarrhaus werden mit wenigen, präzisen Strichen lebendig. Unglaublich, wie sie es schafft solche Stimmungen so reduziert zu erzeugen!
Eva Bonné, die zu den renommiertesten Übersetzerinnen aus dem Englischen zählt, u.a. hat sie Texte des Literatur Nobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah und von Rachel Cusk übertragen, 2022 wurde sie mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet, verdanken wir die feinfühlige Übersetzung dieses Romans ins Deutsche. Knappe, wohldosiert eingesetzte Dialoge wechseln sich ab mit atmosphärischen Landschaftsschilderungen, die unaufdringlich eindringlich wirken. Davies, deren Schreiben von Reduktion und Zwischentönen lebt, darf ich durch diese Übertragung in meine Sprache durch Eva Bonnés Wirken sanft und eindrücklich erleben. Was für ein Lesegenuß!
Alles fließt an dieser Geschichte. Die Sprache leicht und zugänglich, die Szenerie exotisch und fremd, das hat mir ausnehmend gut gefallen.
Für alle von Euch, die auf eine rasante Handlung und spektakuläre Wendungen verzichten können, die aber gerne eine langsame Entwicklung von Figuren begleiten mögen und die subtile Spannung schätzen, werden mit Das Pfarrhaus eine Geschichte entdecken, die mit großer Empathie von Einsamkeit, Hoffnung und den Grenzen des gegenseitigen Verstehens erzählt. Eine Geschichte, die nach der letzten Seite lange nachwirkt und mich über das Bereichernde unerwarteter Begegnungen, über Fremdheit und Zugehörigkeit hat nachdenken lassen.
Fein kompiniert ist diese Welt der leisen Töne und bunten Farben. Ungemein stimmig und vereinnahmend. Wie ein breiter Fluß, dessen anderes Ufer wir oft nur im Dunst sehen können, ein Fluß, der uns eine angenehme Kühle bringt, ist mir dieser Roman während der zurückliegenden quälenden Hitzetage, in meinen schlaflosen Nächten, ein so wunderbarer Begleiter gewesen, dass ich sage: Dieses Buch gehört unverrückbar zu meinem Sommer 2026.

Schreibe den ersten Kommentar